Die Schweiz bei der EM 2016 Deutschland kann kommen

Noch steht der Gegner nicht fest, aber die Schweiz scheut nach dem Remis gegen Frankreich keine großen Gegner mehr. Ein Achtelfinale gegen Deutschland? Kein Problem - wenn man ins Finale will.

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Aus Lille berichtet


Die Antwort von Granit Xhaka kam ohne jede Verzögerung. "Ob wir jetzt Deutschland im Achtelfinale haben oder im Finale, das spielt keine Rolle", sagte der Schweizer Mittelfeldspieler nach dem 0:0 gegen Frankreich, mit dem die Alpennation sich erstmals überhaupt für die K.o.-Phase einer Europameisterschaft qualifiziert hat. Seine Demonstration des eidgenössischen Selbstvertrauens untermalte Xhaka mit einem sehr ernsten Gesicht, ganz offensichtlich wollen die Schweizer sich keinesfalls mit diesem Erfolg zufriedengeben. Das war die klare Botschaft des Mittelfeldspielers, der mehr und mehr zum Chef dieser Mannschaft wird. Zur Figur, die die Mentalität des Teams prägt.

Nach einem Sieg und zwei Unentschieden in der Vorrunde trifft die Schweiz nun als Gruppenzweiter am kommenden Samstag in Saint-Étienne auf den Zweiten der Gruppe C, in der noch Deutschland, Polen und Nordirland darauf hoffen, weiterzukommen. Es wäre ja naheliegend, sich die Nordiren zu wünschen, oder zumindest die Polen. Aber den Weltmeister? Jene Mannschaft, die bei sieben Turnieren seit 2002 sechsmal im Halbfinale stand?

Ja, gerne lautete die Antwort sämtlicher Schweizer. "Wenn man ins Finale will, dann muss man auch irgendwann durch die Deutschen durch. Das wäre ein schönes Spiel", sagte Xherdan Shaqiri, während Trainer Vladimir Petkovic erklärte: "Jetzt müssen die anderen Mannschaften es sich erst mal verdienen, gegen uns zu spielen. Wir sind weiter hungrig."

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EM 2016: Schweizer ermauern Remis

Diese kleine Revue des Schweizerischen Selbstvertrauens im Nachgang eines herrlich intensiven Fußballspiels war derart homogen, dass Beobachter später vermuteten, die Spieler und der Trainer hätten sich abgesprochen. Scheinbar hat die kleine Fußballnation noch viel vor, nachdem ihr EM-Projekt richtig Fahrt aufgenommen hat. Und diese Partie taugte tatsächlich ganz gut als Grundlage für solch eine offensive Herangehensweise.

Die Schweizer waren ein würdiger Gegner für Gastgeber und Turnierfavorit Frankreich. Die beiden Teams lieferten sich ein sehr intensives Spiel, in dem die Schweizer mehr Ballbesitz (58 Prozent) hatten - und eine beeindruckende Passquote von 92 Prozent. "Die Schweiz war manchmal etwas überlegen", räumte auch Frankreichs Trainer Didier Deschamps anerkennend ein. Kritiker können natürlich anmerken, dass die Nati sich keine einzige wirklich klare Chance erspielt hatte, während die Franzosen vier exzellente Möglichkeiten vergaben.

Trainer Petkovic erklärte, sein Team müsse "im letzten Drittel besser werden", noch fehlt der individuelle Glanz im Angriff. Dabei schafft es Shaqiri mal wieder nicht, zu zeigen, dass er ein Spieler ist, der sich auf höchstem europäischen Niveau heimisch fühlt, und auch den anderen Offensivleuten mangelte es an Durchsetzungskraft. Immerhin war der erst 19-jährige Breel Embolo, der für den Frankfurter Haris Seferovic in die Sturmspitze gerückt war, eine Bereicherung und bei dieser EM handelt es sich ja ohnehin um ein Turnier des Willens und der defensiven Ordnung. In diesen Kategorien sind die Schweizer ganz vorne dabei, und das gilt besonders für Yann Sommer und Granit Xhaka.

Ohne Demut gegen die Favoriten

Der Torhüter und der Mittelfeldspieler, die in den vergangenen zwei Jahren gemeinsam bei Borussia Mönchengladbach gespielt haben und deren Wege sich nach Xhakas Wechsel zum FC Arsenal trennen, bilden eine Achse der Widerstandsfähigkeit. In der Vergangenheit waren die Schweizer ja besonders gegen die großen Nationen des Fußballplaneten etwas zu demütig, es mangelte am Glauben, mithalten zu können, nun sagte Valon Behrami: "Dieses Spiel gegen Frankreich war ein guter Test, um zu schauen, wie wir gegen einen Großen bestehen."

Am Ende dieses Abends deuteten sie selbst die Materialschwäche ihrer Trikots als Symptom einer neuen Mentalität. Mindestens fünf der roten Trikots zerrissen im Verlauf dieses Spiels."Einen Schweizer kann man halt nur so stoppen", sagte Xhaka zu diesem Verschleiß. Und auch dieser kleine Scherz klang irgendwie nach der Hauptbotschaft der Spieler: Deutschland kann kommen.

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
schoenwetterschreiberling 20.06.2016
1.
Frankreich ist Turnierfavorit? Hab ich irgendwas versäumt?!
future-trunks 20.06.2016
2.
Zitat von schoenwetterschreiberlingFrankreich ist Turnierfavorit? Hab ich irgendwas versäumt?!
offensichtlich. bei den wettanbietern gab es vor dem turnier für frankfreich die niedrigsten quoten. aktuell liegt je nach anbieter aber auch schonmal Spanien knapp vor Frankreich.
phboerker 20.06.2016
3. Pfeifen im dunklen Walde
Das ostentativ zur Schau getragene angebliche Selbstvertrauen ist angesichts der bisherigen Leistungen kaum gerechtfertigt. Nur ein läppischer Sieg gegen EM-Neuling Albanien, ein weiteres Tor in einem Unentschieden gegen den enttäuschenden Gruppenvierten Rumänien, der seinen einzigen Punkt gegen die Schweiz errungen hat. Das Achtelfinale bedeutet, dass man zu den besten 16 Mannschaften Europas gehört. Das hätte bei den bisherigen EMs und WMs gerade einmal zur Qualifikation genügt. Ob die Schweiz nun auf Deutschland, Polen oder Nordirland trifft ist aber tatsächlich weitgehend egal. Gegen keine dieser Mannschaften wird sie ein Tor erzielen. Und aufs Elfmeterschießen sollten sich die Schweizer lieber nicht verlassen...
klaus.langebroeker 20.06.2016
4. Ja, sicher.......
Deutschland ist ein leichter Gegner, da wird die Schweiz auf alle Fälle ein Erfolgserlebnis haben.?
DerweißEwal 20.06.2016
5. Schweizer Weg
Zitat von klaus.langebroekerDeutschland ist ein leichter Gegner, da wird die Schweiz auf alle Fälle ein Erfolgserlebnis haben.?
Ich rechne nicht damit, dass die Schweiz bei dieser EM noch auf Deutschland trifft. Die neckische Bemerkung von Xhaka kam so wohl nur raus, weil der fragende Journalist ein Deutscher war. Aber bei einem Spiel Schweiz vs Polen wüsste ich nicht, auf wen ich tippen soll.
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