Sicherheitsmängel bei der EM 2016 Ich gehe mal durch, ich bin Journalist

Wie sicher war die Europameisterschaft wirklich? SPIEGEL-Reporter Rafael Buschmann wollte wissen, wie weit er in den Stadien gehen kann. Am Ende stand er in der Kabine der deutschen Nationalmannschaft.

Rafael Buschmann

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Ich saß im vergangenen November im Stade de France, als Terroristen das Stadion stürmen wollten, um ein Länderspiel mit rund 80.000 Zuschauern in ein Massaker zu verwandeln. So wie sie es nur einige Kilometer entfernt mit den Konzertbesuchern im Bataclan getan haben. Die Angreifer schafften es glücklicherweise nicht ins Stadion, sie sprengten sich davor in die Luft.

Ich habe in den darauffolgenden Tagen, Wochen und Monaten immer wieder über diesen Moment nachdenken müssen: Was wäre passiert, wenn die Terroristen dieses Stadion tatsächlich in ihre Gewalt gebracht hätten? Mich schauderte es immer wieder. Journalistisch trieb mich aber noch eine andere Frage um: Woran sind sie eigentlich gescheitert?

Ein Stadion ist keine Festung, die meisten Spielstätten sind sehr verwinkelt, haben zahlreiche Haupt-, Seiten-, und Sondereingänge. Es gibt tiefe Zäune und immer wieder auch Lücken im Sicherheitssystem. Zudem sind die Stadionordner keine ausgebildeten Sicherheitskräfte, schon gar keine Anti-Terror-Einheiten.

Was ich habe, ist eine Akkreditierung für die Pressetribünen. Wir Journalisten tragen diese Akkreditierungen während eines Turniers wie eine Hundemarke um den Hals. Zur EM nahm ich mir vor, in den Stadien ganz besonders auf die Sicherheitsabläufe zu achten.

Lille, Deutschland gegen die Ukraine, Gruppenphase

Es regnet wie aus Kübeln, wir fahren mit dem Auto zum Stadion. Vor der Einfahrt müssen wir stehen bleiben, signalisiert uns ein älterer Herr auf einem Klappstuhl. Er macht eine so lässige Handbewegung wie sonst nur Clint Eastwood in "Dirty Harry". Er lässt den Fahrer des Autos aussteigen, schaut in seinen Rucksack, lässt den Kofferraum öffnen. Dann fahren wir weiter.

Hm, sage ich, und was ist mit meinem Rucksack, meiner Computertasche? Mich, den Beifahrer, hat Dirty Harry völlig ignoriert. Unter unser Auto hat er auch nicht geschaut. Ich blicke zurück und sehe ihn wieder auf seinem Stuhl sitzen.

Im Parkhaus gibt es Beschilderungen, wir sollen einen speziellen Ausgang nehmen. Machen wir kreuzbrav. Als wir die Tür öffnen, sehen wir ein weißes Zelt, wir werden es während des Turniers noch häufiger zu sehen bekommen: Es ist eine Art mobile Flughafenkontrolle. Man muss dort sein Gepäck abgeben, seinen Laptop separat scannen lassen. Dann wird man auch noch von allen Seiten abgetastet. Sehr professionell, ich fühle mich sicher.

Im Medienzentrum angekommen, prahlen Kollegen damit, dass sie im Parkhaus einfach eine andere als die ausgeschilderte Ausgangstür genommen haben und prompt mitten auf dem Stadionplatz standen. Ohne Kontrolle, ohne Abtasten. Das muss ich auch probieren. Und easy, das klappt tatsächlich.

Später wird sich der Fotograf Reinaldo Coddou bei mir melden. Er hat drei Spiele im Pariser Stade de France gesehen, bei allen drei Spielen konnte er durch die andere Ausgangstür ins Stadion gelangen. Dazu muss man sagen: Fotografen haben mehrere Rollkoffer dabei, großes Equipment, viel Stauraum. Dass sie unkontrolliert ins Stadion gelangen, verursacht bei mir Magenschmerzen.

Die erste Turnierwoche bestätigt alle Sicherheitssorgen, die es vor dem Turnier gab: Die Terrorgefahr, die latent eh immer da ist, dazu haufenweise marodierende Hooligans und französische Gewerkschaftskämpfe. Der viele Regen, der jedes Sicherheitskonzept noch zusätzlich erschwert, scheint auch nicht aufhören zu wollen. Man merkt die Anspannung in diesem Land, wenn man einen Flughafen, einen Hauptbahnhof oder den Vorplatz eines Stadions betritt.

Überall wartet Militär mit grimmigem Blick und Maschinenpistolen. Bei den Menschen merkt man die Angst nicht. Egal ob in den Bars, Discos, Supermärkten oder Restaurants, die Menschen sind entspannt, keiner äußert in den vielen Gesprächen irgendwelche Sicherheitsbedenken. Einer sagt mir, Terroranschläge sind "wie ein Unwetter, davor könne man sich auch nicht schützen". C'est la vie.

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Frankreichs Polizei: Kampf an zu vielen Fronten

Toulouse, Italien gegen Schweden, zweiter Spieltag

Heute habe ich etwas mehr Zeit, in Toulouse scheint die Sonne, das Stadion liegt irgendwo am Horizont. Man kommt mit dem Taxi bis höchstens 500 Meter ran, alles drumherum ist weiträumig abgesperrt. Überall stehen Polizisten und Sicherheitskräfte. Das Stadion ist klein, der Vorplatz auch, durch die Nähe zur Stadt gibt es viele Seitengassen, die gesichert werden müssen. Der Presseeingang ist dermaßen kompliziert zu finden, dass ich davon überzeugt bin, dass ein Terrorist bereits an dieser Herausforderung scheitern würde. Ich müsste eigentlich über eine lange Brücke gehen, dann wieder runter, um ein Haupthaus herum, in ein Gebäude hinein, und danach kommt da vorn irgendwo irgendwann eine Sicherheitskontrolle, erklärt mir ein freundlicher Volunteer.

Ich erinnere mich an Lille und frage mich, ob das nicht auch einfacher geht. Geht es. Unter der Brücke gibt es zwei Bauzäune, beide aneinandergestellt und mit einem Schloss verriegelt. Man kann sie einen Spalt breiter ziehen und schwupps, ich stehe auf dem Stadionvorplatz. Mit meinem Rucksack. Ich laufe bis zum Medieneingang, gehe raus und lasse mich noch einmal ordnungsgemäß scannen. Ich will sehen, ob es hier auch Dirty Harrys gibt. Aber die Sicherheitskräfte machen das an diesem Kontrollpunkt gut, gründlich. Ich hoffe, kein anderer bemerkt die Lücke im Zaun.

Nun werde ich aber langsam etwas mutiger und will sehen, welche Sicherheitskontrollen ich hier noch umgehen kann. Als Erstes fällt mir ein: Das Spielfeld! Ich will sehen, ob ich auf den Rasen komme. Fünf Minuten später stehe ich etwa acht Meter von Zlatan Ibrahimovic entfernt, der gerade seine Monstranz von Oberschenkel dehnt. Das Betreten des Innenraums, so nennt es die Uefa, ist eigentlich jedem strikt untersagt, der dafür keine Berechtigung hat. Hab ich nicht. Nur meine Journalisten-Hundemarke. Der Dirty Harry, der mich vor dem Eingang zum Innenbereich kontrollieren sollte, saß etwa zehn Meter von der Eingangstür entfernt. Ihm reichte ein Blick auf meine Akkreditierung, keine Regung, ich lief zu Zlatan.

Am Abend wird es in St. Etienne zu einer Spielunterbrechung zwischen Tschechien und Kroatien kommen. Kroatische Chaoten haben Feuerwerkskörper und Bengalos aufs Spielfeld geworfen. Einige Tage später tauchen Lagepläne der Unruhestifter auf. Sie haben sich ganz genau markiert, an welchen Stellen es einfach ist, die Pyrotechnik ins Stadion zu schmuggeln. Später heißt es aus Sicherheitskreisen, dass wohl einige der Böller bereits am Abend vor dem Spiel ins Stadion geschmuggelt und dort deponiert wurden. Nach allem, was ich hier erlebe, kann ich mir das problemlos vorstellen.

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Uefa-Disziplinarkommission: Fackeln, Schläge, Flitzer

Paris, Prinzenpark, Deutschland gegen Nordirland, letztes Gruppenspiel

Die Eindrücke von Toulouse lassen mich nicht wirklich los. War das nur eine Ausnahme? Oder ist es wirklich so einfach, bis zum Spielfeld vorzudringen? In Paris, dem Herzen Frankreichs, erwarte ich großen Widerstand der Sicherheitsleute gegen meine Dreistigkeit. Jeden Moment, denke ich, werden sie mich erwischen, mir bestimmt irgendwann meinen Arm umdrehen und mich rauswerfen. Mindestens.

So schlendere ich also wieder auf die Kontrolle vor dem Innenbereich zu, ich grüße freundlich, die Ordner grüßen freundlich zurück. Nur keine Hektik. Ich gehe direkt bis hinter das deutsche Tor, genau dann, wenn die ersten Spieler aus der Kabine herauskommen. Lukas Podolski guckt mich etwas entgeistert an und schießt dann einen Ball in meine Richtung. Er verpfeift mich aber nicht, sondern belässt es bei seinem Lausbubenlächeln. Ich schlendere am Spielfeld entlang, schaue mir an, wo der Spielertunnel ist und stelle mir die Frage, ob ich darüber nicht in die Kabinen kommen könnte. In die heiligen Hallen der Mannschaften. Das wäre zu verrückt. Ich muss es ausprobieren.

Nach der Partie warte ich noch, bis die Spieler das Stadion verlassen haben, dann mache ich mich auf meinen Weg. Innenraum, Spielertunnel und auf einmal stehe ich in der deutschen Nationalmannschaftskabine. Kein Dirty Harry weit und breit. Das Büfett mit Nudeln und Hähnchen ist noch warm, auf dem Tisch sind die Teller fein säuberlich aufeinandergestapelt. In einem Nebenzimmer hängt noch ein Flipchart mit mehreren Pfeilen, die wohl die Laufwege vor einem Eckball darstellen sollen. In der Dusche gibt es ein Waschbecken, das voller Gras ist. Hier hat irgendwer seine Schuhe sauber gemacht.

Ich gehe eine Kabine weiter.

Bei den Nordiren sieht es aus wie bei einem Teenager, der sturmfrei hatte. Auf dem Tisch stehen mehrere Pizzaschachteln, offene Toastbrotpackungen, Energiedrinks liegen auf dem Boden, nur der Obstkorb sieht aus, als sei er nicht angerührt worden. Ich frage mich, ob die Nordiren vielleicht mal mit einem Ernährungsberater zusammenarbeiten sollten. In der Dusche liegt noch ein Paar Stutzen herum.

Ich gehe wieder raus, laufe an dem Schiedsrichterzimmer vorbei, öffne kurz die Tür, auf der "Doping Control" steht. Aber da ist noch jemand drin, deshalb schnell weiter. Auf meinem Weg sehe ich sie, die vielen Dirty Harrys, alle entspannt, locker, das Spiel ist aus. What's the matter, my friend?

In den kommenden Tagen und Wochen wird es noch viele weitere solcher Momente geben. Einmal überrasche ich sogar noch einige Spieler der kroatischen Mannschaft nach ihrem Ausscheiden gegen Portugal in ihrer Kabine. In Lens kann ich während des Spiels in einer Art Heizungsraum herumlaufen, mir die großen Lüftungsanlagen ansehen. Nach dem deutschen Achtelfinale gegen die Slowakei stehe ich wieder in der Kabine von Joachim Löws Mannschaft. Vor mir in der Dusche die große, grüne Eistonne, die Per Mertesacker bei der WM 2014 so berühmt gemacht hat. Beim Rausgehen aus der Kabine treffe ich auf einen Sicherheitsmann, Headset im Ohr, grimmiger Blick. In seinen Händen hält er einen Teller voll mit DFB-Nudeln: Bon appétit! Um nicht aufzufallen, schnappe ich mir ein Powergetränk aus dem Kühlschrank. Wir prosten uns zu, ich setze mich einen Augenblick auf die Bank, auf der vorher auch die Nationalspieler gesessen habe. Ich trinke, der Sicherheitsmann verschlingt die Nudeln.

Völlige Sicherheit gibt es nicht. Und ich halte selbst den Wunsch danach für Unsinn. Je mehr wir nach Sicherheit verlangen, desto mehr Freiheiten müssen wir aufgeben. Wer häufiger mit dem Flugzeug unterwegs ist, versteht, wie nervig und oft sinnlos die Sicherheitskontrollen sind. Franzosen lieben ihre Freiheiten, sie sehen sie als ein ausgesprochen hohes Gut. Und das ist richtig so. Der Text hier taugt nicht zu einem Skandal, er soll weder die Sicherheitskräfte noch die Uefa anschwärzen. Meine Reise durch die Welt der Sicherheitslücken hat mir vielmehr gezeigt, dass kein Ziel komplett geschützt werden kann. Dass kein Ordner immer alles im Blick haben kann. Dass kein noch so gutes Konzept gegen die Kreativität des einzelnen Menschen geschützt ist. Das müssen wir aushalten.



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jeze 10.07.2016
1. Gefühlte Sicherheit
Es geht so oder so nur um gefühlte Sicherheit. Im Ernstfall ist es nicht zu verhindern, dass Terroristen ins Stadion kommen - das zeigen ja auch die Flughafen-Attentate. Die Sicherheitsvorkehrungen beziehen sich immer auf einen ersten Angriff. Wenn dieser aber die Sicherheitskontrollen außer Kraft setzt ist es bei einem nachfolgenden Angriff auch keine Problem diese zu überwinden. Genauso operieren die Terroristen ja leider zu Zeit.
sikasuu 10.07.2016
2. Der Bericht überrascht mich nicht! Gleiches ist auf Flughäfen....
... zu bemerken. . "Vor dem Zug", nach Außen hin, ein fürchterliches Theater, wenn man die Abläufe kennt, einen "Hundemarke" passenden Aussehens hat und sich entsprechend selbstbewusst bewegt, kommt man in viele Bereiche rein, in denen man gar nicht zu suchen hat! . Sicherheit ist relativ, aber das "plakative, Placebospiel" das den Menschen Sicherheit vorgaukelt, ist in vielen Fällen nur noch peinlich:-((
surry 10.07.2016
3. Siherheit?
Es wäre zum Lachen - wenn es nicht so ernst wäre. Was die Politik und Konzepten bietet (egal auf welchen Gebiet) ist Aktionismus - die Fäden haben andere in der Hand und die werden bei güngtigr Gelegenheit daran ziehen und unsere Puppetzbewegen
Achmuth_I 10.07.2016
4. Danke für den Schlussabsatz.
Das gilt übrigens nicht nur für Sicherheit, das gilt für alle Absolutismen.
insideman 10.07.2016
5. Profiling
Sie sehen nun mal nicht aus wie Menschen die für die meisten Anschläge der letzten 10 Jahre verantwortlich sind. Sie sind Europäer und kaukasisch. Probieren sie das ganze mal mit einem Kollegen aus dem mittleren Osten und der Mann kommt keine 10 Meter weit.
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