Sportmediziner gibt Lienen recht "90 Minuten durchspielen ist zu viel"

Viel zu viele Spiele: Ewald Lienen hält die EM-Stars für völlig überlastet. Sportmediziner Wilhelm Bloch unterstützt den Trainer des FC St. Pauli - und fordert eine wichtige Regeländerung.

Franck Ribery im DFB-Pokalfinale
REUTERS

Franck Ribery im DFB-Pokalfinale

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Während bei der EM in Frankreich die entscheidenden K.-o.-Spiele laufen, rechnet Ewald Lienen mit dem Modus der Großturniere ab. "Unser Fußballbetrieb ist völlig aufgebauscht. Die Spitzenspieler sind für mich völlig überlastet", sagte der Trainer des Zweitligisten FC St. Pauli in einem Interview, über das zuerst die "Hamburger Morgenpost" berichtete.

"Wenn ich Bastian Schweinsteiger sehe! Der hat mit 31 gefühlt die Karriere eines 37-Jährigen hinter sich. Weil er alle zwei Jahre eine EM oder WM spielt. Diese Leute können sich fast nie regenerieren oder erholen."

Er glaube, fuhr Lienen fort, "dass das Produkt seit Jahren immer mehr verwässert. Weil es eben nicht geht, dass du 60 oder 70 Spiele auf hohem Niveau spielen kannst. Und noch mal und noch mal und noch mal..."

Im Netz wurde der eigenwillige Coach für seine Aussagen umgehend gefeiert. Aber liegt Lienen mit seinen Vorwürfen richtig - oder kann man solche Belastungen von hochbezahlten Stars verlangen?

Ewald Lienen
DPA

Ewald Lienen

Professor Wilhelm Bloch von der Sporthochschule Köln gibt dem Fußball-Romantiker Lienen recht. "Die Belastung von Top-Spielern ist aufgrund der hohen Spieldichte schon extrem", sagt der anerkannte Sportmediziner zu SPIEGEL ONLINE. "Das Spiel ist in den vergangenen Jahren ja viel schneller geworden. Es gibt viel mehr kürzere Sprints, die muskuläre Beanspruchung ist dadurch viel extremer."

Wie Lienen bemängelt auch Bloch eine zu kurze Regenerierungszeit für die Spieler nach Großturnieren wie WM oder jetzt die EM. "Man sieht ja, dass Vereine, die viele Spieler abgestellt haben, in der darauffolgenden Saison oft große Probleme bekommen."

Verletzungsanfälliger Bastian Schweinsteiger
DPA

Verletzungsanfälliger Bastian Schweinsteiger

Bloch bemängelt, dass Schlüsselspieler von ihren Klubs auch nach einer anstrengenden Saison mit vielen Champions-League-Spielen oft nicht wie medizinisch notwendig geschont würden. "Wir sind da bei der Belastung momentan an der Grenze." Die Spieler müssten aber ihre Muskeln regenerieren können.

Als abschreckendes Beispiel erinnert der Sportmediziner an das diesjährige Pokalfinale zwischen Bayern München und Borussia Dortmund, als Bayern-Star Franck Ríbery in der Verlängerung ausgewechselt wurde und nur noch mit letzter Kraft über die Bande am Spielfeldrand klettern konnte. "So etwas kann doch nicht sein", sagt Bloch. "Noch die nächsten fünf, sechs Tage geht dieser Spieler zu Hause auf dem Zahnfleisch." Mit zunehmendem Alter würden die Spieler ohnehin anfälliger und bräuchten länger, um Verletzungen auszukurieren.

Prof. Dr. Wilhelm Bloch
Privatfoto

Prof. Dr. Wilhelm Bloch

Aber was müsste geändert werden, damit sich solche Szenen wie bei Ribery nicht mehr ereignen? Sportmediziner Bloch schlägt eine Änderung der Regeln vor, wenn es nicht zu weniger Spielen komme. "In der amerikanischen Basketball-Liga NBA haben die Spieler zwar manchmal drei oder vier Matches pro Woche. Aber sie können während des Spiel immer wieder ein- und ausgewechselt werden."

Er halte zwei oder drei Fußballspiele pro Woche für nicht so problematisch, 90 Minuten oder länger durchzuspielen hingegen schon. Unter Sportmedizinern werde eine Änderung der Fußballregeln schon länger intensiv diskutiert. "Im Jugendbereich darf ja auch während des Spiels gewechselt werden. Darüber müssen wir nachdenken."

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AirStalz 01.07.2016
1. Überfordert??
Wieso sind Fußball Profis bei 60 Spielen im Jahr überfordert? NBA Basketball Profis spielen knapp 100 Spiele (inkl. Vorbereitung und Playoffs) im Jahr für den Verein plus Olympia plus EM plus WM und da jammert keiner. Meiner Meinung nach hat das mehr mit der allgemeinen Physis und der Einstellung zum "Beruf Sportler" zu tun, als Fußballer zu sein. Insgesamt jammern auf hohem Niveau.
urlauber10 01.07.2016
2. Einwechseln...
wie beim Eishockey. Kein Problem!!
Rahvin 01.07.2016
3. Champions League ist doch schon verwässert und passé
Laut Rummenigge planen die Topclubs die Superliga. Womöglich eine Weltliga. Damit wir endlich mal deutsche gegen brasilianische clubs spielen lassen können. Es wird Zeit dafür. Zusätzlich Bundesliga, Pokal, Champions League, EM, WM und Olympia. Und das alles ohne Doping, bitte schön.
quark2@mailinator.com 01.07.2016
4.
Wilde Wechsel wie beim Handball finde ich nicht gut, denn auch die Ausdauer sollte Spiele mit entscheiden. Vielmehr sollte man einfach festlegen, wieviele Spielminuten im Klubfußball ein Spieler maximal machen darf. Danach ist Schluß, d.h. entweder er wird ausgewechselt oder die Mannschaft hat einen Mann weniger.
tizian 01.07.2016
5. Richtig
Ich bin genau derselben Meinung. Es ist Wahnsinn, von Spielern 90 Minuten durchspielen zu verlangen, gerade auf dem heutigen Niveau. Gebt die Auswechslungen frei und lasst die Topspieler zwischendurch mal Luft holen. Das muss mit der Spielzeiterfassung geregelt werden, am besten wird die Uhr bei Auswechslungen einfach angehalten, damit das nicht -wie ja bisher schon teilweise- zum Hinhalten benutzt wird. In anderen Sportarten klappt es auch, warum nicht auch im Fußball? Die Bankspieler bekommen dadurch auch mehr Einsatzzeit und können Spielpraxis sammeln.
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