Portugal vs. Frankreich Warten auf den magischen Moment

Portugal trifft im EM-Endspiel auf Frankreich. Beide Teams orientieren sich gern am System des Gegners. Eine Analyse über die Faktoren, die im Finale den Unterschied machen könnten.

Cristiano Ronaldo
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Cristiano Ronaldo

Ein Gastbeitrag von Karsten Görsdorf


Der vor Finalspielen von Frankreichs Handballlegende Nikola Karabatic oft bemühte Satz, "ein Finale spielt man nicht, man gewinnt es", wurde nach den Halbfinalspielen der Fußball-EM ausgerechnet vom portugiesischen Trainer Fernando Santos zitiert. Neben dieser eher auf den Willen fokussierten Aussage geht es aber im Finale auch um die verschiedenen Leistungsvoraussetzungen der Teams und die strategischen Vorgaben der Trainer.

Wer sich die Namen der Leistungsträger und Stars beider Teams ansieht, von Pepe bis Ronaldo und Pogba bis Griezmann - der muss ein Feuerwerk des aktuellen Fußballs erwarten.

Wer aber auf die Spielweise der Mannschaften blickt, wird wenig Herausragendes im Sinne eines Aufeinandertreffens der besten Systeme identifizieren können. Frankreich und Portugal repräsentieren keinen extremen Spielstil. Sie wollen nicht wie Deutschland das Spiel über die gesamte Dauer kontrollieren. Sie wollen auch nicht resolut über das schnelle Umschaltverhalten in wenigen Phasen torgefährliche Situationen erspielen, wie etwa Italien.

Beide Trainer, Didier Deschamps und Fernando Santos, gingen während des Turniers offensiv damit um, dass sie ihr eigenes Spiel am Gegner orientieren. Da beide Teams im Mittelfeld stark mannorientiert verteidigen, wird die Euro wahrscheinlich nicht durch die strukturierte Überlegenheit von Systemen entschieden, sondern durch die individuelle Qualität der Spieler in den wenigen Momenten der Instabilität.

Portugal

Das Standardsystem der Portugiesen, wie sie es auch im Halbfinale präsentierten, ist ein 4-1-3-2, das sehr breit angelegt ist, wobei Renato Sanches sowie Joao Mário die Acht fast parallel zum 10er Adrien Silva interpretieren. Joao Mário lässt sich, wenn die Gegner über außen spielen, neben die Viererkette fallen. Ronaldos Rolle im Pressing bleibt, wie seit Jahren, undurchsichtig, keinem Muster unterliegend. Nach einer Führung wechselt Portugal vorzugsweise in eine 4-4-2-Staffelung.

Portugal...

  • schoss bislang acht Tore (1,33 Tore pro Spiel, gesamtes Turnier: 2,14 Tore pro Spiel) und
  • kassierte fünf Treffer (0,83 Gegentore pro Spiel).
  • Bei den erzielten Toren fielen sechs ohne den Einfluss von Zufallsmerkmalen, zwei mit.
  • Zwei Tore fielen nach klassischen Ballkontrollphasen (18 und 16 Sekunden lang).
  • zwei fielen nach Situationen, in denen Portugal den Ball vorher besaß und dann kurz die Kontrolle verlor, ihn wieder durch optimales Gegenpressing eroberte und dann über zwei Stationen abschloss.
  • Ein Tor, das 1:1 im Viertelfinale, fiel mit viel Tempo gegen eine bereits geordnete defensive polnische Mannschaft nach nur elf Sekunden.
  • Drei Tore fielen nach Umschaltverhalten, das sicher zu den besten im Turnier gehörte.

Pro Spiel schoss Portugal 13,25-mal auf das Tor (in allen Turnierspielen wurde 26-mal auf das Tor geschossen). Deutlich fiel nur das Achtelfinale gegen Kroatien ab, als das Team nur drei Torschüsse kreierte. Von den 106 Versuchen gingen 33 auf das Tor. 47 (!) gab allein Cristiano Ronaldo ab. Didier Deschamps bemerkte richtig: "Wenn es einen Anti-Ronaldo-Plan gibt, dann hat ihn bis jetzt noch keiner gefunden."

7,17 Ecken erspielte sich das Team pro Spiel. Dass Ronaldo hier neben Nani herausragende Fähigkeiten besitzt, dürfte vor allem in Wales noch einigen bekannt sein. Portugal selbst ließ durchschnittlich nur zwei gegnerische Ecken (in den jeweiligen 90 Minuten Bruttospielzeit) zu.

Hier scheint durch die hohe Präsenz im Zentrum ein Fokus in der Defensive zu liegen. Durch die ungewöhnliche Mannorientierung (trotzdem mit 11,7 Fouls weniger als der Schnitt des Turniers) müssen die Gegner über außen spielen, haben dann aber wenig Präsenz im Strafraum - deshalb gibt es kaum Eckbälle. Das führte dazu, dass Wales in der ersten Halbzeit nur einen Torschuss hatte. Nicht verschwiegen werden darf, dass durch diese Spielweise Portugal auch selbst nur einen Torschuss verbuchen konnte.

Eine sehr gute Lösung gegen dieses System präsentierte Polen im Viertelfinale beim 1:0. Ein langer diagonaler Ball von Lukasz Piszczek, der von Cédric unterschätzt und unterlaufen wird, Kamil Grosicki kann frei flanken und findet Robert Lewandowski, der direkt abschließt. Zudem wurden weitere 24 der 43 Torschüsse gegen Portugal über außen vorbereitet, was auf einen der wenigen echten teamorientierten Schwachpunkte hindeutet.

Frankreich

Frankreich hat seine fünf Siege und das Unentschieden gegen die Schweiz in zwei Formationen erspielt: 4-3-3 und 4-2-3-1. Dies bedeutet, dass Paul Pogba und Blaise Matuidi auf der Doppelsechs vor der Viererkette agieren, Moussa Sissoko und Dimitri Payet über die Flügel kommen und Antoine Griezmann hinter der Spitze Olivier Giroud für Druck sorgt. Auch gegen Deutschland verteidigte Frankreich mannorientiert im Mittelfeld und auf beiden Flügeln. Dadurch zwingen die Franzosen, ebenso wie die Portugiesen, den Gegner in zahlreiche Eins-gegen-eins-Situationen. Hier könnten Dribblings von Sanches oder Ronaldo für Raumgewinne zwischen den Linien der Franzosen sorgen.

Frankreich erzielte

  • bislang 13 Tore (2,17 Tore pro Spiel)
  • und musste vier Gegentore hinnehmen (0,67 Gegentore pro Spiel).
  • 17,2 Torschüsse gaben die Franzosen pro Spiel ab.
  • Von den 103 Versuchen gingen 36 auf das Tor.
  • Pro Spiel (in 90 min) erarbeiteten sich die Franzosen im Schnitt sechs Ecken und mussten vier gegnerische Ecken verteidigen.

Die Phasen des Angriffspressings der Franzosen dauerten in den meisten Partien, wie auch gegen Deutschland, rund zehn Minuten. Danach war die Équipe Tricolore nicht zwingend darauf aus, den Ball zu kontrollieren. Wie Deutschland gezeigt hat, konnte durch die hohen Positionen der Außenverteidiger und vor allem einer hohen läuferischen Aktivität, mit mehr als Cruising-Geschwindigkeit, abseits des Balls die gesamte französische Mannschaft in deren Hälfte gedrückt werden, wie auch die Daten der durchschnittlichen Ballkontrollphasen des DFB-Teams ab der 11. bis zur 20. Minute in der folgenden Abbildung zeigen.

Die Ballkontrollphasen des DFB-Teams
Institut für Spielanalyse GmbH

Die Ballkontrollphasen des DFB-Teams

Die Variabilität der Offensive kommt durch die verschiedenen Möglichkeiten zustande, auf die Frankreich zurückgreifen kann. Sie kamen nach drei Standardsituationen zum Torerfolg, nach drei Situationen, in denen sie optimal nach der Balleroberung umschalteten und sieben Mal nach einer offensiven Phase. Sieht man sich die offensiven Phasen mit Torerfolg näher an, werden die verschiedenen Muster deutlich. Frankreich kann durchaus 18 Sekunden den Ball kontrollieren, bevor sie ins Risiko gehen und einen Pass in die Tiefe spielen, sie können aber auch mit viel Tempo gegen einen bereits formierten Defensivverbund innerhalb von 14 Sekunden abschließen. Die Intuitionsimpulse der entscheidenden Spieler wie Paul Pogba oder Antoine Griezmann entscheiden hier über den Modus.

Fazit

Beide Teams haben keinen extremen Spielstil, es wird also mit hoher Wahrscheinlichkeit kein "Handballspiel" um einen Strafraum herum. Beide Teams agieren mannorientiert gegen den Ball, was für viele direkte Duelle im Zentrum spricht. Beide Teams haben überragende offensive individuelle Qualität an Bord - das Spiel wird mit erhöhter Wahrscheinlichkeit in einem magischen Moment entschieden werden. Dieser wird wahrscheinlich über die Außenbahnen gelingen, weil dort die Abwehrreihen ihre Schwächen haben. Portugal ist stärker und stringenter im Umschaltverhalten, Frankreich variabler im strukturierten Offensivspiel. Wegen dieser Grundkonstellation könnte es dann doch wieder entscheidend sein, wer den größeren Willen hat.

Das Institut für Spielanalyse
    Das Institut für Spielanalyse arbeitet seit 2010 in der Nahtstelle zwischen Sportwissenschaft und Sportspiel-Praxis. Grundlage für die Analysen sind trainingswissenschaftliche sowie sportinformatorische Forschungsstrategien und Methoden, die dabei helfen, das Spiel zu lesen.

    Zu den bisherigen Kunden zählen unter anderen die Deutsche Fußball Liga DFL, die Beko Basketball Bundesliga, der FC Augsburg, 1899 Hoffenheim oder der VfL Wolfsburg.

    Seit 2015 bewertet das Institut für Spielanalyse unter der Marke Pro Facts für Fußballfans über den eigenen Facebook- und Instagram-Kanal die Leistung von Mannschaften vor, während und nach Spielen.

    Für SPIEGEL ONLINE kommen diese während der EM 2016 in Frankreich zum Einsatz.


insgesamt 9 Beiträge
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Bueckstueck 10.07.2016
1. 2004 v.2
Die Chancen stehen gut, dass das ein Finale der Art 2004 wird, nur diesmal bemühen sich wohl beide Mannschaften um Antifussball weil die eine zu hause gewinnen muss und die andere ein 12 Jahre altes Finaltrauma aufarbeitet. Gott steh' uns bei, das könnte furchtbar werden!
stoffi 10.07.2016
2. Ronaldos Tränen würden mich freuen ( wenn Frankreich siegt)
So eine langweilige EM habe ich bisher noch nie gesehen. Die CL anzusehen macht dagegen richtig Freude. Trotzdem gönne ich heute Abend den Franzosen den Sieg und den Titel im eigenen Land. Die Leute können etwas Jubel und Freude brauchen.
andreas13053 10.07.2016
3. Echt?
Welches Tor wurde denn dem Halbfinalgegner Frankreichs aberkannt? Oder braucht man heutzutage gar kein eigenes Tor mehr?
Friebott 10.07.2016
4. Dummes Zeug
Zitat von stoffiSo eine langweilige EM habe ich bisher noch nie gesehen. Die CL anzusehen macht dagegen richtig Freude. Trotzdem gönne ich heute Abend den Franzosen den Sieg und den Titel im eigenen Land. Die Leute können etwas Jubel und Freude brauchen.
Am Modus trägt weder Ronaldo noch Griezmann die Schuld. Verantwortung hierfür trägt der geldgeile bisherige UEFA Boss Platini. Portugal kann auch Jubel und Freude brauchen. Ich gönne denen den Sieg, die ein Tor mehr schießen, so einfach ist das, wir sind neutral, meine Frau und ich.
Lektorat Berlin 10.07.2016
5. Frankreich!
Frankreich! Frankreich! Frankreich! daumendrück, daumendrück...
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