Europaweite Fußball-EM 2020 Der Volltreffer

Die Uefa wagt eine Revolution: Die EM 2020 wird europaweit ausgetragen, nicht mehr nur in einem einzigen Land oder in zweien. Gut so! Den Ausrichtern bleiben Kosten in Milliardenhöhe erspart. Nicht einmal das Gegenargument, die besondere Atmosphäre des Events könnte leiden, zieht.

dapd

Eine Analyse von


Frankreich ist eine Fußballnation, doch die Ausrichtung der EM 2016 wird die Franzosen vor erhebliche Probleme stellen. Das Teilnehmerfeld wurde überflüssigerweise von 16 auf 24 Nationen aufgebläht, das Turnier wird zur logistischen Kraftanstrengung, die Milliardenkosten verursacht.

Von der Formel "24 Nationen, ein Turnier, ein Land" für das Jahr 2016 steigt die Uefa für das Jahr 2020 auf die Formel "24 Nationen, ein Turnier, ganz Europa" um - die Spiele werden dann in wahrscheinlich mehr als einem Dutzend Städten ausgetragen. Eines steht jetzt schon fest: Von Kraftakten wie Stadion-Neubauten, die Milliarden Euro kosten und nach einem Fußballturnier oft genug nicht einmal die Betriebskosten einspielen, bleibt der Kontinent wenigstens 2020 verschont. Und das ist gut so.

Portugal (EM-Gastgeber 2004) und Griechenland (Olympia-Gastgeber 2004) haben seinerzeit mit überdimensionierten Sport-Events ihre Staatshaushalte schwer belastet. Für ein paar Fußballspiele und Olympia stieg die Verschuldung um etliche Milliarden. An den Folgen laboriert man noch heute. Für die Euro 2004 beispielsweise wurden in Guimarães, Coimbra, Aveiro und Leiria jeweils Stadien für 30.000 Besucher und gerade mal zwei Vorrundenspiele aus dem Boden gestampft. In der Arena von Aveiro fanden seither jährlich nur vier Veranstaltungen mit durchschnittlich weniger als 2000 Zuschauern statt. Das Estádio Municipal de Aveiro ist, wie viele andere, eine Investitionsruine. Es belegt im sogenannten White Elephants Index, welche die Organisation Play the Game 2011 erstellt hat und dafür weltweit 75 Stadien in 23 Ländern analysierte, abgeschlagen den letzten Platz. Dem Stadion vom Lemberg, EM-Arena 2012, droht eine ähnlich desaströse Zukunft.

Erfreulicher wäre es natürlich, wenn dieser revolutionäre Beschluss, den das Uefa-Exekutivkomitee am Donnerstag verabschiedete, auf einem überzeugenden Plan basierte, wie derlei Mega-Events denn künftig ausgetragen werden könnten. Aber so weit ist die vom Franzosen Michel Platini geführte Uefa nicht.

Schließlich war es Platini, der die Euro auf 24 Teams erweiterte, weil er damit die vielen kleinen osteuropäischen Nationen belohnen wollte, deren Stimmen ihn 2007 zum Uefa-Präsidenten gekürt hatten. Platini ist mehr Taktiker als Stratege.

Gewiss werden Berlin oder München zu den Austragungsorten zählen

Für 2020 gab es bisher nur eine ernsthafte Offerte aus der Türkei. Dummerweise bewerben sich die Türken mit Istanbul aber auch für die Olympischen Sommerspiele 2020, die das Internationale Olympische Komitee (IOC) im September 2013 vergibt. Istanbul darf im Dreikampf mit Tokio und Madrid als Favorit gelten. Die Uefa lief also Gefahr, bis September 2013 auf das falsche Pferd zu setzen, denn bei einem Olympiazuschlag hätten die Türken ihre EM-Offerte zurückgezogen.

Nach etlichen fehlgeschlagenen sportpolitischen Manövern gelang Platini also seine Rettungsaktion. Fußball in ganz Europa. Ohne neue Schuldenberge - ein unvergleichlich nachhaltiges Mega-Event. Eine völlig neue Sache. Damit kann Platini Geschichte schreiben. Das Turnier im Jahr 2020 soll, so heißt es, eine Ausnahme bleiben. Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) wird sich bewerben. Und so werden gewiss Berlin oder München zu den Austragungsorten dieser Euro zählen.

Fußball-Großereignisse sind anders als etwa Olympische Spiele geradezu prädestiniert für eine Lösung, wie sie die Uefa nun angeht. Olympische Sommerspiele mit ihren 28 Sportarten sind eine weit komplexere Angelegenheit und ließen sich kaum so leicht aufsplitten. Logistisch dürfte die Euro 2020 unter Federführung der Uefa problemlos zu meistern sein.

Die Uefa bewies das in diesem Herbst gerade wieder an den insgesamt zwölf Vorrunden-Spieltagen in der Champions League (32 Top-Vereine) und der Europa League (48 Clubs). Gegenüber der Euro 2020 ist das eine Mammutaufgabe. Es werden allein die teilnehmenden Mannschaften auf eine Probe gestellt, die etwas mehr reisen müssen als gewöhnlich bei Europameisterschaften. Andererseits: Die Reisestrecken dürften bei den Weltmeisterschaften 2014 in Brasilien und 2018 in Russland größer sein.

Schade um die Atmosphäre? Portugal 2004 sollte Romantikern eine Warnung sein

Und wenn man so will, hat das DFB-Team in diesem Sommer in Polen und der Ukraine schon einen Vorgeschmack auf eine neu gestaltete Euro gegeben: In Danzig wurde logiert und trainiert, von dort aus ging es per Chartermaschine etwa zu den drei Vorrundenspielen in der Ukraine. 2020 könnte man dann daheim trainieren und würde ebenfalls mit dem Flieger die Spielorte ansteuern - ob nun London, Rom oder Barcelona.

Ja, natürlich werden die meisten EM-Spiele in Metropolen und Stadien stattfinden, wo stets hochklassiger Fußball geboten wird (mit Ausnahme von Berlin vielleicht, derzeit neben dem belgischen Brüssel einzige europäische Hauptstadt ohne Erstligaverein). Wird damit kleinen Nationen irgendetwas genommen? Absolut nicht - Platinis wahnwitziges 24er Turnier ist für die meisten Länder zwei Nummern zu groß. Frankreich wird das 2016 mit großer Mühe stemmen und gewiss wieder Milliarden aus dem Staatshaushalt verbrennen. Nach derzeitigem Stand wären wohl nur England und Deutschland in der Lage, dieses Mammutturnier auszurichten.

Verkümmern mit einer Euro 2020 in Metropolen irgendwo Entwicklungspotentiale? Absolut nicht. Das Beispiel Portugal 2004 sollte allen Romantikern eine Warnung sein. Niemand braucht leerstehende Arenen, die noch Jahrzehnte nach einem wenige Tage währenden Sportfest täglich horrende Betriebskosten verschlingen. Andere Argumente, wonach der Euro 2020 Flair abhanden käme, sind ebenfalls zu vernachlässigen. Die Frage ist doch: ein bisschen Flair oder Milliardenschulden? Zudem: Ein solches Turnier ist in erster Linie ein TV-Event. Das Fernsehen produziert die Bilder, die dann von Hunderttausenden beim Public Viewing und von Millionen an den TV-Bildschirmen im heimischen Wohnzimmer konsumiert werden. Woher diese Bilder kommen, ist nebensächlich.



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twister-at 07.12.2012
1. Und die Fans?
Ich bin kein Fußballfreund, mir kann es egal sein, aber für die Fußballfreunde dürfte sich das alles zum Debakel auswirken. Während man vorher noch sagen konnte "okay, ich organisiere mir meine Unterkünfte während der x Wochen in x-Land" wippt man nun von a-z, von London nach Berli, von Paris nach sonstwo oder wie? Die UEFA wird es freuen dank der Übertragungsrechte und Co, aber für den Fußballfreund wird es sehr teuer werden. Für die einzelnen Länder mag es günstiger werden, doch sie werden noch immer sehr viel Geld in die einzelnen Austragungsorte stecken und die UEFA profitiert davon, dass sich dies nun auf zig Länder verteilt. Imho nicht gerade optimal.
laolu 07.12.2012
2. Nicht so ganz durchdacht, das Ganze.
Zitat von sysopdapdGut so! Die EM 2020 wird europaweit ausgetragen, nicht mehr nur in einem einzigen Land oder in zweien. Den Ausrichtern bleiben also Kosten in Milliardenhöhe erspart. Nicht einmal das Gegenargument, die besondere Atmosphäre des Events könnte leiden, zieht. http://www.spiegel.de/sport/fussball/em-2020-uefa-entscheidung-fuer-europaweites-turnier-ist-richtig-a-871492.html
Dezentral ausgetragene Fußball-Events haben wir die Hülle und die Fülle. OK, hier handelt es sich um Vergleiche der Nationalmannschaften, aber nichtdestotrotz, zerfleddert auf viele Austragungsorte. Wie machen wir das dann mit den nächsten Olympischen Spielen?
qewr 07.12.2012
3. Wenn schon...
Zitat von sysopdapdGut so! Die EM 2020 wird europaweit ausgetragen, nicht mehr nur in einem einzigen Land oder in zweien. Den Ausrichtern bleiben also Kosten in Milliardenhöhe erspart. Nicht einmal das Gegenargument, die besondere Atmosphäre des Events könnte leiden, zieht. http://www.spiegel.de/sport/fussball/em-2020-uefa-entscheidung-fuer-europaweites-turnier-ist-richtig-a-871492.html
... denn schon: KEINE bereits qualifizierten Mannschaften! Alle sollten durch die Qualifikation muessen.
hubert.westerbeck 07.12.2012
4. So isses!
Der Mann hat Ahnung. Also dieser Jens Weinreich. Das sieht man an diesem Satz: (Zitat) Das Turnier im Jahr 2020 soll, so heißt es, eine Ausnahme bleiben - zum 60. Geburtstag der UEFA will man in ganz Europa Station machen. (Zitat Ende) So, so ... 2020 feiert also die UEFA ihren 60. Geburtstag. Blöd nur, dass die UEFA bereit 1954 gegründet wurde und im Jahr 2020 bereits 66 Jahre alt ist. Recherche ist nicht jedermanns Ding ...
lkknack 07.12.2012
5. Natürlich Stuttgart
Dann muss natürlich in Stuttgart gespielt werden. Neben hochklassigem Fussball gibt es dort dann eine tolle Infrastruktur. Stuttgart liegt 2020 bahntechnisch an der Achse Paris - Bratislava(oder war´s Budapest?) dank S21. Alternativ Freiburg, Strasbourg oder Basel im Dreiländereck. Europäischer gehts nicht.
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