EM-Aus gegen Italien: Verzockt
Ausgerechnet im Halbfinale gegen Italien versagte Joachim Löws Strategie. Gomez und Podolski blieben wirkungslos, die Startaufstellung von Kroos erwies sich als Fehlgriff, das Festhalten am Leader Schweinsteiger zahlte sich nicht aus. Der Bundestrainer steht als Verlierer da.
Am Ende dieses für den deutschen Fußball so enttäuschenden Abends versuchte sich der Bundestrainer in Schadensbegrenzung: "Es besteht jetzt überhaupt kein Anlass, alles in Frage zu stellen", betonte Joachim Löw und verwies auf die "zuletzt zwei tollen Jahre, in der sich das Team klasse entwickelt hat". Niemand konnte und mochte ihm widersprechen. Die Kritik an seiner Strategie gegen Italien dürfte er damit allerdings nicht entkräftet haben. Ausgerechnet im Halbfinale hat sich der Bundestrainer erstmals bei diesem Turnier verzockt.
In den vier Turnierspielen zuvor hatte Löw den Gegner und die Öffentlichkeit regelmäßig mit Personalentscheidungen überrascht - und damit jedes Mal richtig gelegen. Ob mit der Hereinnahme von Mats Hummels und Mario Gomez zu Turnierbeginn, mit der Aufstellung des Leverkuseners Lars Bender auf der für ihn neuen Position des Rechtsverteidigers gegen Dänemark oder mit den Offensivwechseln im Viertelfinale gegen Griechenland (4:2): Der Erfolg hatte ihm anschließend immer recht gegeben. Es war sogar von Löws Goldhändchen die Rede gewesen.
So erlag er der Versuchung, auch im Halbfinale eine neue Rochade zu wagen. Nun steht er als Verlierer da.
Der Effekt der Kroos-Aufstellung verpuffte
Den Fehler, Lukas Podolski und Mario Gomez nach ihrer Pause gegen Griechenland wieder in die Startelf zurückkehren zu lassen, revidierte der Bundestrainer zur Halbzeit. Podolski hatte in seinem 101. Länderspiel überhaupt nicht in die Partie gefunden. Gomez, der in der Gruppenphase auch starker öffentlicher Kritik getrotzt hatte, weil Löw ihm vertraute, wirkte nach seiner Zwangspause wie ein Fremdkörper im Sturm. Beide mussten nach 45 Minuten Miroslav Klose und Marco Reus weichen. Da stand es allerdings schon 0:2.
Nach dem Griechenlandspiel war Löws Maßnahme noch gefeiert worden, die Offensive für das Viertelfinale ausgewechselt zu haben. Doch genau das rächte sich gegen Italien: Gomez und Podolski schien die Unterbrechung jedenfalls nicht gutgetan zu haben, sie machten einen verunsicherten Eindruck. Und ihre Ersatzleute Marco Reus und Miroslav Klose, die als Startspieler gegen Griechenland so überzeugend waren, hatten als Einwechselspieler nur wenig zu bieten.
Auch im Mittelfeld hatte der Trainer diesmal keine Fortune. Toni Kroos, der erstmals von Anfang an mitwirken durfte, sollte laut Löw "die Zentrale gegen Italiens Ideengeber Andrea Pirlo stärken". Das gelang dem Münchner allerdings nur in der Anfangsphase. Dann hatte der Italiener sich freigespielt und schlug auch gegen die Deutschen seine punktgenauen Pässe. Dem Spiel nach vorne konnte Kroos ebenfalls keine Impulse geben. Der Effekt seiner Aufstellung verpuffte komplett.
Für Schweinsteiger ein Turnier zum Vergessen
Möglicherweise hätte Kroos auf der ihm im Verein vertrauten Sechser-Position wirkungsvollere Arbeit leisten können - anstelle von Bastian Schweinsteiger. Der "emotionale Leader" (Löw) bot auch im Halbfinale eine schwache Leistung. Bis auf die Partie gegen die Niederlande, in der er zweimal als Torvorbereiter für Gomez glänzte, war es ein Turnier zum Vergessen für den 27-Jährigen. Seine Verletzung scheint ihn doch stärker zu behindern, als er zugibt. Dennoch hielt Löw unbeirrt an ihm fest.
"Italien war einfach cleverer", befand DFB-Manager Oliver Bierhoff nach dem Spiel - aber er sagte damit nur die halbe Wahrheit. Die Italiener waren an diesem Abend nicht nur cleverer, sondern vor allem besser als die Deutschen. Das gilt für die gesamte Mannschaft wie für die Einzelspieler. Löws Gegenmaßnahmen griffen nicht - oder waren diesmal schlicht falsch. "Der Bundestrainer hatte einen Plan. Der ist allerdings leider nicht aufgegangen", fasste Reservist André Schürrle zusammen. Er traf es auf den Punkt.
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