1:0-Sieg über Russland: Griechenland gelingt das Wunder von Warschau

Von

Griechenland ist im letzten EM-Gruppenspiel ein Fußball-Wunder gelungen. Georgios Karagounis schoss sein Team zum Sieg über Russland - und ins Viertelfinale. Für das gebeutelte Land, das am Sonntag seine Schicksalswahl abhält, ein Festtag in schlimmer Zeit.

Gruppe A: Russland fahrlässig, Karagounis sensationell Fotos
REUTERS

Kein Spieler ist so sehr mit Griechenlands EM-Geschichte verknüpft wie Georgios Karagounis. Der Mittelfeldstratege ist auch beim Turnier in Polen und der Ukraine das Kopf und das Herz seiner Mannschaft - und wohl der Held eines ganzen Volkes, das am Sonntag vor einer Schicksalswahl steht. In seinem 120. Länderspiel, in dem er mit dem bisherigen Rekordhalter Theodoros Zagorakis gleichzog, erzielte der 35-Jährige den Siegtreffer zum 1:0 (1:0)-Triumph über Russland, der den Viertelfinal-Einzug bedeutete.

"Diese Nacht ist wichtig für uns und für alle Griechen. Unser Land macht gerade eine schwere Zeit durch. Das sind unfassbare Momente, ich danke Gott", sagte Karagounis. Mit dem Treffer schoss er nicht nur sein Team in die nächste Runde, sondern ein ganzes Land in den Freudentaumel. Griechenland, gebeutelt durch die monatelange Wirtschafts- und Währungskrise, an der Kandare der Gläubigerstaaten, hat endlich mal wieder Grund zu feiern.

Fotostrecke

5  Bilder
Entscheidendes Gruppenspiel: Griechenland jubelt sich ins Viertelfinale
In Athen wurden am späten Abend Feuerwerkskörper in den Himmel geschossen, in den Arbeitervierteln Patissia und Kypseli jubelten die Griechen schon wenige Minuten nach Abpfiff mit Autokorsos. "Endlich mal eine gute Nachricht, auch wenn sie nur den Fußball betrifft", sagte ein 25 Jahre alter Arbeitsloser im griechischen Fernsehen. "Heute Nacht vergessen wir unsere tragische Lage", sagte ein 72 Jahre alter Rentner, vor der Wahl eines neuen Parlaments am Sonntag.

Russland riskiert nichts, Griechenland mauert

Ganz anders die Russen, die durch die Niederlage und den 1:0-Sieg von Tschechiengegen Co-Gastgeber Polen im Parallelspiel ausschieden. Als sich das Team von Trainer Dick Advocaat scheinbar schon gedanklich in der Pause befanden, traf Karagounis (45.+2 Minute). Später sah er für eine vermeintliche Schwalbe die Gelbe Karte, seine zweite, und ist damit für das Viertelfinale gesperrt - in dem es gegen Deutschland gehen könnte, sollte die DFB-Elf am Sonntag den Gruppensieg feiern. "Nun lebt der Traum weiter. Wir mögen die Situation, wenn alle auf uns rumhacken - daran wachsen wir", sagte Griechenlands Torhüter Michail Sifakis.

Die Ausgangslage für die Griechen war so simpel wie schwierig: Sie mussten gegen Tabellenführer Russland gewinnen, um weiter zu kommen. Bei Punktgleichtheit zählt nicht die Tordifferenz aus allen Gruppenspielen, sondern der direkte Vergleich.

Das Team von Trainer Fernando Santos begann dann auch deutlich offensiver als noch in den ersten beiden Gruppenspielen. Schon in der sechsten Minute hatte Konstantinos Katsouranis nach einer Ecke die erste Chance, doch Russlands Torhüter Wjatscheslaw Malafejew reagierte stark.

Danach kam von Griechenland jedoch nichts Gefährliches mehr. Dafür überzeugten die Russen mit ihrer gefürchteten Kontern und dem schnellen Umschalten von Defensive auf Offensive. Die "Sbornaja" zeigte jedoch auch eine bekannte Schwäche - die Chancenverwertung. Je länger das Spiel dann dauerte, desto unansehnlicher wurde es. Die Griechen mauerten sich in der eigenen Hälfte ein. Russland versuchte sich an Angriffen ohne Risiko - wie fast immer in solchen Fällen entstand dadurch eine Patt-Situation.

Karagounis sieht Gelb für umstrittene Schwalbe

Als sich die rund 55.000 Zuschauer im Warschauer Nationalstadion schon auf die Pause eingestellt hatten, traf Karagounis in der Nachspielzeit der ersten Hälfte. Nach einem Einwurf legte Schirkow Karagounis den Ball unfreiwillig vor, der griechische Kapitän nutzte die Chance und ließ Malafejew keine Chance.

Vom Führungstreffer beflügelt traute sich Griechenland nach Wiederanpfiff gegen die verunsicherte russische Defensive im Angriff mehr zu, hatte Möglichkeiten zum 2:0 durch Georgios Torosidis (59.) und Salpingidis (60.). Zudem entschied Schiedsrichter Jonas Eriksson eine Minute später auf Schwalbe von Karagounis im Strafraum - eine umstrittene Szene, denn der Grieche wurde am Schienbein getroffen. Der Kapitän sah Gelb und ließ sich kaum beruhigen. "Vielleicht schaut sich die Uefa die Szene noch mal an. Das ist einfach nur schade und wäre nicht fair", sagte Kapitän nach dem Spiel.

Kurz darauf nahm Santos den Torschützen vom Feld. Die Taktik des Trainers war klar: Der Sieg sollte unter allen Umständen verteidigt werden. Trotzdem gab es weitere Torchancen: Georgios Tzavellas traf mit einem Freistoß aus rund 25 Metern in der 70. Minute das Lattenkreuz.

Die Russen, die zwar drei Angreifer eingewechselt hatten, wirkten hilflos. Sie fanden keine Lücken in Griechenlands tief stehender Abwehr und verrannten sich in Verzweiflungsaktionen. Erst in der 84. Minute gelang wieder ein gelungener Angriff - und prompt verpasste Alan Dsagojew den Ausgleich mit einem Kopfball nur um Zentimeter. Trotz mehrerer Angriffe gelang Russland kein Tor mehr.

"Wir haben nach vorne gespielt, Griechenland nur verteidigt. Wir hätten heute gewinnen müssen, aber Kompliment an Griechenland.", sagte Russland-Coach Advocaat.

Griechenland - Russland 1:0 (1:0)
1:0 Karagounis (45.+2)
Griechenland: Sifakis - Torosidis, Sokratis, K. Papadopoulos, Tzavellas - Katsouranis, Maniatis - Salpingidis (83. Ninis), Karagounis (67. Makos), Samaras - Gekas (64. Holebas)
Russland: Malafejew - Anjukow (81. Ismailow), A. Beresuzki, Ignaschewitsch, Schirkow - Schirokow, Denissow, Gluschakow (72. Pogrebnjak) - Dsagojew, Arschawin - Kerschakow (46. Pawljutschenko)
Schiedsrichter: Jonas Eriksson (Schweden)
Zuschauer (in Warschau): 55.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Karagounis (2), Holebas (2) / Anjukow, Schirkow, Dsagojew (2), Pogrebnjak

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 48 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. 111
WHO23 16.06.2012
Zitat von sysopREUTERSWer hätte das gedacht? Griechenland ist im letzten EM-Gruppenspiel ein Fußball-Wunder gelungen. Georgios Karagounis schoss sein Team zum Sieg über Russland - und ins Viertelfinale. Für das gebeutelte Land könnte der Erfolg eine große Bedeutung haben. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,839321,00.html
Bin mal gespannt was der Forist Crom dazu sagt. Für den war ja Russland die Supermannschaft.
2.
rolf sternberger 16.06.2012
Zitat von sysopREUTERSWer hätte das gedacht? Griechenland ist im letzten EM-Gruppenspiel ein Fußball-Wunder gelungen. Georgios Karagounis schoss sein Team zum Sieg über Russland - und ins Viertelfinale. Für das gebeutelte Land könnte der Erfolg eine große Bedeutung haben. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,839321,00.html
Wem sollte man es bei dieser EM mehr gönnen als den Griechen?
3. optional
Andrycha 16.06.2012
Verdiente Niederlage für die Russen. Haben wohl nach dem ersten Spiel gedacht die wären schon so gut wie Weltmeister (ja ja)
4. Tore sind egal?
necoma 16.06.2012
Zitat von sysopREUTERSWer hätte das gedacht? Griechenland ist im letzten EM-Gruppenspiel ein Fußball-Wunder gelungen. Georgios Karagounis schoss sein Team zum Sieg über Russland - und ins Viertelfinale. Für das gebeutelte Land könnte der Erfolg eine große Bedeutung haben. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,839321,00.html
Russland und Griechenland sind Punktgleich, Russland hat mehr Tore und nur der direkte Vergleich zählt? Wer hat sich denn so ein Schwachsinn ausgedacht. Russland ist für mich weiter weil sie einfach mehr Tore haben. So eine Regel ist einer EM oder WM nicht würdig. Schade um den Fussball. Das ist unsportlich.
5. Zufall oder .......?
k_2 16.06.2012
Zitat von sysopREUTERSWer hätte das gedacht? Griechenland ist im letzten EM-Gruppenspiel ein Fußball-Wunder gelungen. Georgios Karagounis schoss sein Team zum Sieg über Russland - und ins Viertelfinale. Für das gebeutelte Land könnte der Erfolg eine große Bedeutung haben. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,839321,00.html
Zufällig gelingt Griechenland ein Wunder vor der Abstimmung über den Euro? ... da ist im wahrsten Sinne des Wortes viel Geld im Spiel!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fußball-News
RSS
alles zum Thema Fußball-EM 2012
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 48 Kommentare
Fußball-EM 2012

Vote
EM 2012

Griechenland steht sensationell im EM-Viertelfinale - was kann das Team jetzt erreichen?

Fotostrecke
EM-Stars: Modedesigner, Helmträger, Super-Egos

Fotostrecke
Top-Talente bei der EM: Die Stars von morgen