Aus Warschau berichtet Oliver Trust
Otto Rehhagel wäre nie auf die Idee zu kommen, sich nach dem Halbzeitpfiff eine ruhige Ecke in Kabinennähe zu suchen, um eine Zigarette zu rauchen. Griechenlands derzeitiger Nationaltrainer Fernando Santos raucht vor, während und nach den Spielen - doch die Liebe zum Nikotin ist nicht der einzige Unterschied zu dem Deutschen, der 2004 mit Griechenland Europameister wurde.
Santos ist zwar wie Rehhagel aus hellenischer Sicht Ausländer. Doch in Griechenland wird er als Grieche gesehen. "Ich bin Grieche", sagt Santos selbst, obwohl er aus Portugal stammt und dort Clubs wie Benfica Lissabon und den FC Porto trainierte.
Während Rehhagel damals auf dem Podium referierte und seine typischen Phrasen drosch, plaudert Santos lieber über Grundsätzliches. Eher gehen den griechischen Journalisten die Fragen aus, bevor dem Trainer keine Antwort mehr einfällt. Statt Theatralik vermittelt Santos Sachlichkeit. Er ist der Anti-Rehhagel.
"König Otto" legte seinerzeit Wert auf Distanz zum griechischen Umfeld, Santos hingegen sucht die Nähe. Sein Lebensmittelpunkt ist Athen, wohingegen sein deutscher Vorgänger im Hotel nächtigte und nach den Spielen Richtung Deutschland entschwand.
Santos kennt die griechische Fußballseele
Doch die Probleme des griechischen Fußballs konnte Santos bislang nicht lösen. Mauscheleien zwischen Clubs, interne Machtkämpfe im griechischen Verband und die Gewalt vor und nach Ligaspielen sind in seiner Amtszeit seit 2009 immer noch vorhanden. Aber Santos versucht gar nicht, den Weltverbesserer zu spielen. Er ist ein Pragmatiker, der aus den Gegebenheiten die bestmögliche Lösung zu konstruieren versucht.
Der regelmäßige Kirchgänger - selbst in Warschau suchte er ein Gotteshaus auf - trainierte die griechischen Vereine Panatinaikos Athen, PAOK Thessaloniki und zweimal AEK Athen. Bei vielen Ligaspielen sitzt er als Nationalcoach auf der Tribüne. Er weiß um die Eigenheiten der griechischen Fußballseele. Viermal war Santos griechischer "Trainer des Jahres". Inzwischen hat er ein feines Gespür entwickelt und kennt die Augenblicke, in denen man in Griechenland ein kämpferisches Wort von ihm erwartet. Wie jetzt vor dem Viertelfinale gegen Deutschland am Freitagabend (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). "Wir sind nicht die Besten der Welt, aber um uns zu bezwingen, muss man Blut spucken."
Sonst liefert Santos kaum Stoff für Schlagzeilen. Als sein Vertrag vor der EM bis 2014 verlängert und eine Gehaltserhöhung von 450.000 auf 650.000 Euro vereinbart wurde, gab es im Verband das einzige Mal Streit um ihn. Das Salär des Nationaltrainers sei in Krisenzeiten nicht angebracht, hieß es. Verbandspräsident Pilavios Sofoklis sprach ein Machtwort: Santos habe sich mit der EM-Qualifikation quasi selbst bezahlt.
Santos legt großen Wert auf Disziplin
Auch wenn Santos nicht die Titelfülle von Rehhagel bieten kann: Der Mann ist nicht zu unterschätzen. Disziplin geht ihm über alles. Vor den Partien legt er Dossiers über den Gegner vor, in denen kein Detail fehlt. "Die Spieler sind immer informiert", sagt er.
In einem Punkt aber ähnelt Santos seinem deutschen Vorgänger: Zu Beginn seiner Amtszeit probierte der Portugiese aus, mit einem klassischen 4-3-3-System zu spielen. Das Experiment ging gründlich schief. Nach drei Versuchen kehrt er zum griechischen Ein-Stürmer-System zurück. "Die Taktik kommt immer zuerst", sagt er, "die Fähigkeiten der Spieler als zweites. Wir haben eine Mannschaft mit genau den Spielern für unser System, deshalb passt das."
Deutschland - Griechenland 20.45 Uhr (in Danzig)
(voraussichtliche Aufstellungen)
Deutschland: Neuer - Boateng, Hummels, Badstuber, Lahm - Khedira, Schweinsteiger - Reus, Özil, Schürrle - Klose
Griechenland: Sifakis - Torosidis, Sokratis, Kyriakos Papadopoulos, Tzavellas - Katsouranis, Maniatis - Salpingidis, Makos, Samaras - Gekas
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