EM-Spielstätte Die Chaos-Arena von Nizza

Mit einem Fußballstadion wollte sich der Bürgermeister von Nizza ein Denkmal setzen. Die Arena ist jedoch zu klein, zu teuer und schlecht erreichbar - und der Bau erfolgte unter umstrittenen Bedingungen.

AFP

Aus Nizza berichtet Annika Joeres


Wer am Sonntag um 18 Uhr das EM-Spiel zwischen Polen und Nordirland im Stadion sehen will, der muss nach dem Frühstückscroissant aufbrechen.

Die Spielstätte in Nizza liegt in einer Industriezone. Bei ihrem Bau vor wenigen Jahren hat die Stadt am Mittelmeer weder an Parkplätze noch an eine Zug- oder Straßenbahnanbindung gedacht. Deshalb rät sie den etwa 36.000 Fans mit einem Ticket nun, sich möglichst schon "morgens auf den Weg zu machen". Denn die Pendelbusse werden mit Fan-Autos im Stau stehen, aufgeheizt von der südfranzösischen Sonne.

Immerhin ist es im Stadion schattig: Über die Ränge wölbt sich eine Überdachung mit Solarpaneelen. Aber das Ökodach ist inzwischen fast das Einzige, was an der Arena noch sinnvoll erscheint. Es war wohl der chaotischste Stadionbau Frankreichs: zu groß für die Stadt, zu klein für die EM, zu teuer - und eben schlecht angebunden.

Der nationale französische Rechnungshof hat der Arena vor wenigen Monaten ein desaströses Zeugnis ausgestellt: Der Bau mit privaten und öffentlichen Geldern sei ein miserabler Deal für die Stadt gewesen. Mit hohen Mieten über 30 Jahre und den Kosten für die Infrastruktur müsse sie bis zu 372 Millionen Euro beisteuern, heißt es in dem Bericht. Ursprünglich waren einmal 50 Millionen angesetzt.

"Südfrankreich ist traditionell besonders korrupt"

Außerdem gibt es einige verdächtige Manöver rund um den Bau. Der französische Baukonzern Vinci Chart zeigen, dem auch die benachbarte Autobahn gehört, sei mit allerlei unerklärlichen Vorteilen bedacht worden: So strich die Stadt die Strafzahlung von mehr als drei Millionen Euro für die verspätete Fertigstellung. Zudem erhöhte der Mitstreiter Bouygues auf den letzten Metern sein Angebot grundlos um viele Millionen - der Rechnungshof vermutet Absprachen unter den Anbietern. Die Stadt verteidigte sich mit dem Argument, Bouygues habe sich "im Preis geirrt".

"Südfrankreich ist traditionell besonders korrupt", sagt der Präsident der französischen nichtstaatlichen Organisation Anticor, Jean-Christophe Picard, SPIEGEL ONLINE. "Hier fließt besonders viel Geld, denn hier machen besonders viele Reiche Urlaub." Und wo viel Geld im Spiel sei, werde auch viel bestochen. Wer von dem unsauberen Stadion-Deal profitiert, ist unklar - das werden die Pariser Ermittlungen wohl erst in einigen Monaten zeigen. Klar sei aber: "Jemand könnte hier geschmiert worden sein."

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Gemessen an seinen vergleichsweise wenigen Plätzen hat Nizza das teuerste Stadion Frankreichs gebaut. 372 Millionen Euro sind sehr viel Geld für eine Stadt, die mit knapp 400.000 Einwohnern gerade mal so groß wie Bochum ist. Bürgermeister Christian Estrosi hat es aber geschafft, die inzwischen von den Prüfern als falsch benannte Summe von 240 Millionen Euro in Umlauf zu halten.

Die Tribünen bleiben in Frankreich häufig leer

An der Côte d'Azur wird gerne geklotzt, und auch Estrosi lässt sich die Türen seiner Limousine manchmal von einem Chauffeur mit weißen Handschuhen aufhalten. Früher haben die Niçoiser den Bürgermeistern sogar ihre Babys entgegen gehalten, damit sie sie berühren. So weit geht die Verehrung heute nicht mehr, aber als Ex-Motorrad-Rennfahrer und strammer Nationalist hat Estrosi seine Fans. Während der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien verbot er "ausländische Fahnen" in der Innenstadt - bis das Verwaltungsgericht den Erlass schließlich als "nicht verfassungskonform" kassierte.

Mit dem Stadion wollte sich der Konservative ein Denkmal setzen, aber in Frankreich bleiben die großen Tribünen häufig leer. Dabei sind die Spiele im Nizza-Klub schon für 10 Euro zu besuchen. "Deutsche gehen auch aus Tradition oder Nostalgie ins Stadion - Franzosen nur, wenn ihr Klub erfolgreich ist", sagt der französische Sportsoziologe Ludovic Lestrelin.

Nun hat der Niçoiser Klub OGC Nice in dieser Saison immerhin den vierten Platz in der französischen Liga belegt. Voll war das Stadion deswegen nicht. Nach einer Niederlage war sogar häufig nur jeder dritte Platz besetzt. Die kommenden EM-Spiele zwischen Spanien und der Türkei, Schweden und Belgien sind natürlich ausverkauft. An der Unerreichbarkeit des Stadions wird sich aber erst einmal nichts ändern: Die Straßenbahn, die eigentlich zur Einweihung 2013 fahren sollte, wird voraussichtlich frühestens 2025 fahren. Rund zehn Jahre zu spät für die ausländischen Fans.



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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
paysdoufs 12.06.2016
1.
Was ist das denn für ein gehässiger Artikel? Die Arena in Nizza hatte dieses Jahr eine Auslastung von >50%. Und Stadien ohne Straßenbahn-Anschluss oder mit Tickets ab 10 EUR gibt es ja wohl auch in DEU genug. Außerdem vergisst der Autor den Stadionbesuch in Relation zu anderen Freizeitmöglichkeiten zu setzen. Und die sind wohl in Nizza etwas reichhaltiger als meinetwegen in Darmstadt oder Leverkusen.
manfred.gahr 12.06.2016
2. stimmt leider
Ich wohne in Vence bei Nizza. Wenn hier ein Fußballspiel ist, geht auf der Autobahn und allen Straßen in der Umgebung von Nizza nichts mehr. Das wird tagelang vorher angekündigt. Man bleibt dann am besten zu Hause. Die erste Straßenbahnlinie wurde nach X Korruptionsskandalen und technischen Problemen mit ca. 8 Jahren Verspätung fertiggestellt. Aber alles kein Problem: neben dem Stadium soll jetzt auch IKEA mit geschätzten 40.000 zusätzlichen Autos pro Tag gebaut werden. Öffentlichen Nahverkehr gibt es praktisch keinen. Gehässig? Nein, leider realistisch.
koh 12.06.2016
3. Was soll das?
Dieser Artikel ist völlig daneben und alle darin gemachten Vergleiche hinken gewaltig. Mag sein, dass beim Bau gefuscht worden ist. Aber die Argumente zur Notwendigkeit des Stadions sind nicht nachzuvollziehen. Noch mal zur Erinnerung: 1) Nizza ist die fünftgrößte Stadt Frankreichs, 2) Nizza ist Departments-Hauptstadt, 3) der dort spielende Verein liegt auf Platz 4 der ersten Liga. Ich denke kaum, dass es in dieser Situation möglich ist, ein Stadium zu haben das 'zu groß für die Stadt, zu klein für die EM' ist.
syssifus 12.06.2016
4. Klotzen und protzen
Alles Mist in NIzza,aber der "Palazzo Prozzo" vom großen türkischen Sultan mit 1000 Zimmern ist Klasse ? Da ist bestimmt noch eine Kemenate frei für dessen grosse dt.Freundin und wir sind die endlich los.
tommuc1978 12.06.2016
5. Lieber die Füße still halten
Ein Land wie unseres, dass aufgrund von totaler linker Inkompetenz und Korruption nicht mal in der Lage ist den Flughafen seiner Hauptstadt fertig zu bekommen, sollte lieber nicht mit dem Finger auf Bauprojekte in anderen Ländern zeigen. Für das Geld, dass unter Führung von Herrn Wowereit in Berlin versenkt wurde, hätten wohl sämtliche EM Stadien in Frankreich gebaut werden können. Also lieber mal vom hohen Ross herab steigen in vor der eigenen Türe kehren. Vielleicht haben wir dann ja 2020 endlich mal einen funktionierenden Flughafen in Berlin....
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