EM-Kolumne Jense - die tickende Torbombe

Die Geschichte des Fußballers Jens Nowotny ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Im Vorfeld der EM wurde darüber diskutiert, ob er ein Risiko für die deutsche Abwehr ist. Natürlich, denn in Wahrheit ist Nowotny gar kein Verteidiger, sondern Stürmer. Schuld daran, dass er trotzdem verteidigen muss, ist Berti Vogts.

Von Oliver Lück


Verhinderter Sturmtank Jens Nowotny: Mindestens 50 Zentimeter Oberschenkelumfang
AP

Verhinderter Sturmtank Jens Nowotny: Mindestens 50 Zentimeter Oberschenkelumfang

Es gibt Momente im Leben, deren Bedeutung man erst später richtig einzuordnen weiß. Oft erst viel später. Manchmal erst nach 14 Jahren. Meine erste und bis heute einzige Begegnung mit Jens Nowotny war so ein Moment. Es war der Frühling 1990, Deutschland sollte in wenigen Monaten Weltmeister werden. Ich war 16 und reiste mit der Landesauswahl Schleswig-Holsteins zum DFB-Länderpokal nach Duisburg.

In der Vorrunde mussten wir gegen die Elf des Badischen Fußballverbandes ran. Fast ausnahmslos riesige Kerle. Die meisten viel zu groß für ihr Alter. Ich weiß noch, dass wir Schleswig-Holsteiner Witze machten, dass der badische Trainer seine Mannschaft nach der Größe des Oberschenkelumfangs aufgestellt haben musste. Vor dem Spiel wurde gemessen, jeder mit mindestens 50 Zentimetern durfte mitmachen. In Wahrheit fanden wir das natürlich überhaupt nicht komisch. Heute kann ich es ja zugeben: Wir hatten die Hosen voll.

Umso überraschender kam es, dass wir, der Außenseiter, bis kurz vor Schluss mit 1:0 führten. Doch ähnlich wie der FC Bayern seine traumatischen Minuten beim 1:2 von Barcelona Jahre später erleben sollte, erlebten wir unser Trauma von Duisburg schon jetzt. Das Spiel ist vorbei, wenn der Schiedsrichter pfeift - zugegeben, eine blöde Weisheit, würde ein Spiel doch sicher nicht zwei Tage dauern, nur weil der Schiri nicht gepfiffen hätte. Jedenfalls pfiff er an diesem Tag viel zu spät. In der Nachspielzeit verloren wir mit 1:2. Doppelter Torschütze war der Libero der Badener, ein Spieler vom FC Germania Friedrichsthal: Jens Nowotny, heute Saubermann des deutschen Fußballs, Profi von Bayer Leverkusen und Nationalverteidiger.

Kleiner blonder Mann am Spielfeldrand

Am Spielfeldrand hatte damals auch ein kleiner blonder Mann mit Block und Stift in der Hand unsere Bemühungen, die badischen Riesen zu bezwingen, verfolgt. Jugendnationaltrainer Hans-Hubert Vogts hätte eigentlich erkennen müssen, dass Nowotny weniger für die Verteidigung gemacht war. Doch ich glaube, er war kurz vor Schluss beim Stand von 1:0 gegangen. "Nowotny ist für mich der beste deutsche Abwehrspieler", behauptete Vogts jedenfalls noch zehn Jahre später, Tage bevor die Nationalelf bei der Europameisterschaft 2000 in Holland und Belgien als Gruppenletzter nach der Vorrunde abreisen durfte. Vogts war es auch, der Nowotny 1997 erstmals für ein Länderspiel nominierte - für die Abwehr. Wer weiß, ob Nowotny heute verteidigen müsste, wenn Berti Vogt damals bis zum Abpfiff geblieben wäre.

Die Geschichte des Fußballers Jens Nowotny ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Sein Leben lang wird er in den Mannschaftsaufstellungen meist als erster Spieler nach dem Torwart genannt. Obwohl er doch in die erste Reihe gehört, ganz nach vorne, dort wo Siege entstehen. Zugegeben, es ist schwierig, aber stellen wir uns mal vor, dass Jens Nowotny kein Verteidiger, sondern Stürmer wäre. Und? Wie finden Sie das? Natürlich denken Fußballfans nicht an Sololäufe oder Hackentricks, wenn sie den Namen Nowotny hören. Er ist gewiss kein Ballvirtuose. Nowotnymäßig den Ball streicheln, geht nicht. Er wird auch nie ein eigenes Straßenschild bekommen, da er viel zu solide und zu wenig spektakulär auftritt - abgesehen davon, wer würde schon gerne im Jens-Nowotny-Weg wohnen.

Ehemaliger Bundestrainer Berti Vogts: Vor Spielende gegangen
AP

Ehemaliger Bundestrainer Berti Vogts: Vor Spielende gegangen

Als endgültige Bestätigung für seine Torjägerqualitäten muss aber die 33. Spielminute gegen Malta herhalten. Falls Sie das Testspiel vor der EM nicht gesehen haben: Nowotny bewies eindrucksvoll seinen unterdrückten Torriecher und vollstreckte zum 3:0. Nun hat es sicher auch Berti Vogts kapiert, dachte ich. Völlig emotionslos nahm der 30-Jährige sein erstes Tor in einem Länderspiel zur Kenntnis.

Vor 14 Jahren war das noch anders gewesen. Da kam der junge Jens noch so richtig aus sich heraus und schrie vor Freude über seine beiden Treffer. Ich glaube sogar, dass er sich mehr über den Sieg gegen Schleswig-Holstein als über das 7:0 gegen die Malteser gefreut hat. Es ist sicher nicht leicht für einen Stürmer wie ihn, in der Abwehr herumstehen zu müssen, um andere Stürmer am Toreschießen zu hindern. Es wäre doch seltsam, wenn das über die Jahre keine Spuren hinterlassen hätte: Nowotny jubelt nicht mehr.

Heute ist mir die Bedeutung der Nachspielzeit beim 1:2 gegen Baden daher völlig klar: Die deutsche Nationalmannschaft hat alles andere als ein Stürmerproblem. Mit Nowotny im Angriff drehen die Deutschen jedes verloren geglaubte Spiel - wie damals, im Frühjahr 1990. Die Schlagzeile wird dann lauten: Nowotny, die tickende Torbombe, rettet Deutschland vor Blamage. Vielleicht schon heute gegen Lettland.

Einige Monate später spielten wir dann übrigens gegen die Auswahl Berlins. Carsten Ramelow, der kurz vor der EM in Portugal seinen Rücktritt aus dem DFB-Team bekannt gegeben hatte, war auch dabei. Wir verloren 0:3. Raten Sie mal, wer die Tore schoss. Ich kann mir denken, warum Ramelow jetzt keine Lust mehr hatte.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.