EM-Kuriositäten Wieso man im Elfmeterschießen nach oben rechts zielen soll

Rätselhafte Flugobjekte, überschätzte Rennautos und tiefe Fangefühle: Christoph Biermann erklärt, warum jubelndes Fanvolk VIP-Tribünen entert, die Niederlande ausgeschieden sind und man im Elfmeterschießen nach oben rechts zielen sollte.


Arschawin, Andrej: War zwei Spiele lang der beste Spieler der Europameisterschaft. Am Donnerstag schwärmte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" so schön über den Russen wie über keinen anderen. Er war, so hieß es, "dieser Troll mit Windmühlenflügeln, dieser Knabe mit dem bäuerlichen Engelsgesicht, dieser jungenhafte Kreisel" und der "Genius, der überall wo man ihn hinstellt, Feuer fängt". Abends regnete es und Arschawin samt seiner Russen wurde von den Spaniern gelöscht.

Ball, der: Sollte angeblich das rätselhafteste Flugobjekt seit dem Boomerang sein und nicht nur die Nerven der Torhüter flattern lassen. Sagten jedenfalls Tschechiens Keeper Petr Cech und DFB-Torwart Jens Lehmann vor dem Turnier über den bösen Ball "Europass". Die beiden bestätigten ihren Eindruck weitgehend, die anderen Torhüter bei der EURO 2008 aber nicht so.

Elfmeterschießen, das: Irgendwie aus der Mode gekommene Erscheinung, denn bislang gab es in diesem Turnier nur zwei davon. Falls es im Finale wieder dazu kommt, bitte oben rechts schießen. Dort geht der Ball zu 96,2 Prozent ins Tor - wenn man nicht vorbeischießt. Offensichtlich haben aber alle Schützen Angst davor vorbeizuschießen, denn nur 6,9 Prozent von ihnen versuchen es oben rechts.

Ferrari, der: völlig überschätztes Rennauto, wie wir anlässlich des Freistoßtreffers von Michael Ballack gegen Österreich in der "Süddeutschen Zeitung" lesen konnten. "Ein Schuss, der schneller flog, als Michael Schumachers Ferrari auf der Geraden raste", hieß es da. Gemessen wurde im Ernst-Happel-Stadion für Ballacks Schuss eine Geschwindigkeit von etwas mehr als 120 Kilometern pro Stunde, was wohl bedeutet, dass man auch in einem Opel Kadett die Formel 1 gewinnen kann.

Foul, das: ist eines, wenn der Schiedsrichter pfeift. Tat er aber oft genug nicht, was ein echtes Rätsel ist. Längst haben wir uns Nachsicht mit den Unparteiischen angewöhnt, weil sie Abseitsentscheidungen treffen müssen, bei denen es um Millimeter geht und über die erst die neunte Zeitlupe und 3D-Animation Klarheit verschafft. Mit diesen kniffligen Situationen kamen die Schiedsrichter bei der EURO sensationell gut zurecht. Aber wurden Spieler eindeutig umgetreten, war es kein Foul, weil der Schiedsrichter nicht pfiff. Bislang unerklärtes Phänomen.

Guillotine, die: Frankreichs Trainer Raymond Domenech wählte den abwegigsten Moment, den man sich so vorstellen kann, um seiner Partnerin einen Heiratsantrag zu machen. Er tat das im französischen Fernsehen, nachdem seine Mannschaft wenige Minuten zuvor in der EM-Vorrunde ausgeschieden war. Sein Trainerkollege Daniel Jeandupeux vom Ligue-1-Club UC Le Mans schrieb dazu in einem offenen Brief: "Ich verlange, dass man dich auf das Schafott bringt und die Guillotine betätigt. Nicht wegen deiner Persönlichkeit, sondern weil mich der Fußball, den die Blauen spielen, langweilt, ermüdet, zermürbt, ärgert." Mit der Klage war er nicht allein.

Himmelsstürmer, der: spielt auf Rechtsaußen in der heitersten Ausstellung zu dieser Europameisterschaft. "Helden, Heilige, Himmelsstürmer" erkundet die gemeinsamen Bereiche von Fußball und Religion, von denen es etliche gibt, wie man im Wiener Dommuseum sehen kann (übrigens noch bis zum 20. September). "In der Tiefe ihres Gefühls kann man Gläubige mit Fans vergleichen", hat die Kuratorin Snejanka Bauer gesagt. Was wohl bedeutet, dass Fans die tieferen Gefühle haben.

Innenverteidiger, der: "Die Spiele waren gut, aber das Niveau des Verteidigens war überraschend schwach", sagte Arsenal-Coach Arsène Wenger. Wer wüsste das besser als die Nation von "Schnarch und Schleich", wie die "Bild"-Zeitung die beiden deutschen Innenverteidiger Christoph Metzelder und Per Mertesacker schon bezeichnete.

Klasse, die: hat ein Problem. Denn wieder einmal haben wir gesehen, dass der Fußballmerksatz "Form schlägt Klasse" einer ist, den man sich merken sollte. Die Niederlande hatten eine tolle Frühform und dann reichte plötzlich die Klasse nicht. Portugiesen und Russen mussten auch lernen, dass man Form im richtigen Moment haben muss. Von Deutschland?

Niveau, das: war insgesamt gut bei dieser Europameisterschaft, sagen alle. Stimmt auch! Der österreichische "Standard" urteilte: "Das Problem ist die Fähigkeit der Deutschen, andere auf ihr Niveau zu zwingen."

Schwarzhändler, der: professionell wie nie zuvor. Zu erkennen an den Schildern "I need tickets", die auf Deutsch "Ich brauche Eintrittskarten" hießen, was eine beliebte Masche ist, um ihr Sortiment zu erweitern. Sind inzwischen hochprofessionelle Straßenschläger oder Kleinkriminelle, die sich bei Sponsoren eindecken. Die wundern sich dann darüber, dass gewöhnliche Fans jubelnd mit Sixpacks die VIP-Tribüne entern.
Polster, Toni: war Co-Kommentator beim Schweizer Fernsehen und versuchte mit seinen Plattitüden, die Alpen einzuebnen. Machte manchmal aber auch gute Sprüche, die in Wien "Schmäh" genannt werden. Bei einem Spiel der Türken erzählte er, dass er 1982 eben gegen jene Mannschaft im Nationalteam debütiert hätte. "Der heutige Nationaltrainer Fatih Terim war damals Verteidiger und trat auf alles hin, was sich bewegte." Dann machte der auch in der Bundesliga nicht für seine große Laufleistung bekannte Torjäger eine schöne Kunstpause. "Gut, da hatte ich nichts zu befürchten."

Trainer, der alte: Das Alter war auf den Trainerbänken ein Thema, wobei manch ein Alter einfach nur alt (Köbi Kuhn, 64), andere starrsinnig (Libero-Wiederauferstehenlasser Otto Rehhagel, 69) oder unglaublich weise (Luis Aragonés, 69) wirkte. Was auch in der Altersfrage die ewiggrüne Kölsche Wahrheit bestätigte: "Jeder Jeck ist anders."

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