Aus Lemberg (Lwiw) berichten Rafael Buschmann und Peter Ahrens
Immer wieder fuhr sich Mario Gomez durch die Haare. In der ersten Halbzeit raufte er sich seinen Schopf häufiger, als dass er einen Fuß am Ball hatte. Und der Frust war verständlich. Bis auf einen Kopfball in der dritten Minute war von dem Bayern-Stürmer nichts zu sehen. Er hatte weder Bindung zum Spiel, noch wurde er von seinen Mitspielern gesucht. Er stand irgendwo in der portugiesischen Deckung und wirkte, als hätte man ihn vergessen.
Es war das gleiche Bild wie bei der EM 2008 oder der WM 2010: Der hünenhafte Angreifer agierte ohne Selbstvertrauen, ohne Esprit, ohne echten Willen. Das ist die phlegmatische, glanzlose Seite des Vizetorschützenkönigs der abgelaufen Bundesliga- und Champions-League-Saison. Die Seite, für die er regelmäßig kritisiert wird.
Doch da gibt es auch noch diesen anderen Mario Gomez. Den bulligen Angreifer, der keinen Zweikampf scheut, keinem Verteidiger aus dem Weg geht. Doch dieser Gomez blitzt eigentlich immer nur dann auf, wenn er vor Selbstvertrauen strotzt, wenn er die Rückendeckung seines Trainers und seiner Mannschaft spürt.
Umso erstaunlicher war, was gegen die Portugiesen in der 72. Minute passierte. Als Gomez sich in eine scharfe Flanke von Sami Khedira hineinbugsierte, in seiner unnachahmlichen Art, und aus einer tiefen Rückenlage hinaus das Siegtor erzielte. Eine Aktion, die für den selbstbewussten Gomez steht. Und sie passierte zu einem Zeitpunkt, in dem der 26-Jährige bereits wusste, dass er ausgewechselt werden sollte.
Klose wartete schon auf seine Chance
Sein Konkurrent im Nationalteam, Miroslav Klose, stand während des Treffers bereits seit knapp zwei Minuten an der Außenlinie und wartete auf seine Chance. "Eigentlich wollten wir schon nach 70 Minuten wechseln, weil Mario müde wurde", sagte Löw. Gomez sagte nach dem Spiel, er habe von Anfang an ein gutes Gefühl gehabt. "Ich habe gedacht: Eine Chance bekommst du noch." Sein goldenes Tor ermöglichte dem Stürmer aber jemand, der eigentlich gar nicht aktiv in das Spiel eingreifen darf: "Der vierte Schiedsrichter war Schuld, dass wir nicht früher gewechselt haben. Er hat zu lange gebraucht", sagte Löw.
Nach dem Tor jedoch machte der Bundestrainer etwas, wofür ihn die meisten Mittelstürmer-Typen wohl gehasst hätten: Er schickte Klose, den zweitbesten deutschen Torjäger aller Zeiten, wieder zurück auf die Bank - und ließ Gomez weitere sieben Minuten im Spiel.
Wer daraus einen Paradigmenwechsel in der deutschen Angriffshierarchie ableiten möchte, denkt zu vorschnell. Gomez ist zwar mittlerweile reifer, gelassener, abgeklärter geworden. Er verzweifelt nicht mehr gleich an sich, wenn er mal eine schlechte Halbzeit oder zwei Spiele ohne Torerfolg hat.
Aber er ist trotzdem weiter abhängig von Kloses Gnaden.
Fühlt Klose sich fit, erhält er den Vorzug
"Miro kam vor zwei oder drei Tagen zu mir und sagte, dass ihm noch ein paar Prozent fehlen. Dann war klar, dass Mario aufläuft. Er hat in den vergangenen Monaten ja immer bei uns gespielt", sagte der Bundestrainer. Letztlich ist es in der Nationalmannschaft aber immer noch so: Wenn Klose sich selbst für fit hält, dann bekommt er auch den Vorzug. Gomez spielt dann, wenn Klose sich dazu nicht in der Lage sieht. Wie gegen Portugal.
Warum der Bundestrainer nach wie vor so verfährt, deutete sich in den zwölf Minuten an, in denen Klose am Ende des Spiels doch noch seinen jüngeren Konkurrenten ersetzen durfte. Der am Spieltag 34 Jahre alt gewordene Stürmer zeigte sofort eine Qualität, die Gomez schwerlich erreichen wird, weil er dafür völlig andere körperliche und technische Voraussetzungen mitbringt: Klose spielt mit.
Der Lazio-Angreifer lauert nicht ausschließlich im Sechzehnmeterraum, er ist wesentlich flexibler, kann größere Lücken reißen, die er teilweise sogar selbst befüllt. Alleine in der kurzen Spielzeit gegen Portugal behauptete Klose dreimal den Ball auf Höhe der Mittellinie und setzte dann mit seinen Pässen die Außenangreifer Lukas Podolski und Thomas Müller in Szene. Gegen Portugal hatte genau das zuvor gefehlt: Weder Mesut Özil, noch Bastian Schweinsteiger und schon gar nicht Gomez konnten diese Qualität leisten.
Löw wird sich auch weiterhin jeden Tag mit einem seiner wichtigsten Spieler unterhalten. Er wird Klose täglich fragen, wie sich dessen Körper anfühlt. Und wenn der Körper "ja" sagt, wird Klose spielen. Möglicherweise schon am Mittwoch gegen die Niederlande. Und der Torgarant Gomez muss dann wieder warten.
Deutschland - Portugal 1:0 (0:0)
1:0 Gomez (73.)
Deutschland: Neuer - Boateng, Hummels, Badstuber, Lahm - Khedira, Schweinsteiger - T. Müller (90.+4 L. Bender), Özil (87. Kroos), Podolski - Gomez (80. Klose)
Portugal: Rui Patricio - João Pereira, Bruno Alves, Pepe, Fábio Coentrão - Veloso - Raul Meireles (80. Varela), Moutinho - Nani, Cristiano Ronaldo - Hélder Postiga (70. Oliveira)
Schiedsrichter: Lannoy (Frankreich)
Zuschauer (in Lemberg): 34.915 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Boateng, Badstuber - Fábio Coentrão, Hélder Postiga
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