DFB-Abwehrchef Hummels 192 Zentimeter Genugtuung

Mats Hummels hat zuletzt viel Kritik einstecken müssen, wer hätte dem Meister-Verteidiger einen Stammplatz in der Nationalelf zugetraut? Gegen Portugal lieferte der Dortmunder jetzt eine Klasseleistung ab. Konkurrent Per Mertesacker kann die EM vorerst abhaken.

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Aus Lemberg (Lwiw) berichten und


Cool wollte er wirken, abgeklärt, souverän. So wie man sich den Abwehrchef einer Nationalmannschaft vorstellt. Aber die Genugtuung war Mats Hummels vor der Presse in Danzig jederzeit anzumerken - einen Tag nach dem 1:0 (0:0)-Sieg über Portugal in Lemberg (Lwiw), zu dem der Dortmunder einen maßgeblichen Anteil beigesteuert hatte. Keiner hatte den 23-Jährigen vor der Partie auf der Rechnung. Nach seinem schwachen Testspiel gegen die Schweiz hatte die Öffentlichkeit ihn als Stammspieler abgeschrieben. Jetzt scheint eine EM-Partie ausgereicht zu haben, um ihn zur festen Größe dieser deutschen Mannschaft werden zu lassen.

Nach einem Spiel solle man "noch nicht so viele Schlüsse fürs gesamte Turnier ziehen", ohnehin müsse man aufpassen, jetzt nicht alles schön zu reden, machte Hummels in Bescheidenheit. Aber klar ist: Nach seinem couragierten Auftreten gegen die Portugiesen gibt es überhaupt keinen Anlass, die Innenverteidigung für das kommende Spiel gegen die Niederlande am Mittwoch (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wieder umzubauen. Der etatmäßige Abwehrboss Per Mertesacker, der in der Vorwoche noch überzeugt von seinem Einsatz gewesen war, ist vorerst außen vor.

Hummels weiß das selbst genau und analysierte vor den Journalisten ausgiebig, welche Taktik man gegen die hochgelobte niederländische Offensive einzuschlagen habe. Wie man gegen Arjen Robben und Co. vorgehen müsse, wie schwierig Robin van Persie, die Sturmspitze der Elftal, auszuschalten sei. Jemand, der davon ausgeht, dass er in dieser Partie auf der Ersatzbank sitzt, redet anders.

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DFB-Verteidiger Hummels: Glanzleistung gegen Portugal
Gegen Portugal nahm der 1,92-Meter-Hüne die Chefrolle von Anfang an in Besitz - obwohl er von ihr angeblich gar nichts wissen will: "Das Wort vom Abwehrchef existiert nur in der Öffentlichkeit, nicht in der Mannschaft." Mit einer Körpersprache, wie man sie von Hummels bisher nur aus Dortmund kannte: dominant, ohne Selbstzweifel. Bezeichnend, wie er noch kurz vor dem Abpfiff zu einem beeindruckenden Solo in die gegnerische Hälfte startete. Da wirkte er geradezu unwiderstehlich.

Selbstzweifel - die will Hummels auch in den Wochen zuvor nicht gekannt haben. "Ich habe schon ein bisschen damit gerechnet, dass ich spiele", sagte er. Zumindest habe er "unterschwellige Signale des Bundestrainers" so wahrgenommen. Die Kritik an seiner Leistung im Schweizspiel nahm er nachträglich mit einem Achselzucken hin. "Das hat mich nicht tief erschüttert. Jeder Fußballer auf der Welt hat mal gute und mal schlechte Spiele."

So ganz egal kann ihm die öffentliche Debatte um seine Position allerdings denn doch nicht gewesen sein. Nach dem Spiel rauschte er an allen Journalisten wortlos vorbei - er habe wegen der Berichterstattung über ihn in diesem Moment "kein großes Bedürfnis gespürt, mit den Medien zu reden". Schließlich müsse es doch "eine gute Zusammenarbeit zwischen Journalist und Spieler geben, damit sich der Spieler auch wohlfühlen kann", offenbarte der 23-Jährige, selbst Sohn einer Journalistin, seine Auffassung vom Verhältnis zwischen Presse und Profi.

Lange Bälle nach Portugal-Spiel kein Thema mehr

Auf dem Platz hatte er am Samstag weniger Probleme. Selbst die langen Bälle, die Hummels in Dortmund so liebt und der Bundestrainer so wenig mag, waren diesmal kein Thema. Für den Spieler selbst auch wieder nur so eine Mediendebatte: "Die langen Bälle spiele ich in der Nationalelf seit zwei Jahren nicht mehr, und dennoch wird dauernd darüber gesprochen."

Hermann Gerland, der Talentschmied des FC Bayern, hat schon vor einigen Jahren gesagt, dass seine beiden Schützlinge aus der Jugend, Holger Badstuber und Mats Hummels, irgendwann das Innenverteidiger-Duo der Nationalmannschaft bilden würden. "Damals bin ich ausgelacht worden", sagte Gerland. Seit Samstag lacht keiner mehr. Vor allem nicht Per Mertesacker.



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Seite 1
Hoffentlich_ausgeglichen 10.06.2012
1.
Zitat von sysopDPAMats Hummels hat zuletzt viel Kritik einstecken müssen, wer hätte dem Meister-Verteidiger einen Stammplatz in der Nationalelf zugetraut? Gegen Portugal lieferte der Dortmunder jetzt eine Klasseleistung ab. Konkurrent Per Mertesacker kann die EM vorerst abhaken. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,838020,00.html
Liebe Autoren, da hat ein Spieler eine gute Leistung vollbracht und schon kann ein anderer die EM abhaken. Was soll das denn? Kann man das Ganze nicht als Team sehen? Muss hier so oft negative Färbung betrieben werden? Einfach mal auf das Wesentliche beschränken und keine schlechte Stimmung verbreiten.
food4thought 10.06.2012
2. Einfach nur arm...
...wie der tolle Ahrens mal wieder in die Kerbe haut, guter Journalismus sieht anders aus. Auch wenn er Recht haben mag mit Hummels Leistung, kann er sich seine niederen Kommentare gegen Mertesacker ruhig sparen. Warum sind so viele Journalisten bloß solche Aasfresser? Weil gute Recherche eben arbeitsintensiv ist, und wenn einem dies zu mühselig ist wird man eben Sportjournalist, da sind die Akteure Freiwild, ein gefundenes Fressen nach jedem Spiel. Bravo, welch eine Heldentat!!
DetTheThreat 10.06.2012
3. Abwehrchef ist BADSTUBER
Peter Ahrens schreibt wieder Unfug. Nur weil Hummels im 15. Versuch mal ein gutes Spiel gemacht hat, soll er gleich Abwehrchef sein? Ahrens ist Bayern-Hasser, das war schon öfter zu sehen. Hummels hat wieder ein paar Mal falsch gestanden - zum Glück ist daraus nichts passiert. War schon ein gutes Spiel, aber "Abwehrchef" ist er deshalb noch lange nicht.
reyney 10.06.2012
4.
Die Herren Autoren sind ab jetzt also zuständig für die Aufstellung der Mannschaft? "Nach seinem couragierten Auftreten gegen die Portugiesen gibt es überhaupt keinen Anlass, die Innenverteidigung für das kommende Spiel gegen die Niederlande am Mittwoch (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wieder umzubauen. Der etatmäßige Abwehrboss Per Mertesacker, der in der Vorwoche noch überzeugt von seinem Einsatz gewesen war, ist vorerst außen vor" Ruft Herr Löw Sie vor jedem Spiel an oder faxen Sie ihm die endgültige Aufstellung?
Zenturio.Aerobus 10.06.2012
5. Länge
"192 Zentimeter Genugtuung" Auf die Länge kommt's nicht an :-)
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