Aus Warschau berichtet Rafael Buschmann
Es war gerade die 85. Minute angebrochen, da erhob sich ein Großteil der Zuschauer im Warschauer Nationalstadion. Beim Stand von 1:1 gegen Russland begann das Publikum frenetisch zu applaudieren - doch es feierte nicht das Ergebnis, es feierte einen polnischen Spieler: Eugen Polanski. Der wurde gerade ausgewechselt und wusste mit dieser Sympathiebekundung nicht wirklich viel anzufangen. Er blickte einmal kurz auf die Tribüne, senkte dann aber sofort seinen Kopf und trottete vom Feld.
Tatsächlich ist dies eine der bislang überraschendsten Szenen dieses Turniers. Denn noch vor einem Jahr war Polanski in der polnischen Nationalmannschaft alles andere als erwünscht. Erst im vergangenen August hatte der einstige Kapitän der deutschen U21-Nationalmannschaft sich endgültig dazu durchringen können, für die polnische Nationalauswahl aufzulaufen. Monatelang hatte Nationaltrainer Franciszek Smuda den defensiven Mittelfeldspieler vom FSV Mainz 05 zuvor überreden müssen. Selbst kurz vor seiner ersten Nominierung für das Smuda-Team bekundete Polanski in Interviews, er drücke bei Spielen zwischen Deutschland und Polen den Deutschen die Daumen.
"Natürlich gab es Vorbehalte gegen ihn", sagt Mitspieler Jakub "Kuba" Blaszczykowski heute. Als Polanski im August erstmals für Polen auflief, war die polnische Medienwelt empört. Man unterstellte ihm, er habe sich für die Karriere einbürgern lassen, und nicht, weil er im Herzen Pole sei.
Vom Unerwünschten zum Gefeierten
Heute feiert das ganze Land Polanski. Die polnische Fußball-Fachzeitschrift "Przeglad Sportowy" widmete ihm die Überschrift "Mittelfeld-Titan". Teamkollegen wie Robert Lewandowski nennen ihn "das Herz unseres Spiels." Erst Polanskis engagiertes, beherztes Auftreten als zentraler Lenker im defensiven Mittelfeld der Polen ermöglichte den Punktgewinn über Russland. Deshalb hatte ihn das Publikum mit Standing Ovations verabschiedet - und erwartet weiter Großes von ihm.
Denn für den Co-Gastgeber geht es heute im letzten Spiel der Gruppe A gegen Tschechien (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) um alles. "Wir werden gewinnen. Das ist das Minimalziel", sagt der polnische Nationalheld Zbygniew Boniek SPIEGEL ONLINE. Für ihn ist der aktuelle Gruppenzweite Tschechien eines der schwächsten Teams dieser EM. "Sie haben die wenigsten Punkte aller Mannschaften in der EM-Qualifikation geholt. Sie spielen auch hier mit wenig Kreativität. Wir müssen keine Angst vor ihnen haben", sagt Boniek.
Den Schlüssel zum Erfolg sieht er in Polanski. "Das ist ein Spieler mit Willen. Er ist aus der Bundesliga ein hohes Tempo gewöhnt und kann unser Mittelfeld führen." Und dabei handelt es sich um eine etwas eigenartige Konstruktion. Nachdem das polnische Zentrum im Spiel gegen Griechenland zu durchlässig gewesen war, zog Smuda seinen zentralen offensiven Mittelfeldspieler ab und ersetzte ihn durch einen weiteren defensiven Akteur. Dadurch spielte Polen gegen Russland mit einem 4-3-2-1-System; zwischen defensivem Mittelfeld und dem vordersten Stürmer Lewandowski lagen manchmal 50 Meter, ohne dass ein anderer polnischer Spieler im zentralen Mittelfeld zu sehen war.
Eine Niederlage gegen Tschechien wäre ein Desaster
"Durch diese Ausrichtung sind wir stabiler, kriegen dadurch aber weniger Torchancen", sagt Lewandowski. Boniek vergleicht den BVB-Stürmer in der neuen taktischen Konzeption mit einem, den "seine Kumpels auf einer einsamen Insel mit vier Rottweiler ausgesetzt haben. Er muss diese auch noch mit blanken Händen bekämpfen". Und mit Polanski. Denn der Mainzer ist nun der Tempomacher des polnischen Spiels. Immer wieder entscheidet er, wann einer aus dem defensiven Riegel heraustreten darf, um Lewandowski in der Offensive zu unterstützen.
Dadurch erhält Polanski die Rolle des wichtigsten Spielers in der wichtigsten Partie der jüngsten polnischen Fußballgeschichte. Denn eine Niederlage gegen Tschechien, selbst ein Unentschieden, bedeuteten das Aus. Polen muss gewinnen.
Falls Polanski und Co. jedoch verlieren sollten, so Boniek, "sollten die Spieler lieber schleunigst in den Urlaub fahren und das Land verlassen. Das wäre nämlich ein echtes Desaster."
Tschechien - Polen 20.45 Uhr (in Breslau)
(voraussichtliche Aufstellungen)
Tschechien: Cech - Gebre Selassie, Sivok, Kadlec, Limbersky - Hübschman, Plasil - Jiracek, Rosicky, Pilar - Baros
Polen: Szczesny - Piszczek, Wasilewski, Perquis, Boenisch - Dudka, Polanski, Murawski - Blaszczykowski, Obraniak - Lewandowski
Schiedsrichter: Thomson (Schottland)
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