EM-Teilnehmer Italien: Im Sog des Skandals
Vor ihrem ersten EM-Spiel gegen Spanien versuchen die Spieler der italienischen Nationalmannschaft Optimismus zu verbreiten - mit mäßigem Erfolg. Zu heftig hat die Azzurri der jüngste Wettskandal erschüttert. Ein Sieg wäre Balsam für die geschundene italienische Seele.
Mimmo Di Stadio steht in einem verrauchten Wettbüro in Rom. Der italienische Fußballfan setzt zehn Euro auf Europameister Spanien. Er wettet beim ersten EM-Spiel seiner Italiener am Sonntag (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) auf eine Niederlage mit mindestens zwei Toren Vorsprung für den Titelverteidiger. Sein Misstrauen in die eigene Nationalelf sieht der 29-Jährige nüchtern: "Natürlich will ich, dass Italien den Titel holt, aber wetten würde ich darauf keinen Cent."
Wie Di Stadio geht es vielen Tifosi. Sie fühlen sich der einst glorreichen "Nazionale" verbunden, aber nach den Wettskandalen ist es für die meisten unmöglich, optimistisch zu sein. Zur Stimmung unter den Tifosi passte auch das Wetter bei der Ankunft der italienischen Auswahl im polnischen Trainingslager bei Krakau: Es regnete. Die Spieler selbst versuchten, einen positiven Eindruck zu erwecken, glaubwürdig klingen sie nicht. "Italien lebt", sagte Juventus-Abwehrspieler Giorgio Chiellini. "Wir sind Italien und haben vor niemandem Angst", behauptete Claudio Marchisio, ebenfalls Juve-Profi und eine der Hoffnungen im Team.
Kein Italiener traut den Azzurri mehr über den Weg
"Das schönste Geschenk wäre, wenn die Leute wieder stolz auf die Nationalelf wären", schrieb ausgerechnet Torwart und Kapitän Gianluigi Buffon auf seiner Facebook-Seite. Zusammen mit Andrea Pirlo, Daniele De Rossi und Andrea Barzagli ist Buffon einer der vier übrig gebliebenen Weltmeister von 2006 im Team.
Der Juventus-Keeper ist ein Idol, aber sein Image ist angeknackst. Die italienische Finanzpolizei prüft, ob er über 1,5 Millionen Euro für Sportwetten ausgegeben hat. Denn das ist Profikickern untersagt. Buffon sagt, er habe Uhren, Gemälde und Grundstücke mit dem Geld gekauft.
Die anhaltenden Spekulationen im Dunstkreis der Nationalelf zeigen Wirkung bei den Fans. Ein Barkeeper in Rom erzählt, er möge Fußball, verfolge aber nur den AS Rom. "Die Nationalelf verdient meine Unterstützung nicht", sagt er. Dabei hatte Italien die EM-Qualifikation mit attraktivem Spiel schon zwei Spielrunden vor Schluss erreicht - nur zwei Gegentore fielen.
Ein Sieg gegen Spanien würde die italienische Schwermut lindern
Aber die Vorbereitung auf die EM-Endrunde trug Züge einer Kriminalstory. Die Glaubwürdigkeit, die Nationaltrainer Cesare Prandelli der Mannschaft nach dem blamablen Ausscheiden in der WM-Vorrunde 2010 zurückgegeben hatte, scheint bereits verflogen. Ein Sieg gegen Spanien würde die italienische Schwermut nach den vielen Skandalen etwas lindern.
Bei den Ermittlungen hatte die Polizei im Trainingslager in der Toskana zunächst das Zimmer von Abwehrspieler Domenico Criscito durchsucht. Kurz darauf strich Prandelli Criscito, der immer wieder seine Unschuld beteuert, aus dem Kader. Auch gegen Innenverteidiger Leonardo Bonucci laufen Ermittlungen. Der jetzige Juventus-Profi soll in seiner Zeit bei AS Bari an einer Spielmanipulation beteiligt gewesen sein.
Warum Bonucci, aber nicht mehr Criscito im Kader steht, konnte der Nationaltrainer nicht überzeugend erklären. Immerhin läuft gegen Torwart Buffon kein Verfahren wegen Spielmanipulation.
Bei den täglichen Pressekonferenzen in Krakau wiegeln die Spieler ab. "Es wird alles vergessen sein", behauptet Roma-Mittelfeldspieler Daniele De Rossi."Wer hier dabei ist, der hat nichts mit dem zu tun, was passiert ist", sagt er. Auch wenn es seltsam klingt: Vor dem Spiel gegen Spanien hat das italienische Team wirklich andere Sorgen.
Italien plagen auch sportliche und Verletzungssorgen
Dazu gehört auch Verletzungspech. Abwehrmann Barzagli ist an der Wade verletzt und wird wohl erst im letzten Vorrundenspiel gegen Irland wieder dabei sein können. Chiellini hat seit seiner Verletzung am Saisonende keine Spielpraxis mehr gesammelt. Auch Außenverteidiger Christian Maggio vom SSC Neapel ist angeschlagen.
Und Italien hat plötzlich ein neues, beinahe banales Thema: die Dreier-Abwehr. Nach dem 0:3 im einzigen Testspiel gegen Russland wird Nationaltrainer Prandelli nur drei Verteidiger aufbieten, um Spanien mit fünf Spielern im Mittelfeld zu begegnen. De Rossi, beim AS Rom eine Art Regisseur im Mittelfeld, wird ins Zentrum der Abwehr rücken. "Wie Beckenbauer", kommentierte die Sporttageszeitung "Gazzetta dello Sport". Die "Baustelle Italien", diagnostizierte die Tageszeitung "La Repubblica".
Die italienischen Fans trösten sich mit historischen Parallelen: Schon 1982 erschütterte ein Wettskandal die Serie A, Italien wurde Weltmeister. 2006 platzte die Manipulationsaffäre "Calciopoli" in die WM-Vorbereitung - wieder holte Italien den Titel.
"Es ist, als ob wir uns nach zwei Jahren auf eine Prüfung vorbereiten", so Kapitän Buffon, "ich habe ein bisschen Angst und neugierig bin ich auch." Vorsorglich wendet sich der 34-Jährige direkt an die Fans: "Eure Unterstützung und eure Zuneigung werden entscheidend sein." Erfolge könnten das ganze Ungemach ein bisschen erträglicher machen.
Spanien - Italien So. 18 Uhr (in Danzig)
(Voraussichtliche Aufstellungen)
Spanien: Casillas - Arbeloa, Piqué, Sergio Ramos, Jordi Alba - Busquets, Xabi Alonso - Silva, Xavi, Iniesta - Negredo
Italien: Buffon - Bonucci, de Rossi, Chiellini - Maggio, Marchisio, Giaccherini, Pirlo, Motta - Balotelli, Cassano
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- Sonntag, 10.06.2012 – 14:01 Uhr
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- Julius Müller Meiningen, 1977 in München geboren, hat die Berliner Journalistenschule absolviert und war von 2006 bis 2008 Volontär bei der "Süddeutschen Zeitung". Anschließend ging er als freier Reporter nach Rom, wo er schon einmal zu einem Studienaufenthalt gewesen war. Mit Frau und Kind lebt er nun in der italienischen Hauptstadt. Müller-Meiningen schreibt für deutsche Tageszeitungen, Websites und Magazine über alles, was Italien betrifft.

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