EM-Test in Österreich Deutschland siegt deutlich, aber glücklich

Eine Halbzeit lang blamierte sich die deutsche Nationalmannschaft beim Länderspiel in Österreich nach Kräften, dann nutzte das Team seine wenigen Chancen eiskalt. Der 3:0-Sieg offenbarte viele Schwächen, auch die Torwartdiskussion dürfte neu entbrennen.


Wien - Mittelfeldspieler Thomas Hitzlsperger (53. Minute), Stürmer Miroslav Klose (63.) und der eingewechselte Offensivmann Mario Gomez (80.) trafen zum 3:0 gegen Österreich, neben der Schweiz einer der Gastgeber der Europameisterschaft 2008 und zudem Endrundengegner des DFB-Teams. Doch dem Sieg ging eine zeitweise erschreckend schwache Vorstellung der Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw voraus.

"Der Sieg war positiv, aber mit der ersten Halbzeit können wir nicht zufrieden sein. Da haben wir keinen Fußball gespielt, weder in der Offensive noch in der Defensive. Da war zu wenig Engagement, zu wenig Dynamik in unserem Spiel. Eine Erklärung dafür zu finden, ist schwierig", kritisierte Löw nach dem Spiel.

Schon in der ersten Minute versetzte Österreichs Christian Fuchs den Schalker Debütanten Heiko Westermann und zielte aus 20 Metern knapp neben das deutsche Tor - das war der Auftakt zu einem Sturmlauf der Österreicher, dem die als hoher Favorit ins Spiel gegangene DFB-Elf oft hilflos zusah.

In der zehnten Minute spielte der österreichische Stürmer Martin Harnik, bei Werder Bremen unter Vertrag, seinen Mittelfeldregisseur Andreas Ivanschitz an der Strafraumgrenze frei, doch Westermann konnte dessen Schuss gerade noch abblocken. Neun Minuten später zielte Ivanschitz aus guter Position weit übers Tor, in der 22. Minute setzte sich wiederum Harnik am rechten Flügel durch, umspielte den viel zu früh und zu weit aus seinem Tor gestürmten Jens Lehmann. Als der Ball von Verteidiger Manuel Friedrich abprallte und Roland Linz nachsetzte, scheiterte der Österreicher am langen Bein von Abwehrspieler Per Mertesacker.

Die deutsche Defensive wirkte komplett überfordert und verunsichert. Lehmann kam nach einer Ecke mit seiner Faustabwehr zu spät und hatte Glück, dass Harniks Kopfball an die Latte knallte (24.). Die Österreicher, die nach einer Reihe von enttäuschenden Länderspielen schon als Lachnummer galten, erspielten sich weiter Chance auf Chance, während der DFB-Sturm mit Klose und Kevin Kuranyi völlig in der Luft hing.

In der 29. Minute scheiterte Fuchs freistehend an Lehmann, in der 39. flankte der dribbelstarke Österreicher von links auf Stürmer Linz, der den Ball am Fünfmetereck erwischte und knapp über die Torlatte spitzelte. Die österreichischen Fans unter den 48.500 Zuschauern im Wiener Ernst-Happel-Stadion tobten vor Begeisterung. Das Einzige, was man dem EM-Gastgeber vorwerfen konnte, war die schlechte Chancenverwertung. Die deutsche Nationalmannschaft wirkte dagegen müde, lustlos und schlecht organisiert.

Auch nach der Pause wirbelten die Österreicher in den roten Trikots zunächst weiter, schon in der 47. Minute kam Mittelfeldspieler Joachim Standfest im deutschen Strafraum frei zum Schuss - doch Lehmann stand genau richtig. Nichts wäre zu diesem Zeitpunkt unvorstellbarer gewesen als die Führung für die Elf von Bundestrainer Löw. Und die fiel kurz darauf.

Fast jede Möglichkeit ein Tor

Bernd Schneider spielte in der 53. Minute den bis dahin schwachen Westermann am rechten Flügel frei, dessen Flanke wurde zwar abgewehrt, doch der Ball fiel Hitzlsperger vor die Füße, der aus knapp zwanzig Metern mit perfekter Schusstechnik unten rechts zum 0:1 ins Eck traf.

Nur eine Minute später wäre beinahe der Ausgleich gefallen, als Lehmann einen Schuss von Harnik nach vorne abprallen ließ und Linz den Ball ans Außennetz setzte. Nach einer Stunde Spielzeit reagierte Löw endlich und brachte mit Lukas Podolski für Schneider und Gomez für Kuranyi zwei neue Spieler. Es wirkte überraschend, dass Klose im Spiel bleiben durfte, der noch weniger Ballkontakte als Kuranyi hatte.

Doch der Stürmer des FC Bayern stand in der 63. Minute genau an der richtigen Stelle, als Kapitän Michael Ballack den Ball nach einem Konter an den Fünfmeterraum zirkelte, wo ihn Klose über die Linie drückte. Nach dem 0:2 ließ der Druck der Österreicher etwas nach.

Doch Deutschland wirkte weiterhin nur selten überzeugend. Das reichte an diesem Abend allerdings locker, denn in einer Disziplin war das DFB-Team seinem Gegner haushoch überlegen: dem Toreschießen. Fast jede Möglichkeit führte in der zweiten Hälfte zu einem Tor - so auch in der 80. Minute, als Gomez eine Flanke von Podolski per Kopf zum 0:3 verwandelte.

Hitzlsperger sagte nach dem Spiel: "Wir müssen ehrlich zugeben, dass das Ergebnis in der Höhe unverdient ist. Es ist schon ein bisschen glücklich verlaufen, aber vielleicht haben wir uns das auch ein Stück weit erarbeitet. Wir haben nicht aufgegeben und sind belohnt worden."

Auf der anderen Seite vergaben die allmählich bemitleidenswerten Österreicher weiter die besten Chancen - so jagte Fuchs einen Freistoß aus 25 Metern ganz knapp am Pfosten vorbei. Als der in der Strafraumbeherrschung sehr unsichere Lehmann erneut einen Eckball falsch einschätzte, hatte er Glück, dass der Nachschuss über das leere Tor strich.

Nach dem Spieler wollte der Torwart, der bei Arsenal London meist auf der Bank sitzt, keine eigenen Fehler gesehen haben. Er sagte: "Wir sind einfach nicht so konzentriert ins Spiel gekommen. Dazu waren wir auch überrascht von der Härte der Österreicher. Wir wissen, was wir zu erwarten haben bei der EM."

Österreich - Deutschland 0:3 (0:0)
0:1 Hitzlsperger (53.)
0:2 Klose (63.)
0:3 Gomez (80.)
Österreich: Manninger - Prödl, Stranzl, Pogatetz, Standfest - Aufhauser (69. Prager), J. Säumel, C. Fuchs, Ivanschitz - Harnik (73. Kienast), Linz (82. Kavlak)
Deutschland: Lehmann - Westermann, Mertesacker, M. Friedrich (74. Hilbert), Lahm - Ballack, Hitzlsperger (82. Jones), B. Schneider (59. Podolski), Schweinsteiger - Klose, Kuranyi (59. Gomez)
Schiedsrichter: Dondarini (Italien)
Zuschauer: 48.500
Gelbe Karten: Aufhauser, Linz / M. Friedrich, Mertesacker, Ballack(78.)

all/sid/dpa

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