Italien-Coach Prandelli: Angriffslustiger Revolutionär

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Cesare Prandelli stand vor einem Scherbenhaufen, als er die italienische Nationalmannschaft vor zwei Jahren übernahm. Nach der blamablen WM krempelte er das System komplett um, tauschte mehrere Spieler aus, stärkte die Offensive. Der Lohn: Die "Azzurri" stehen gegen Spanien im EM-Finale.

Italien-Trainer Prandelli: Selbstbewusster Revolutionär Fotos
Getty Images

Cesare Prandelli war zufrieden. Zufrieden mit seiner Mannschaft, mit dem Ausgang des Spiels - und vor allem zufrieden mit sich selbst. Der Plan des italienischen Nationaltrainers für das EM-Halbfinale gegen Deutschland war aufgegangen, ganz im Gegensatz zu dem von Joachim Löw. 2:1 gewannen die "Azzurri" gegen Deutschland, nun stehen sie am Sonntag im Finale (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Ein Erfolg der italienischen Mannschaft, vor allem aber ein Erfolg des "Systems Prandelli". Und das unterscheidet sich erheblich von den Philosophien seiner Vorgänger.

Als er den Posten vor zwei Jahren übernahm, kurz nachdem Italien als Titelverteidiger in der WM-Gruppenphase ausgeschieden war, startete Prandelli eine Revolution. Er warf die bisherige typisch italienische Defensivtaktik, den seit Helenio Herreras Zeiten gepflegten Catenaccio, über den Haufen und lehrte Italien das der Nation so suspekte Angriffsspiel.

Löw nennt die offensivere Spielweise des Halbfinalgegners das "neue Italien". Das tritt nicht mehr ergebnisorientiert und betonhart in der Abwehr auf, sondern zeigt risiko- und variantenreichen Fußball. "Die junge Generation liebt dieses Spiel", sagt der 54-jährige Prandelli. Er liebt es auch. Und er liebt seine Spieler. Mit väterlicher Strenge erzieht er ungehobelte Akteure - und gibt ihnen aber gleichzeitig das Gefühl, an sie zu glauben.

Genie und Wahnsinn liegen eng beieinander

So verdonnerte er Stürmer Antonio Cassano zu einer schriftlichen Entschuldigung, nachdem er Homosexuelle beleidigt hatte. Rüpel Mario Balotelli stellte er unter vier Augen zur Rede, weil dieser offenbar mit Entscheidungen des Trainers nicht einverstanden war. Prandelli weiß, dass bei seinen beiden Exzentrikern Genie und Wahnsinn dicht beieinander liegen - und dass genau das ein wichtiger Faktor für den neuen italienischen Fußball ist. Der Trainer behandelt seine Spieler mit Respekt, er ist strikt, aber nicht cholerisch. Genau dafür wird er im Gegenzug respektiert.

Nach dem Halbfinale gegen Deutschland ließ Prandelli denn auch ein wenig elterlichen Stolz durchklingen, als er Matchwinner Balotelli lobte: "Er war hervorragend, wie die ganze Mannschaft." Balotelli habe seine Strategie hervorragend befolgt, sei immer anspielbar gewesen. Prandelli hatte sich und seine Spieler akribisch auf das Duell gegen Deutschland vorbereitet, hatte Taktiken gewälzt und Videos analysiert. Sein Vorgänger Marcello Lippi war ganz anders ans Werk gegangen, intuitiver.

Bauchgefühl ist für Prandelli gar nichts - er braucht für jedes Spiel eine systematische Marschroute. Das gebe ihm den nötigen Mut, "unitalienisch zu spielen", sagte der frühere Nationalspieler Gianfranco Zola.

Als er die "Squadra Azzurra" 2010 übernahm, stand er vor einem Scherbenhaufen. Aus dem, was nach der WM noch übrig geblieben war, bastelte er den Kern der heutigen Mannschaft zusammen: Andrea Pirlo, Daniele de Rossi, Gianluigi Buffon. Er holte neue, wenig profilierte Spieler wie Claudio Marchisio, Mario Balotelli oder Riccardo Montolivo - und machte sie zum Teil seines Projekts. Zwei Jahre später steht Prandellis Team - trotz einer vom erneuten Wettskandal gebeutelten Vorbereitungszeit - im EM-Finale.

Prandelli kokettiert mit Rücktritt

Die Philosophie und Hartnäckigkeit des Trainers hat es dorthin gebracht. "Ich wollte diesen Spielstil immer vorantreiben, denn wir haben große Qualität in der Mannschaft", sagte Prandelli. Auch der italienische Verband vertraut der Strategie seines Trainers und will ihn halten: Prandelli werde unabhängig vom Ergebnis gegen Deutschland bis zur WM 2014 im Amt bleiben, sagte FIGC-Präsident Giancarlo Abete.

Umso geschockter reagierte man in Italien, als der Trainer am Freitag vor dem EM-Finale verriet: "Die letzten zwei Monate waren sehr anstrengend." Der Wettskandal, fehlender Rückhalt aus der Politik, das harte Turnier - all das "lastet schwer auf mir", sagte Prandelli. Er wolle sich nach dem Finale einige Tage Zeit nehmen, um dann über seine Zukunft zu sprechen.

Wieder macht Prandelli das Gegenteil von dem, was man erwartet. Schon mehrfach hatte er betont, dass Fußball für ihn nicht alles sei: "Wenn es hilft, fahren wir halt nicht zur EM, es gibt Wichtigeres", hatte er nach Bekanntwerden der neuen Manipulationsvorwürfe erklärt. Auch aus dieser Aussage hat die "Squadra Azzurra" ihre neue Stärke gewonnen.

Auch die erneute Provokation scheint Teil seines Plans zu sein - mit dem Italien seit 44 Jahren den ersten EM-Titel gewinnen soll: "Das Halbfinale war nur der Anfang eines Traumes. Ich glaube, dass Spanien nach wie vor der Favorit ist. Aber wir werden die Herausforderung annehmen und Spanien einen großen Kampf bieten", versprach Prandelli.

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Beachtlich
gekko88 30.06.2012
In zwei Jahren mehr auf die Kette gekriegt als der deutsche Trainerstab in sechs. Hut ab.
2. Name...
Anay2 30.06.2012
Wenn die Deutschen jetzt noch seinen Namen richtig aussprechen würden – Césare, nicht Cesāre –, wäre ich zufrieden. Ansonsten: Caesar gewinnt sowieso immer. Braucht man sich nichts vormachen. ;)
3. Ist doch schön, oder?
Klartext007 30.06.2012
Zitat von sysopCesare Prandelli stand vor einem Scherbenhaufen, als er die italienische Nationalmannschaft vor zwei Jahren übernahm. Nach der blamablen WM krempelte er das System komplett um, tauschte mehrere Spieler aus, stärkte die Offensive. Der Lohn: Die Azzurri stehen gegen Spanien im EM-Finale. EM: Trainer Cesare Prandelli führte Italien ins Finale gegen Spanien - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,841668,00.html)
Italien ist zufrieden. Eines der reichsten (industriell und kulurell) Länder europas zeigt Überheblichkeit über den gewonnen Kampf gegen der Erzivalen sowie die Freude unter den Rettungsschirm kriechen zu dürfen. Ist irgendwie eklig. Merkt da niemand was, ich meine von den deutschen Steuerzahlern?
4. Diese Mannschaft
doubtful 30.06.2012
wird Europameister. Schon im ersten Aufeinandertreffen war Italien insgesamt die gefährlichere Mannschaft. Sie macht einfach keine Fehler und ist nach vorne mit den tödlichen Pirlo-Pässen immer für einen genialen Einfall gut. Und dazu kommt die Leidenschaft dieser Mannschaft. Spanien hingegen wirkt recht satt und spielt sehr langsam nach vorne, es wird beim Aufbau immer gewartet, bis alle ins Mittelfeld aufgerückt sind. Das wird Prandelli gnadenlos ausnutzen und die Spanier ganz früh und vor allem in der Mitte stören.
5.
elbgeistDD 30.06.2012
Zitat von doubtfulDas wird Prandelli gnadenlos ausnutzen und die Spanier ganz früh und vor allem in der Mitte stören.
Genauso wirds werden, schließlich haben die Italiener im gleichen Stil schon die Engländer vom Platz gefegt... Mal im Ernst - gar nix wird passieren, die Spanier machen hinten dicht warten auf Konter, die Italiener warten auf Platz für Balotelli, den ihnen dummerweise nur Deutschland gab und so warten sie und warten. Und plötzlich sind 90 Minuten vorbei, das wird ein wirkliches Traumfinale.
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