Neonazis in Fanszene von Energie Cottbus Im Würgegriff der Rechten

Sie drohen, üben Druck aus: Ein rechtsradikales Netzwerk nimmt offenbar immer größeren Einfluss auf die Anhängerschaft von Energie Cottbus. Einer der größten Fanklubs des Vereins zieht nun Konsequenzen.

Fanblock von Energie Cottbus (Archivfoto)
DPA

Fanblock von Energie Cottbus (Archivfoto)

Von


Sieben Spiele, alle gewonnen, 21 Punkte, Tabellenführer der Regionalliga Nordost: Der frühere Bundesligist Energie Cottbus darf von der Rückkehr in den Profifußball träumen. Die sportliche Lage könnte aktuell nicht besser sein.

Doch in der Fanszene droht ein seit Monaten währender Streit zu eskalieren. Im Zentrum stehen Machtkämpfe, es geht um die Sprachführerschaft in der Kurve. Ausgangspunkt der Kontroverse soll die vermeintlich aufgelöste rechte Gruppierung "Inferno Cottbus" sein. SPIEGEL ONLINE hatte über die Lage in der Fanszene Anfang Mai berichtet. Vermeintlich aufgelöst deshalb, weil die "Potsdamer Neuesten Nachrichten" (PNN) nun schreiben, die Neonazivereinigung sei weiter aktiv - und übe Druck auf andere Fangruppen des Regionalligsten aus.

Im konkreten Fall geht es um "Ultima Raka", einer der größten Fangruppen von Energie, gegründet 2002, ihre Mitglieder gelten als tolerant. Am vergangenen Sonntag gab die Gruppe bekannt, ihren Support auf "unbestimmte Zeit einzustellen". Ein schwerer Rückschlag für Energie, das seit Jahren von Rechtsradikalen unterwandert wird. Immer wieder fallen Fans bei Spielen mit nationalsozialistischen Parolen auf oder zeigen den Hitlergruß. "Ultima Raka" war der Gegenpol, sagt ein Fanexperte aus der Region dem SPIEGEL, habe zuletzt aber an Einfluss eingebüßt und im Stadion nur noch Abseits des Geschehens gestanden. Den Ton würden vermehrt Rassisten angeben.

Wie konnte es dazu kommen? Nach PNN-Informationen zog sich "Ultima Raka" auf Druck der angeblich aufgelösten Gruppe "Inferno" zurück. Der Polizei liegen darüber keine Erkenntnisse vor. Laut PNN habe es aber Ende August ein Fantreffen gegeben, bei dem "Inferno"-Mitglieder gefordert haben, alle Gruppen sollen in einem großen Zusammenschluss zusammengehen. Das Ziel: "Infernos" offizielle Rückkehr ins Stadion, Sprachführerschaft in der Kurve, die große Bühne für ihre rechtsextreme Propaganda. Der Zusammenschluss, der Deckmantel der Gruppe, sollte die Neonazis schützen. "Ultima Raka" wollte da offenbar nicht mitmachen. Für eine Stellungnahme war der Fanklub nicht zu erreichen.

"Inferno" will raus aus der Anonymität

Bereits im Mai - nach der "Auflösung" von "Inferno" - hatte die Polizei chaotische Zustände erwartet. Ines Filohn, Pressesprecherin der Polizeidirektion Süd in Brandenburg, sagte damals dem SPIEGEL, aus dem Kreis von "Inferno" werde viel mit Angst gearbeitet. Die Probleme werden weitergehen.

Energie wollte sich auf SPIEGEL-Anfrage nicht konkret zur vorübergehenden Auflösung von "Ultima Raka" äußern. Ein Vereinssprecher gab sich jedoch überrascht und teilte mit, man habe die Auflösung aus dem Bericht der PNN erfahren. Weiter hieß es, man werde sich auch in Zukunft gegen "jegliche Form von Extremismus, Gewalt, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit stellen". Eine Stelle für "Vielfalt und Toleranz" sei laut PNN für 2018 geplant. Ob man mit "Ultima Raka" in Kontakt mit Blick auf eine Bewältigung der Probleme stand oder ob es Versuche gegeben hat, die Einstellung des Supports zu verhindern, beantwortete der Verein nicht.

Fan zündet Pyrotechnik im Cottbus-Fanblock (Archivfoto)
DPA

Fan zündet Pyrotechnik im Cottbus-Fanblock (Archivfoto)

Dem SPIEGEL wurde aus unterschiedlichen Kreisen gesagt, Energie Cottbus gehe nicht entschieden genug gegen gewaltbereite Personen vor. Ein harter Vorwurf. Ein Beleg für den zaghaften Umgang sei, dass "Inferno" kein Stadionverbot, sondern ein Auftrittsverbot bei Spielen von Energie Cottbus hat. Das heißt: Stadionbesuche sind weiter erlaubt, nur Fahnen oder Gruppensymbole dürfen nicht gezeigt werden. Aus Sicht der "Inferno"-Mitglieder muss diese Sanktion kein Nachteil sein, denn Straftaten könnten aufgrund ihrer Anonymität schwerer für die Behörden zu ermitteln sein. Polizeisprecherin Filohn sagt, dass es seit der Auflösung zu keinen Anzeigen gegen "Infernos" Anhänger gekommen sei.

Doch offensichtlich stören sich die Mitglieder genau an dieser Anonymität. Ihre Aktionen sollen wieder mit einem Gruppenemblem verbunden werden, so könnte man die Forderung nach einem größeren Zusammenschluss deuten. Dieser Vorstoß spricht für das Selbstbewusstsein der Gruppe, noch mehr aber für ihren hohen Einfluss in der Region. "Inferno Cottbus" und ihre Unterorganisation "Unbequeme Jugend" sollen bis zu 150 Mitglieder haben, darunter Neonazis, Kampfsportler, Rocker und Hooligans.

Am Samstag (13.30) tritt Energie beim Berliner AK an. Wahrscheinlich wird Cottbus den achten Sieg einfahren. Nebensache. Problematischer könnte es auf den Rängen zugehen. Das Publikum der Berliner gilt als tendenziell links, türkische Zuwanderer sitzen im Vorstand. Das passt nicht ins Bild der Cottbuser Chaoten.



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.