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Ausschluss antisemitischer Cottbus-Anhänger: "Einzige Sprache, die sie verstehen"

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"Inferno Cottbus": Der Verein hat "Erscheinungs- und Auftrittsverbot" erteilt Zur Großansicht
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"Inferno Cottbus": Der Verein hat "Erscheinungs- und Auftrittsverbot" erteilt

Energie Cottbus hat der rechten Gruppierung "Inferno Cottbus" ein Erscheinungs- und Auftrittsverbot erteilt. Doch obwohl der Verein gegen seine Nazi-Ultras durchgreift, stehen die Offiziellen in der Kritik. Der Vorwurf: Sie hätten sich zu lange Zeit gelassen.

Lars Töffling muss sich ein wenig zusammenreißen, um immer wieder sachlich und ruhig die Politik seines Arbeitgebers zu erklären. Vor Kurzem hat Zweitligist Energie Cottbus der Ultra-Gruppierung "Inferno Cottbus" ("IC") ein "Erscheinungs- und Auftrittsverbot" erteilt, ihre Symbole bei Heim- und Auswärtsspielen zu zeigen, ist ihnen nun untersagt.

Freiwillig habe man das beschlossen und öffentlichgemacht, wie der Energie-Pressesprecher betont. Und zwar aufgrund eines Vorfalls, den die Öffentlichkeit gar nicht mitbekommen hatte. Und trotzdem steht der Verein wieder am Pranger. Viele fordern ein "härteres Durchgreifen" gegen die rechte Szene im Stadion. "Das klingt natürlich immer gut", sagt Töffling, "aber wenn man die Leute fragt, was sie meinen, werden sie oft merkwürdig still."

Mit der Forderung renne man bei Energie offene Türen ein. Der harte Kern von "Inferno", etwa ein Dutzend Fans, habe derzeit ohnehin Stadionverbot. Und am guten Willen, jeden auszusperren, der mit rassistischen Pöbeleien oder Transparenten provoziere, fehle es schon mal gar nicht: "Wir fordern alle Seiten seit Jahren immer wieder auf, uns alle Erkenntnisse zugänglich zu machen, damit wir weitere Stadionverbote aussprechen können", sagt der Cottbus-Sprecher. Genau das passiere aber nie, auch der Verfassungsschutz habe seine Erkenntnisse nicht weitergegeben.

Auch im Stadion gilt der Rechtsstaat

Damit benennt Töffling einen Punkt, der derzeit auch Vereinsvertreter von Borussia Dortmund oder Alemannia Aachen umtreibt. Die Vereine stehen am Pranger, weil sie angeblich nicht hart genug durchgreifen. Doch auch im Stadion gilt der Rechtsstaat. Das heißt: Die Vereine müssen jedem Einzelnen sein Fehlverhalten nachweisen, sie brauchen Beweise für Verstöße gegen die Stadionordnung oder Straftaten außerhalb des Stadions. Erst dann können sie aktiv werden.

Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite dachte wohl auch Energie lange Zeit, es könne den Beteuerungen der "Inferno"-Leute glauben, dass allenfalls einzelne Mitglieder der Gruppe rechtsextrem seien. Dass das eine Lüge war, wissen sie heute auch bei Energie. In der Ultraszene gilt "IC" als eine der wenigen offen rechten Gruppen.

Deren Präsenz bei den Energie-Spielen scheint allerdings überschaubar zu sein. Zu Auswärtsspielen fahre die Gruppe meist mit einem Neun-Personen-Bus, sagt ein Insider der Szene. Doch "IC" ist in der rechten Szene prima vernetzt: Als die Gruppe ihr elfjähriges Bestehen feierte, sollen 150 Rechte aus mehreren Bundesländern gekommen sein.

"Der Einpeitscher ist ein Neonazi"

Schon 2002 erließ der Verein ein "Erscheinungs- und Auftrittsverbot" gegen die Gruppe. Dennoch produzierten sich alle Jahre wieder die rechten Ultras. Beim Auswärtsspiel auf St. Pauli ließen sie 2012 aus dem aus einzeln emporgereckten Buchstaben bestehenden Spruch "Ein Sieg heilt alle Wunden" ein "Sieg Heil" entstehen. "Inferno"-Gründer Markus W., deutscher Kickbox-Meister, wurde 2012 wegen Volksverhetzung verurteilt, weil er bei einer Reise nach Mallorca ein T-Shirt mit der Aufschrift "A.H. Memorial Tour 2011 - Protectorat Mallorca" auf der Brust trug. Auf dem Rücken stand: "Seit 66 Jahren vermisst - Du fehlst uns - Wir brauchen Dich."

Vor William P. ("Willi"), der bis vor kurzem "IC"-Vorsänger war, warnte Verfassungsschutzchefin Winfriede Schreiber (seit Mai im Ruhestand) in einem Interview mit dem "RBB": "Der Einpeitscher ist ein Neonazi, der auch zu der Vereinigung Widerstand Südbrandenburg (einer mittlerweile verbotenen Nazi-Kameradschaft; die Red.) gehört. Er gehört zum inneren Zirkel."

Bei Energie sind sie nun froh, dass sie - offenbar vom Dresdner Ordnungsdienst - endlich die Handhabe bekommen haben, um gegen weitere Mitglieder der Gruppe vorgehen zu können. Was genau passiert ist, will der Verein nicht sagen. Dass sich der Vorfall in Dresden ereignete, bestätigt Töffling aber.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wurde dort die Parole "Juden DD" mit Klebeband an die Plexiglasscheibe des Auswärtsblocks geklebt - eine Reminiszenz an eine ähnliche "Inferno"-Aktion im Jahre 2005. Für Energie war das Maß voll: "Wir haben es lange mit Dialog versucht, jetzt haben wir zu der einzigen Sprache gegriffen, die diese Leute verstehen", sagt Töffling.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Mit einem Erscheinungsverbot,
dorfeller 29.06.2013
dürfte das Problem kaum gelöst sein, aber dennoch ein guter Anfang. Eigentlich unmöglich als Verein da, so einzugreifen das man davon ausgehen kann dass diese Kerle nicht wieder kommen. Die Kurve muss sich selbst reinigen, aber ob das in Cottbus klappt ?!
2. Hausrecht der Vereine
ertbaer 29.06.2013
Zitat: "Die Vereine müssen jedem Einzelnen sein Fehlverhalten nachweisen, sie brauchen Beweise für Verstöße gegen die Stadionordnung oder Straftaten außerhalb des Stadions. Erst dann können sie aktiv werden." Die Vereine haben das Hausrecht bei Heimspielen und können jedem, auch ohne Angabe von Gründen, Stadionverbot erteilen - so wird das auch gehandhabt.
3.
renee gelduin 29.06.2013
Was will man eigentlich? Leute aufgrund ihrer politischen, aber verfassungsrechtlich gedeckten Einstellung vom Stadion fernhalten? Dafür ist Energie dann tatsächlich verantwortlich. Aber inwiefern das rechtens ist ... Leute aufgrund verfassungsfeindlicher Einstellung und Tätigkeiten (!) dem Stadion fernhalten ist doch vordringlich Sache der hiesigen Strafverfolgung ! Wann greift die Polizei denn mal ein? Gar nicht ?
4.
spassmagnet 29.06.2013
Zitat von ertbaerZitat: "Die Vereine müssen jedem Einzelnen sein Fehlverhalten nachweisen, sie brauchen Beweise für Verstöße gegen die Stadionordnung oder Straftaten außerhalb des Stadions. Erst dann können sie aktiv werden." Die Vereine haben das Hausrecht bei Heimspielen und können jedem, auch ohne Angabe von Gründen, Stadionverbot erteilen - so wird das auch gehandhabt.
das habe ich aber anders gehört - ich glaube Kind aus Hannover hatte sich auch mal dahingehend geäußert, dass man Beweise haben muss, sonst kommen diese Leute mit ihrem Anwalt & nichts ist gewonnen.
5.
teekesselchen 29.06.2013
Zitat von spassmagnetdas habe ich aber anders gehört - ich glaube Kind aus Hannover hatte sich auch mal dahingehend geäußert, dass man Beweise haben muss, sonst kommen diese Leute mit ihrem Anwalt & nichts ist gewonnen.
schön wärs. es reicht, dass man nach einem Spiel von der Polizei angehalten wird und die Personalien festgestellt werden. die Daten werden an die Vereine mitgeteilt und die machen dann Stadionverbote. Ob man selbst was gemacht hat oder überhaupt gegen einen ermittelt wird, interessiert da keinen. das Stadionverbot geht von den Vereinen automatisch raus und man kann sich dann nen Anwalt nehmen und dagegen vorgehen. Das kostet allerdings einige Tausend Euro die man nicht wieder kriegt. Also, ich könnte es mir nicht leisten, gegen ein Stadionverbot vorzugehen.
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Zum Autor
Über die Fußball-Bundesliga berichtet unser Autor Christoph Ruf. Er lebt in Karlsruhe, hat ein großes Herz für diverse kleine Vereine und treibt sich gerne auch in unterklassigen Ligen herum.


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