England vor dem WM-Auftakt The Germans als Vorbild

Das Verhältnis zwischen englischer Nationalmannschaft und Presse war lange gestört. Nun öffnet sich der Verband. Als wichtiger Einfluss gilt das deutsche Team.

Fans der englischen Nationalmannschaft mit Harry Kane
REUTERS

Fans der englischen Nationalmannschaft mit Harry Kane

Aus Moskau berichtet


Im Medienzentrum von Repino am Finnischen Meerbusen hängt eine Dartscheibe an der Wand. Das ist im Grunde nicht weiter erwähnenswert, da die Delegation der Football Association für ihre Reisen zu Turnieren ja immer urbritische Utensilien mitbringt, eine Industriepalette BS 1363-Commonwealth-Steckdosen zum Beispiel, "Wotsits"-Käse-Maisflocken oder gerne auch Panorama-Bilder vom größten Triumph des 21. Jahrhunderts, dem 5:1-Sieg über Rudi Völlers DFB-Team in der WM-Qualifikation 2001.

Diese Dartscheibe aber ist nicht nur eine Dartscheibe. Sie ist schon vor dem ersten Spiel gegen Tunesien in Wolgograd zu einem Symbol geworden: für das neue, junge, relaxte England von Gareth Southgate. Zu jeder Pressekonferenz treten seine Kicker gegen Reporter an der Wurflinie an, dabei wird gelacht, viel fotografiert und immer schwingt der Subtext mit, dass in dem Kurort 40 Kilometer nördlich von Sankt Petersburg alles das genaue Gegenteil von 2016 sein soll.

Damals logierte die Truppe von Roy Hodgson in einem feudalen Prunkbau in Chantilly und schottete sich derart rigoros von allen Außenstehenden ab, dass Torhüter Joe Hart sich gar mürrisch weigerte, den Gewinner der internen Dartmeisterschaft preiszugeben. Das Turnier in Frankreich fiel mit der Brexit-Abstimmung zusammen, was die Wagenburgmentalität zusätzlich befeuerte. Die harmlosesten Fragen nach privaten Befindlichkeiten wurden sofort unterbunden, als bestünde die Gefahr, das Staatsgeheimnisse Ihrer Majestät ans Licht der Öffentlichkeit gelangen könnten.

"Die Termine mit der Presse waren immer sehr unangenehm für uns"

Southgate spielte Mitte der Neunzigerjahre in einer Nationalmannschaft, bei der gemeinschaftliche Besäufnisse quasi zum offiziellen Trainingsplan gehörten und am nächsten Tag Schluck für Schluck in den Gazetten wiedergegeben wurden. Damals kam es zum Bruch im Verhältnis zwischen Presse und Spielern. In dessen Folge wurde die Nationalmannschaft angehalten, den Berichterstattern ähnlich wie in ihren Vereinen zu begegnen: mit einer großen Portion Misstrauen - oder am besten gar nicht.

"Die Termine mit der Presse waren immer sehr unangenehm für uns", erinnert sich der Ex-Internationale Steve McManaman. "Es war ein Katz-und Maus-Spiel. Beide Seiten belauerten sich, man wollte keinen Fehler machen." Southgate ist entgegen seiner Vorgänger der Meinung, dass diese überfrachtete Atmosphäre der Leistung nicht dienlich ist, da sie die Spieler unnötig stresst und letztlich den Druck auf sie überhöht. Der 47-Jährige setzte in Absprache seines Kommunikationsteams auf eine Politik der Entspannung und der Öffnung.

Gareth Southgate
DPA

Gareth Southgate

Alle 23 Spieler, das war für englische Maßstäbe eine Sensation, stellten sich im Vorfeld an einem Medientag zur Verfügung und schilderten auf Geheiß des Trainers sogar bereitwillig ihr Innenleben. Außenverteidiger Danny Rose (Tottenham Hotspur) berichtete beispielsweise als erster aktiver Nationalspieler von seinem Kampf gegen Depressionen. "Mir war wichtig, dass die Spieler ihre Geschichten erzählen", erklärte Southgate am Vorabend des Tunesien-Spiels. Er will, dass das nach Jahrzehnten der Enttäuschung überkritische Publikum auf der Insel die Stars als Menschen wahrnimmt.

Seine Schützlinge sollen gleichzeitig zum Nachdenken animiert werden, sich Fragen und vor allem der Normalität stellen. Im Hauptquartier der FA ist man nach einer internen Analyse überzeugt, dass die Unwägbarkeiten und Probleme auf dem Platz, die bei großen Turnieren regelmäßig über die Engländer hinweg brechen, besser von Spielern gelöst werden können, die ihre Zeit abseits des Platzes nicht in einer Blase erleben.

Den Charme des ungezwungenen Miteinanders entdeckt

"Wenn man auf einer Insel aufwächst, hat man das Problem, dass man nicht die anderen sieht und richtig einschätzen kann", so Southgate. Verbandschef Martin Glenn sieht das ähnlich. Englands Spieler fühlten sich "auf Reisen unwohl" und zeigten sich "in einem ungewohnten Umfeld zerbrechlich", monierte der 47-Jährige im Oktober. Daran gelte es zu arbeiten, auch mit einer Sportpsychologin.

Wer das deutsche Mannschaftsquartier in Vatutinki besucht hat, in dem übergroße Spielerporträts in Pin-up-Pose die pompöse Bühne flankieren und der Sponsoren-Spruch "Best Never Rest" in seiner grandiosen Unstimmigkeit und unfreiwilligen Provinzialität an die Gesangseinlage des DFB-Teams mit den Village People bei der WM 1994 erinnert, wird es kaum glauben: Aber Southgate und Glenn, der eine Zeit lang einen norddeutschen Lebensmittelkonzern leitete, haben sich für den Kulturwandel tatsächlich the Germans als Vorbild ausgesucht.

Beide haben mit Begeisterung Bücher über die Strukturreformen im Verband und in der Bundesliga gelesen und sich insbesondere über die deutsche Pressearbeit erkundigt. Wie so oft droht auch hier die Kopie zum besseren Original zu werden. Während beim DFB (und auch in den Vereinen) der Trend verstärkt zum altenglischen Isolationsmodell geht, hat man im Lager der "Three Lions" den Charme des ungezwungenen Miteinanders entdeckt.



insgesamt 2 Beiträge
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Nonvaio01 18.06.2018
1. toll
gute Fussballer sind es trotzdem nicht.
gloriavictoria 18.06.2018
2. Deutsche Fußball-Entwicklung
Mal wieder ein toller Artikel von Honeystone! ;) Beim DFB, aber auch der DFL, habe ich das Gefühl, dass man dort gerade mitten im Tiefschlaf ist. Niemand handelt oder schlägt Neuerungen vor, während zum Beispiel die Bundesliga eine ganz gefährliche Entwicklung hin zu einer Liga ohne jeglichen Wettbewerb (an der Spitze) nimmt. Gerade diesbezüglich müssen neue Konzepte (Playoffs, wirklich gleiche Verteilung der TV-Gelder, denn das große Geld kann man in der CL verdienen, etc.) entwickelt werden, damit sich junge deutsche Spiele, verteilt auf mehrere heimische Top-Clubs, in der Nationalmannschaft durchsetzen können! Da aber nichts passiert, sehe ich schwarz für den deutschen Fußball!
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