"Three Lions"-Trainer Southgate New England

Gareth Southgate revolutioniert gerade Englands Fußball. Seine Unerfahrenheit als Coach ist dabei sein großer Trumpf. Er bedient sich bei den Großmeistern seines Fachs.

England-Trainer Southgate
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England-Trainer Southgate

Aus Moskau berichtet Raphael Honigstein


Im Dezember 2014 stellten Dean Ashworth (Technischer Direktor des englischen Fußball-Verbands), Nachwuchsleiter Matt Crocker und U21-Trainer Gareth Southgate die "England DNA Philosophy" vor, einen Masterplan für die Ausrichtung von englischen Nationalmannschaften.

Die darin beschriebene Spielidee ("Das Ziel ist der intelligente, dominante Ballbesitz mit der Wahl des richtigen Moments für Vorstöße… und eine intelligente Balleroberung, so früh und effizient wie möglich") setzte den urenglischen Blut-Schweiß-und-Tränen-Tugenden universale Prinzipien des modernen Fußballs entgegen - und wurde von den Nationaltrainern Roy Hodgson (2012 bis 2016) und Sam Allardyce (Juli 2016 bis September 2016) selbstverständlich ignoriert.

Beide wollten ihre Gestaltungsgewalt nicht den trendigen Buzz-Wörtern von Jugendtrainern und Verbandsleuten unterwerfen. "Englands Identität bleibt die fortwährende Suche nach der Identität", spottete der "Guardian" über den gescheiterten Versuch des Verbandes, die ewige Zerrissenheit der Three Lions auf der europäischen Bühne mit allgemeinungültigen Grundsätzen zu überwinden.

England will seit Jahrzehnten inbrünstig beides sein: tapfer, direkt, schnell und von der Liebe zum Vaterland beseelt - und dabei so technisch elegant und gut strukturiert wie die Teams, die in den großen Turnieren regelmäßig weiter vorne landeten. Allein die Mittel für eine erfolgreiche Synthese fehlten weiterhin. "Englands DNA" blieb eine Leerstelle.

Auch seit Southgate vor knapp 21 Monaten mangels Alternativen zum Cheftrainer befördert wurde, hat man von fußballerischer Desoxyribonukleinsäure auf der Insel recht wenig gehört. Das liegt allerdings nicht daran, dass der frühere Nationalspieler seinen Glauben an die Moderne verloren hatte. Die Metapher passt nur nicht so richtig zu seiner Arbeit.

Den 47-Jährige interessiert weniger das nationale Erbgut als die Einschleusung vormals fremder Informationen in den Code. Der Quasi-Berufsanfänger, der im ersten und einzigen Job als Profitrainer den FC Middlesbrough in die zweite Liga führte, machte seine geringe Erfahrung zur Tugend und schaute sich ungeniert die besten Konzepte von den internationalen Starprofessoren ab, die in der Premier League lehren.

Wo Southgate seine Ideen herholt

  • Vom Italiener Antonio Conte (Chelsea) übernahm er die flexible Dreierkette.
  • Vom Argentinier Mauricio Pochettino (Tottenham) das kollektive Pressing.
  • Von Jürgen Klopps Liverpool schaute er sich die Muster des Umschaltspiels ab.

Der wichtigste Einfluss aber heißt Pep Guardiola: Der Katalane machte mit Manchester City ein gepflegtes Aufbauspiel aus der Abwehr und unbedingten Ballbesitz-Fußball gegen alle Unkenrufe des englischen Establishments salonfähig.

Die Spieler aus Southgates junger Mannschaft, die er zum Großteil schon in der U21 betreute, sind als einzige bei der WM komplett im eigenen Land aktiv, doch das ist kein Nachteil. Auslandserfahrungen kann man als Engländer auch prima zu Hause, in der vollständig globalisierten Premier League machen. Zur guten technischen Ausbildung in den Jugendakademien kommt dort die praktische Schulung durch internationale Koryphäen der Zunft.

Southgate profitiert von den Impulsen, so wie sich Joachim Löw einst von Guardiola, Lucien Favre und Klopp anregen ließ. Anstatt ein bestimmtes Modell nachzuäffen, sucht Southgate mit dem Eifer und der Demut des Nicht-Meistertrainers undogmatisch nach funktionierenden Ideen.

Southgate (r.) mit Offensivtrainer Allan Russell (l.)
DPA

Southgate (r.) mit Offensivtrainer Allan Russell (l.)

Eine Analyse der siegreichen Turniermannschaften förderte die gewachsene Bedeutung von Standards bei der letzten WM zutage. Die Engländer bemerkten, dass in Brasilien elf Prozent aller Tore nach Ecken gefallen waren, und machten das Thema im Vorfeld der Russlandreise zum Trainingsschwerpunkt. Die Bewegungen im Strafraum folgen einer verbindlichen Choreografie, vier Tore erzielte das Team bereits in diesem Turnier nach ruhenden Bällen. Southgate hatte damit einen großen Anteil, dass der allgemeine Trend verstärkt wurde: nur 42 Prozent der 85 Treffer in den ersten 32 Partien des Turniers fielen aus dem Spiel heraus.

Southgate, ein Fan der NBA und der NFL, reiste auch nach Amerika, um zu sehen, wie es die Mannschaften in jenen Sportarten schafften, Abwehrreihen zu überspielen. Nach Gesprächen mit mehreren Trainern kam ihm der Einfall, einen Offensivspezialisten einzustellen, der ausschließlich mit den Stürmern an Kombinationen und Abschlüssen arbeitet. Allan Russell hat zwar selbst nur in unterklassigen Ligen gespielt (und ist noch dazu Schotte), aber die Spieler schätzen die Konzepte, die der 37-Jährige von Gastspielen in den USA (Carolina RailHawks, Orange County Blues) mitgebracht hat. "Er justiert die kleinen Dinge; es geht darum, zum richtigen Moment am richtigen Ort zu sein", erklärt der vierfache Torschütze Harry Kane.

Bis auf den Starstürmer von Tottenham hat Southgate keinen ausgewachsenen Weltklassespieler in seinem Kader, das muss bei dieser WM nicht der allergrößte Nachteil sein. Große Favoriten wie Frankreich, Spanien oder die vom Erfolg in Maracanã fürchterlich träge gewordenen Deutschen schafften es in Russland (bisher) nicht, sich als funktionierende Kollektive zu präsentieren.

Southgates New England geht dagegen mit Schwung und ohne historische Hypothek in die K.o.-Runde. Es hat sich gefunden, weil es im Gegensatz zu vielen verzweifelten Vorgängern gar nicht erst nach dem Kern des eigenen Wesens sucht. Sondern nur nach guten Einfällen.



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hileute 28.06.2018
1. Überbewertet
wenn die Engländer gg eine Mannschaft spielt, die bei Ecken halbwegs akzeptabel verteidigt klappt garnichts mehr bei denen, wird sich vlt heute Abend schon zeigen
powerbernd 28.06.2018
2. Deren WM geht doch heute erst los
Bei aller Liebe, aber Tunesien und vor allem Panama hätten selbst "Die Mannschaft" nicht vor Probleme gestellt (und das will ja heutzutage schon etwas heißen). Gegen die ebenfalls bärenstarken Belgier wird es das erste Mal ernst - für mich ein vorgezogenes Halbfinale. Ich bin entsprechend gespannt - und kann mich im Tippspiel im Übrigen nur schwer festlegen. Wir werden sehen, was bei beiden Mannschaften nach dem Spiel von den ganzen Lobhudeleien übrig bleiben wird.
mike1 28.06.2018
3. Kein Kampf mit offenem Visier
Zitat von powerberndBei aller Liebe, aber Tunesien und vor allem Panama hätten selbst "Die Mannschaft" nicht vor Probleme gestellt (und das will ja heutzutage schon etwas heißen). Gegen die ebenfalls bärenstarken Belgier wird es das erste Mal ernst - für mich ein vorgezogenes Halbfinale. Ich bin entsprechend gespannt - und kann mich im Tippspiel im Übrigen nur schwer festlegen. Wir werden sehen, was bei beiden Mannschaften nach dem Spiel von den ganzen Lobhudeleien übrig bleiben wird.
das heutige Spiel gegen den Mitfavoriten wird mit großer Wahrscheinlichkeit von keinem der beiden mit offenem Visier geführt werden. Beide sind bereits für das Achtelfinale qualifiziert und werden ihre Kräfte entsprechend schonen. Wer Gruppenerster und -zweiter werden wird dürfte für beide nur zweitrangig sein. Ganz sicher will man wohl auch nicht jetzt schon dem Gegner alle Trumpfkarten auf den Tisch legen. Zu gross ist die Wahrscheinlichkeit im Laufe des Turniers nochmal gegeneinander antreten zu müssen. Man muss aber klar konstatieren dass sich die englische Nationalmannschaft sehr positiv entwickelt hat und nun zu einer moderneren und technisch anspruchsvolleren Spielweise befähigt ist als es in den früheren Jahren noch der Fall war. Ich persönlich halte Belgien (derzeit noch) für das stärkere Team. Sie zählen für mich zu den Mitfavoriten auf den Titel.
treime 28.06.2018
4. Belgien...
...und England werden mit ihrer B-Elf antreten und ein müdes Gekicke wie FRA-DAN zeigen. England wird erst im 1/8 Finale geprüft.
rudig 28.06.2018
5. Ja,
es wäre toll wenn die Engländer heute gewinnen würden. Ob sie Weltmeister werden glaube ich nicht aber in 2 Jahren Europameister. Sie haben tolle Nachwuchstalente und ihnen gehört die Zukunft.
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