England - Deutschland Der Glatzkopf pfeift den Klassiker

Die Augen sprühend, der Mund aufgerissen, die Halsschlagader fingerdick: So präsentierte sich Pierluigi Collina beim Spiel Holland-Tschechien. Jetzt soll der italienische Schiedsrichter das heißeste Duell der EM leiten.


Furcht erregend: Pierluigi Collina
REUTERS

Furcht erregend: Pierluigi Collina

Brüssel - Wenn Schiedsrichter Pierluigi Collina auf dem Fußballfeld mit ausdrucksstarker Mimik seine Entscheidungen fällt, zucken nicht nur die Kicker zusammen. "Ich erschrecke mich manchmal selbst, wenn ich mich im Fernsehen sehe", sagt der Italiener, der am Samstag den Klassiker England gegen Deutschland in Charleroi pfeift, mit einem Grinsen.

"Aber Angst müssen die Spieler vor mir nicht haben", fügt der Glatzkopf mit den markanten Gesichtszügen an, der vor zehn Jahren wegen einer Stoffwechselkrankheit sämtliche Haare verlor. "Ich spreche auf dem Platz sehr viel mit ihnen, das ist sehr wichtig. Und bislang hat noch keiner gesagt: Mit dir will ich nicht reden."

Respekt verschafft sich der 40 Jahre alte Anlageberater aus Viareggio, seit 1995 Fifa-Schiedsrichter, nicht nur durch sein Auftreten, sondern auch durch seine Entscheidungen. Collina gilt als der härteste und kompromissloseste Schiri der Welt, der seine Augen und Ohren überall hat. "Bild" nannte ihn "Glatze Gnadenlos" mit "Röntgenaugen".

Die Tschechen können ein Lied davon singen. Nach einem Trikot-Zupfer des Schalkers Jiri Nemec gegen Ronald de Boer entschied der Italiener in der 89. Minute auf Elfmeter, die "Oranjes" siegten 1:0. "Skandal", "lächerlich" gifteten Nemec und Co. "Die TV-Bilder zeigen, dass ich Recht hatte", kontert Collina, der in der Nachspielzeit für eine Euro-Premiere sorgte und dem bereits ausgewechselten Radoslav Latal (ebenfalls Schalke 04) wegen Schiedsrichter-Beleidigung Rot zeigte.

Für den brisanten Knüller am Samstag wurde der zweifache Familienvater, der neben italienisch auch fließend englisch, spanisch und französisch spricht, wegen seiner Erfahrung ausgewählt. "Wir schicken unsere Besten zu den wichtigsten Spielen", begründete Volker Roth, Mitglied der Uefa-Schiedsrichterkommission, die Ansetzung. Olympia 1996, die WM 1998, 26 Europapokalspiele - Collina kennt sich im internationalen Fußballgeschäft aus.

Und kennt vor allem die Deutschen gut: Das Qualifikationsspiel gegen die Türkei leitete er ebenso wie das Champions-League-Finale 1999 zwischen Bayern München und Manchester United. "Das Endspiel von Barcelona und das Olympia-Finale 1996 in Atlanta zwischen Nigeria und Argentinien waren bisher meine wichtigsten Aufgaben", sagt der Hobby-Basketballer.

Nach seinem zweiten EM-Auftritt soll die Euro 2000 für den Italiener aber noch nicht beendet sein. Collina hofft auf einen Einsatz im Viertel- oder Halbfinale. Im Endspiel eher nicht, denn dort will er die "Squadra Azzurra" sehen. Und das bedeutet für ihn einen Platz auf der Tribüne, auch wenn er des Nachts schon anderes im Sinn hatte: "Ich habe geträumt, dass ich Italien im Finale pfeife. Aber das wird wohl ein Traum bleiben."

Thomas Lipinski



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.