England-Legionär Volz: "Meine Torbilanz stand bei minus eins"

Anfang 2006 warf ein Rippenbruch Moritz Volz zurück, er verlor seinen Stammplatz beim FC Fulham. Dennoch hatte er im Spiel gegen den FC Chelsea seinen großen Moment: Der Deutsche ging in die Geschichte der Premier League ein. Anschließend war er aber zu langsam, um angemessen zu feiern.

Fußballer Volz: Ein Mann für die Geschichtsbücher Fotos
Getty Images

Dies ist der zweite Teil aus der Biografie von Moritz Volz. Lesen Sie im ersten Teil, wie schwer dem damals 15-Jährigen die Entscheidung fiel, zum FC Arsenal zu wechseln.

Nach zweieinhalb Jahren beim FC Fulham stand meine Torbilanz bei minus eins. Ich hatte ein Tor geschossen und zwei Eigentore fabriziert. Tore zu erzielen, ist für einen Abwehrspieler zwangsläufig nicht einfach: Wir sind so selten vor dem gegnerischen Tor.

Trotzdem oder gerade deswegen sagten in meiner Anfangszeit in der Premier League immer wieder Fans zu mir: "Heute habe ich bei den Buchmachern fünf Pfund auf dich als Torschütze gesetzt." Die Gewinnquote wäre beim Tor eines Abwehrspielers viel höher gewesen als bei einem Treffer unserer Torjäger Louis Saha oder Brian McBride. Als Außenverteidiger, der immer wieder mit Flankenläufen nach vorne stieß, muss ich den Zuschauern fälschlicherweise den Eindruck gemacht haben, ich käme dem Tor nahe.

Nach ein, zwei Jahren kam niemand mehr zu mir, um mir von seinen Wetten auf mich zu erzählen. Vielleicht kamen diese Fans auch gar nicht mehr ins Stadion. Weil ich sie finanziell ruiniert hatte.

Ich markierte mein erstes Tor für Fulham im FA-Cup gegen Watford kurz nach meinem 22. Geburtstag und revidierte es prompt eine Woche später mit einem Eigentor gegen Birmingham City. Aber der Höhepunkt meiner überschaubaren Liaison mit dem Tor war ohne Zweifel mein zweites Eigentor.

Eigentor gegen einen Viertligisten

Wir spielten im September 2005 im Ligapokal gegen den Viertligisten Lincoln City. Einige Reservespieler durften sich bewähren, weshalb ich den Nachmittag zunächst auf der Ersatzbank verbrachte. Neun Minuten vor Ende der Partie führten wir 2:1. Unser Trainer brachte mich ins Spiel, um die Abwehr zu festigen und mit der Auswechslung ein wenig Zeit zu vertrödeln.

Ich trat ins Spielfeld und musste schon laufen. Lincoln griff über unseren linken Flügel an. Ich sprintete auf der anderen Spielfeldseite in unseren Strafraum zurück, Lincoln flankte, ich war im vollen Lauf und konnte den heransausenden Ball weder kontrollieren noch ihm ausweichen. Er sprang gegen meinen Fuß und in unser Tor. In der Verlängerung gingen wir 4:2 in Führung, aber Lincoln glich erneut mit zwei Toren zum 4:4 aus. In der letzten Minute der Verlängerung erzielten wir das 5:4.

Im Fußball kann man auf die verschiedenste Art berühmt werden, und ich fühlte, ich hatte es gerade auf einzigartige Weise geschafft.

Zum Spiel gegen Chelsea hätte ich zu Fuß gehen können

An einem jener Dezembertage 2006, an denen es nie richtig hell wurde, traf ich mich mit der Mannschaft drei Stunden vor Anpfiff in unserem Stadion zum Mittagessen. Wir spielten zwar auswärts, aber wir hätten zu Fuß gehen können, einfach die Fulham Road hinunter zur Stamford Bridge, wo uns unser lokaler Rivale FC Chelsea erwartete.

Ich spielte gegen Chelsea im zentralen Mittelfeld. Seit ich ein Jahr zuvor mit einer gebrochenen Rippe für mehrere Monate aussetzen musste, hatte ich keinen festen Platz mehr im Team. Ich spielte zwar fast immer, wurde jedoch von einer Position auf die andere geschoben. "Utility player", sagen die Engländer: der nützliche Spieler.

Nach 16 Spielminuten bekamen wir einen Einwurf auf der linken Seite zugesprochen, weit in des Gegners Spielhälfte. Frank Queudrue warf den Ball stramm in Chelseas Strafraum, Tomasz Radzinski sprintete herbei, um ihn anzunehmen. Zwei Chelsea-Spieler stürmten wie magnetisch angezogen auf Radzinski zu - und er vollführte den feinsten Trick. Er nahm den Ball einfach nicht an. Er ließ ihn am eigenen Körper vorbeifliegen, genau zwischen den zwei Chelsea-Verteidigern hindurch, tiefer in den Strafraum hinein. Dort stand ich. Weil Radzinski die Verteidiger abgezogen hatte, war ich mit dem Rücken zum Tor und dem Ball am Fuß abrupt frei.

In einer Bewegung stoppte ich den Ball und drehte mich gleichzeitig dem Tor zu. Der Ball hüpfte ein wenig, zum Tor waren es neun Meter. Ich schoss mit rechts ins rechte Toreck.

Ich wollte die Mick-Channon-Windmühle machen

Ich sprintete los, ich schlug Haken um meine jubelnden Mitspieler, die Windmühle, schoss es mir durch den Kopf, du musst die Mick-Channon-Windmühle machen! Ich wollte sie vor unseren Fans aufführen, aber sie saßen am anderen Ende des Stadions. Als mir bewusst wurde, dass der Weg zu ihnen zu weit war, war es bereits zu spät. Zu viele Sekunden waren seit meinem Tor schon vergangen, jetzt konnte ich keine Jubelgeste mehr starten, ohne lächerlich zu wirken.

Das Spiel endete 2:2, ein versöhnliches Resultat für uns beim Meisterschaftsfavoriten. Mit der Langsamkeit glücklicher Fußballer zog ich mich in der Umkleidekabine um, als mir die Nachricht überbracht wurde, die gesamte Presse wolle mit mir sprechen. Na, so weltbewegend war es doch auch nicht, dass ich mal ein Tor schoss.

Glückwunsch, sagten die Sportreporter, du hast das 15.000. Tor der Premier-League-Geschichte geschossen. Ich ging mit meiner Freundin Anneke vom Stadion zu Fuß nach Hause. Aus den Pubs an der Fulham Road kamen Entrüstungsschreie oder Hochgesänge, je nachdem ob mich Chelsea- Fans oder Fulham-Anhänger erkannten.

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1. Mick-Channon-Windmühle?
poseidonjohnson 01.03.2012
Wtf ist die Mick-Channon-Windmühle?! Herr Volz, Sie haben einen Auftrag. Ich will dat Ding sehen, und zwar in braun-weißer Ausführung! Vielleicht verschlechtern sich dadurch dann auch endlich mal wieder die Wettquoten auf Buden von Dir... Forza Sankt Pauli!
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Zur Person
  • DPA
    Moritz Volz, Jahrgang 1983, ist in Siegen aufgewachsen und wechselte als 16-Jähriger vom FC Schalke 04 zum FC Arsenal. 2003 ging der Verteidiger zum FC Fulham und spielte bis 2009 für den Verein im Londoner Westen. Seit 2010 steht er beim FC St. Pauli unter Vertrag.
    In England ist Volz überaus beliebt. "Er ist ein Deutscher mit Sinn für Humor. Mehr noch, er ist ein deutscher Fußballer mit Sinn für Humor", schrieb einst der "Guardian".
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