England-Legionär: "Vom Volz, saucool, ein Riesenspieler"

Keine Nominierung? Kein Problem! Fulham-Profi Moritz Volz erlebte die WM 2006 als Fan. Im Programm: Sechs Stadionbesuche sowie eine halbstündige Fahrradtour, um Panini-Bilder zu erstehen. Dazu gab es ein amüsantes Treffen mit Jürgen Klopp - und eine traurige Erkenntnis über seinen Stellenwert.

Fußballer Volz: Als Fan bei der WM 2006 Fotos

Dies ist der dritte und letzte Teil aus der Biografie von Moritz Volz. Lesen Sie im ersten Teil, wie schwer dem damals 15-Jährigen die Entscheidung fiel, zum FC Arsenal zu wechseln. In Teil zwei berichtet Volz, wie er das 15.000 Tor der Premier-League-Geschichte erzielte.

Ich wollte in acht Tagen um die Fußball-Welt reisen. Von Argentinien über Angola und die USA zu den Deutschen, dann Brasilien. Vor mir lag der Spielplan der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. In meinem Kopf schob ich die Paarungen hin und her, ich ordnete und verknüpfte sie neu, bis ich meine Reiseroute zusammenhatte. Sechs Spiele in acht Tagen, Argentinien gegen Elfenbeinküste in Hamburg, Portugal gegen Angola in Köln, USA gegen Italien in Kaiserslautern.

Ich schaute, wo und wann meine Bekannten vom FC Fulham und von Arsenal mit ihren Ländern spielen würden, und hoffte, dass sie mir Eintrittskarten zu den Partien besorgen konnten. Deutschland, Brasilien und Holland bekam ich auch noch auf meiner Liste unter.

Still hatte ich gehofft, bei der WM für Deutschland spielen zu dürfen. Nachdem ich alle Jugend- und Junioren-Nationalteams durchlaufen hatte, war es der logische Traum, dass ich in die Nationalelf übernommen würde. Aber Träume sind natürlich nie logisch. Einmal lud mich Bundestrainer Jürgen Klinsmann zu einem Testspiel seiner WM-Mannschaft ein, in Leipzig gegen Kamerun. Ich bekam viele gute Kritiken, "ein sehr geradliniger Verteidiger", "Klinsmann macht Volz Hoffnung", "klug auf dem Klapprad". Leider fielen all diese schönen Worte in den Medien vor dem Spiel. Gegen Kamerun wurde ich dann gar nicht eingesetzt.

"Meine Weltmeisterschaft begann in Bürbach auf der Terrasse meiner Eltern"

Nachdem der Bundestrainer mich trotz meiner dramatisch verbesserten Torbilanz (fast schon ein Tor pro Jahr) schließlich nicht für die WM nominierte, beschloss ich, auf eigene Faust daran teilzunehmen. Ich wurde für einen Sommer vom Profi zum Fan. Meine Weltmeisterschaft begann in Bürbach auf der Terrasse meiner Eltern. Mein Bruder Konni saß am Tisch und klebte Sammelbilder in das Panini-WM-Album ein.

"Also, dafür bist du aber jetzt wirklich zu alt." Er murmelte etwas von "wenn schon mal eine WM in Deutschland ist" und "machen alle an der Universität". Ich unterhielt mich mit meinen Eltern auf der Terrasse. Und auf einmal, noch am selben Tag, als ich Konni mit dem Album gesehen hatte, fragte ich mich: "Ob die Fußballbilder wohl noch immer so riechen wie früher?" Ich versuchte den Gedanken zu verdrängen, aber er kam immer wieder zurück. "Bin gleich wieder da", rief ich meinen Eltern zu.

"Ich kaufte das Album und eine absurd große Menge Tütchen"

Es waren noch immer 30 Minuten auf dem alten Fahrrad zum alten Kramerladen, die Berge von Bürbach hoch und runter. Ich kaufte das Album und eine absurd große Menge Tütchen. Der Geruch nach frischem Plastikklebstoff war tatsächlich noch genau derselbe wie früher, ebenso wie die unerträglich schöne Ungewissheit im Moment, wenn ich die Packung aufriss: Welche Spieler würde ich in dem Tütchen finden?

Die alte Professionalität eines geübten Fußball-Klebebilder-Sammlers aus Kindertagen kam sofort wieder über mich: Holländer, Amerikaner und Michael Ballack "gingen voll leicht", wie man im Jargon sagte: Ihre Bildchen hatte ich schnell doppelt und dreifach. Zu Hause fragte ich meinen Bruder mit abgeklärter Stimme, ob er Ballack auch schon habe.

Klopp: "Oah, geil, Premier League"

Meine WM-Reise brachte mich auch nach Berlin, dort traf ich zum ersten Mal einen anderen Profi-Fan. Jürgen Klopp, damals Bundesligatrainer bei Mainz 05, trug ein Australien-Trikot. Auch wenn Brasilien gegen Kroatien spielte. Wir trafen uns im WM-Haus eines unserer Sponsoren und gingen gemeinsam zum Spiel. Herthas Mittelfeldspieler Zecke Neuendorf war auch noch dabei. Auf dem Weg vom Parkplatz zum Stadion schlug Klopp wild um sich. Sein gelbes Trikot zog die Fliegen an.

"Also, Kloppo, wenn du willst, ich habe noch ein rotes Trikot in der Tasche, das kann ich dir leihen", bot ich an. Ich hatte eines meiner Fulham-Jerseys als Geschenk für den Nike-Mitarbeiter dabei, der uns die Eintrittskarten besorgt hatte. Ich holte das Trikot hervor. "Oah, geil, Premier League", sagte Klopp und schlüpfte in mein Fulham-Trikot. Auf dem Rücken trug er nun Nummer 2, "Volz". "Schau mal da, der Kloppo!" Viele Fans erkannten und begrüßten ihn.

"Echt cool, dass du ein Trikot trägst, Kloppo."
"Was is'n das für ein Team? Ah, Fulham, Premier League, wow."
"Vom Volz, saucool. Der ist echt ein Riesenspieler, schade, dass er nicht bei der WM dabei ist."

Ich stand daneben. Und niemand von den Fans, die da so fachmännisch über mich mit Jürgen Klopp redeten, erkannte mich. Ich hatte in Deutschland einen Namen, aber kein Gesicht. Die Fußballfans wussten, Moritz Volz, der hat es in der Premier League geschafft. Sie fühlten, wenn er dort eine Nummer ist, muss er echt gut sein. Aber darin erschöpften sich die Informationen.

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1. solche geschichten gibt es wohl viele doch tragisch bleiben sie immer..
spargel_tarzan 09.03.2012
Zitat von sysopKeine Nominierung? Kein Problem! Fulham-Profi Moritz Volz erlebte die WM 2006 als Fan. Im Programm: Sechs Stadionbesuche sowie eine halbstündige Fahrradtour, um Panini-Bilder zu erstehen. Dazu gab es ein amüsantes Treffen mit Jürgen Klopp - und eine traurige Erkenntnis über seinen Stellenwert. England-Legionär: "Vom Volz, saucool, ein Riesenspieler" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Sport (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,818773,00.html)
wenn gestandene Spieler im ausland spielen, stammspieler sind und in europäischen wettbewerben mitmachen und die verantwortlichen im eigenen land aus nationalistischen erwägungen nicht über den tellerrand gucken. da schaffen es die, die berühmt nach spanien wechseln und der rest, wohl nicht minder schlecht, guckt in die röhre. warum hat es ein robert hut geschafft, zeitweilig, der nun nicht der senkrechstartende fußballkicker ist und andere dafür nicht. es liegt wohl immer daran ob diese spieler einen mann im ohr des bundestrainers haben oder nicht.
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Zur Person
  • DPA
    Moritz Volz, Jahrgang 1983, ist in Siegen aufgewachsen und wechselte als 16-Jähriger vom FC Schalke 04 zum FC Arsenal. 2003 ging der Verteidiger zum FC Fulham und spielte bis 2009 für den Verein im Londoner Westen. Seit 2010 steht er beim FC St. Pauli unter Vertrag.
    In England ist Volz überaus beliebt. "Er ist ein Deutscher mit Sinn für Humor. Mehr noch, er ist ein deutscher Fußballer mit Sinn für Humor", schrieb einst der "Guardian".
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