Amateurfußball in England Fritten, Tattoos, Emotionen

Alkohol auf der Tribüne, kreative Fan-Gesänge und rustikale Spielweise: In Englands unteren Spielklassen blühen immer noch alle Klischees, die den Fußball besonders machen, schreibt Hendrik Buchheister.

REUTERS/ Action Images

Nichts gegen die Anfield Road. Oder Old Trafford. Oder Goodison Park. Oder St. James' Park. Alles schöne Stadien mit großer Geschichte. Man sollte sie mal von innen gesehen haben, selbst wenn man sich nur durchschnittlich für Fußball interessiert.

Die besten Stadionerlebnisse hat man in England allerdings an anderen Orten. An Orten, die man eher nicht auf dem Zettel hat, wenn man sich nur durchschnittlich für Fußball interessiert. An der Moss Lane zum Beispiel, der Heimat des FC Altrincham. Oder im Ewen-Fields-Stadion, wo Hyde United seine Heimspiele austrägt. Oder an der Park Road, wo ein Verein namens Cheadle Town spielt.

Die besten Stadionerlebnisse habe ich hier in England abseits des Spitzenfußballs, bei so genannten Non-League-Vereinen gehabt. Bei Klubs also, die nicht in der Premier League und den drei weiteren Profiligen organisiert sind.

Autoren-Info
  • Verena Knemeyer
    Hendrik Buchheister, Jahrgang 1986, sah seine ersten Fußballspiele im alten Wolfsburger VfL-Stadion. Später - als Journalist - war er für den Fußballnorden zuständig. Nachdem es nicht gelang, den HSV in die zweite Liga zu schreiben, folgte der Wechsel nach England: Er berichtet seit August 2017 aus Manchester über britischen Fußball und hofft weiterhin auf eine Karriere als Torwart.

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Natürlich, auch der unterklassige Fußball in Deutschland hat seine Reize. Einigen Mitspielern aus meiner Freizeitmannschaft konnte ich für den geplanten Junggesellenabschied in Hamburg mit reinem Gewissen einen Besuch bei Altona 93 empfehlen, an der Adolf-Jäger-Kampfbahn, für die man das Attribut "altehrwürdig" erfinden müsste, wenn es nicht schon erfunden worden wäre.

Aber in Deutschland ist das Stadionerlebnis bei Profis und Amateuren noch näher beieinander. Auch bei den Profis gibt es Bratwurst und Bier, auch bei den Profis darf auf den Rängen gestanden werden, ohne dass Ordnungskräfte einschreiten. Das alles ist in England anders. Der Stadionbesuch in der Premier League ist in hohem Maße glattgebügelt, erschwinglich nur für Wohlhabende.

In den unteren Ligen hat der englische Fußball dagegen immer noch alle Eigenschaften, die ihn so besonders machen. Dort wird bewahrt, was in der Premier League verloren gegangen ist, dort erfüllt er immer noch alle Klischees. Und genau das will man ja, wenn man ins Stadion geht.

Alles dort ist morsch, an den Eingängen befinden sich Drehkreuze, die von grimmigen Männern bedient werden. Auf den Spielfeldern versinken die Spieler bis zu den Knöcheln im Matsch. Der Fußball ist schnell und hart. Oft gnadenlos hart. Schwalben sind immer noch geächtet.

Schlägervisagen in Schlägerkluft

Die Menschen in den Vereinskneipen sehen aus, als wären sie direkt aus einem Hooligan-Film importiert worden. Zahnlücken, nachlässig gestochene Tattoos, Kleidermarken, die im Schlägermilieu beliebt sind. Trotzdem ist die Stimmung herzlich. Viele Familien sind da. Frauen und Kinder, alle Altersklassen. Oft wird Geld für gute Zwecke gesammelt - das kann auch mal bedeuten, dass damit das Stadiondach ausgebessert wird. Neulich war ich bei einem Spiel, bei dem es vor Anpfiff eine Minute Applaus für einen Jungen aus dem Ort gab, der gerade gestorben war. Einige Zuschauer trugen T-Shirts mit einem Bild von ihm. Ich musste heftig schlucken.

Auf den Tribünen darf getrunken werden. Carling, Strongbow oder Guinness aus Plastikbechern. Dazu gibt es Fritten und Pie. Die Spontaneität und der Witz der Fangesänge, für die England berühmt ist, blühen in den unteren Ligen nach wie vor in voller Pracht. Als das Land vor einiger Zeit in Schnee und Eis gefangen war, sangen die Fans von Hyde United davon, wie sie ihre Mannschaft überall unterstützen würden. "Everywhere we go…." Angesichts der Bedingungen texteten sie ihren Gesang um: "Even in the snow.…" Sie sangen diese Variante bestimmt eine Viertelstunde lang und freuten sich sichtlich über ihre Kreativität.

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Bald ist wieder Champions League. Liverpool spielt gegen Manchester City. Vor allem auf die Stimmung im Hinspiel bin ich gespannt. Anfield Road, Flutlicht. Es könnte eine magische Nacht werden. Aber auf den nächsten Besuch an der Moss Lane, im Ewen-Fields-Stadion oder an der Park Road freue ich mich mindestens genauso.



insgesamt 3 Beiträge
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92club 27.03.2018
1. Schöner Artikel
Hinzufügend: weitere Bilder aus Altrincham und vielen anderen schönen englischen "old school Grounds" hier http://www.92club.de
tomkey 27.03.2018
2. Absolut empfehlenswert!
Kann ich alles so bestätigen und empfehle noch in Schottland den Fußball zu besuchen. Dort ist teilweise bereits ab der 2. Liga (Championship) bereits alles nicht mehr so glattgebügelt und mit ganz viel Charme. Mein Highlight war dort Hibs - FC Falkirk im August 2016! Und die WM, UEFA-Championsleague und andere Wettbewerbe tue ich mir bereits seit Jahren nicht mehr an. Diese Geldruckmaschinierie für Wenige hat mit Fußball für Jedermann nix zu tun.
mr.brand 27.03.2018
3. Millwall!
..War vor ca 2 Wochen bei Millwall gegen Southhampton - DAS war n Erlebnis! Inklusive rauchen auf'm Klo - man konnte die Hand nicht vor den Augen sehen & diverse Gestalten haben sich 'suspicious white powder' durch die Nase gezogen - der Gegner, Schiri und Linesmen haben so Einiges an derben Fan-Gesängen abbekommen (und dann teilweise Entscheidungen dahingehend getroffen, Millwall zu bevorzugen um sich nen Beleidigungs-Choir zu sparen)...Entertainment pur!!! - LOL!
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