Englands Torfestival Ein Hauch von 1966

Früher rumpelte England sich durch die großen Turniere. Doch jetzt hat das Team einen Torjäger, spielt attraktiv - und trifft auch noch vom Elfmeterpunkt. Der Kantersieg gegen Panama weckt Titelhoffnungen.

Englands Jubel
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Englands Jubel

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Der historische Torrausch: 5:0-Pausenführung - in Deutschland denken Fußballfans direkt an 2014, als die DFB-Elf Brasilien im Halbfinale deklassierte. In England mussten die Geschichtsbücher bemüht werden. Und tatsächlich: Noch nie zuvor hatten die Three Lions in einem WM-Spiel mehr als vier Tore geschossen. Das letzte Mal, in dem ihnen so etwas gelang, war das Endspiel 1966 gegen Deutschland. Es dauerte 120 Minuten - und England wurde das bislang einzige Mal Weltmeister. Das Mutterland des Fußballs beginnt zu träumen.

Die Aufstellung: "England verzettelt sich", wurde unter der Woche noch gespottet. Ein Fotograf hatte den Notizzettel von Co-Trainer Steve Holland abgelichtet, darauf zu sehen: die angebliche Aufstellung mit zwei Änderungen zum Tunesien-Spiel. England-Coach Gareth Southgate wechselte aber nur auf einer Position. Ruben Loftus-Cheek ersetzte Dele Alli - und das auch nur, weil sich der Mittelfeldstar von Tottenham im ersten Gruppenspiel an der Hüfte verletzt hatte.

Das Ergebnis: 6:1 (5:0) - hier geht's zur Meldung.

Die erste Hälfte: Zwei Kopfbälle von John Stones (9. Minute, 40.), zwei Foulelfmeter von Harry Kane (22., 45.+1) und ein sehenswerter Schlenzer in den Winkel von Jesse Lingard (36.) - schon zur Pause stand es 5:0. Souveräner führte bei dieser WM noch kein Team beim Gang in die Kabine.

Die zweite Hälfte: Mit seinem dritten Treffer baute Kane die Führung aus und steht jetzt auch auf Platz eins der Torjägerliste dieses Turniers. Richtig viel musste er dafür nicht tun: Ruben Loftus-Cheeck hatte ihm den Ball in die Hacken geschossen, von dort flog er unhaltbar ins Netz (62.). Felipe Baloy verkürzte für Panama nach einer Freistoßflanke (78.) auf 1:6 - der Endstand.

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6:1: England träumt und Panama feiert

Das Erfolgsrezept: Nur Russland und Belgien haben bei dieser WM so viele Tore geschossen wie England, und kein Team traf häufiger nach Standardsituationen: Sechs der acht englischen Treffer fielen nach Ecken, Elfmetern oder einem Freistoß. Die mit Abstand kreativste Variante präsentierten die Three Lions vor dem 4:0: Flachpass, Chip in den Strafraum, Kopfball, Kopfball, gehalten, nachgesetzt, drin.

Goalgetter für einen Nachmittag: In seinen ersten 27 Länderspielen hatte Innenverteidiger John Stones noch nie für England getroffen, nun gleich doppelt. Dabei hätte er sich auch zum Sündenbock entwickeln können: Kurz nach Anpfiff verlor er im Spielaufbau den Ball, Panamas Aníbal Godoy lief frei aufs Tor zu - aber schoss drüber (5.). Nur drei Minuten später köpfte Stones das 1:0 - so geht man mit Fehlern um.

John Stones
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John Stones

Elfmeternation England: England und Torhüter, England und Elfmeter: Wer diese Begriffspaare googelt, stößt auf Begriffe wie Trauma, Drama oder Tragödie. Das könnte sich in diesem Jahr ändern. Zweimal trat Kane zum Strafstoß an, zweimal drosch er den Ball in den linken oberen Winkel. Sicherer hätte er nicht verwandeln können. Und Englands Keeper Jordan Pickford gehört ebenfalls zu den talentierteren seiner Zunft - auch wenn er das gegen Panama nur einmal zeigen durfte.

Freudentänze: Die Spieler lagen sich in den Armen, lachten, und auf der Tribüne jubelten rot-weiß geschminkte Fans. Aber nicht England hatte getroffen, gerade war das 1:6 für Panama gefallen. Eine Viertelstunde vor Schluss ging es für die WM-Debütanten längst nicht mehr ums Weiterkommen. Einfach nur darum, die Ehre zu retten und den ersten WM-Treffer in der Fußballgeschichte des Landes zu erzielen. Auch solche Szenen machen ein Turnier aus.

Die Folgen: England steht im Achtelfinale, Panama ist raus. Am Donnerstag spielen die Three Lions gegen Belgien um den Gruppensieg. Beide Teams stehen bei sechs Punkten und einem beachtlichen Torverhältnis von 8:2. Beide Teams werden aber auch zum ersten Mal bei dieser Weltmeisterschaft auf einen ernstzunehmenden Gegner treffen.

England - Panama 6:1 (5:0)
1:0 Stones (9.)
2:0 Kane (22., Foulelfmeter)
3:0 Lingard (36.)
4:0 Stones (40.)
5:0 Kane (45.+1, Foulelfmeter)
6:0 Kane (62.)
6:1 Baloy (78.)
England: Pickford - Walker, Stones, Maguire - Loftus-Cheek, Henderson, Lingard (63. Delph) - Trippier (70. Rose), Young - Sterling, Kane (63. Vardy)
Panama: Penedo - Murillo, Román Torres, Escobar, Davis - Gómez (69. Baloy) - Bárcenas (69. Arroyo), Cooper, Godoy (63. Avila), José Luis Rodríguez - Pérez Schiedsrichter: Ghead Grisha (Ägypten)
Zuschauer: 40.000



insgesamt 18 Beiträge
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hileute 24.06.2018
1. in einem Elfmeterschießen
kann Kane aber nur einmal schießen, wo wir schon wieder beim Thema wären
andi5lebt 24.06.2018
2. Haben wir den Gegner vergessen?
Nichts gegen Panama, aber vermutlich nicht umsonst wird es regelmäßig als eines der schwächsten Teams bei der WM bezeichnet. Mal sehen ob der englische Erfolg anhält... Jetzt einen Hype und höhere Erwartungen zu wecken ist erfahrungsgemäß nicht gut für englische Mannschaften.
meromero 24.06.2018
3. Panama ist nicht Schweden
Belgien hat gegen diese Gegner die gleichen Ergebnisse erzielt - siehe Tabelle. Ich denke in der KO Runde wird England schnell stranden.
DerDifferenzierteBlick 24.06.2018
4. Aussagekraft?
Man sollte das ja alles schon richtig einordnen: Panama ist 55. der Weltrangliste und der Gesamtwert des 23er Kaders ist in etwa so hoch wie der Marktwert von nur einem einzigen englischen Spieler - und zwar des englischen Spielers mit dem mit Abstand niedrigsten Marktwert aller englischen WM-Teilnehmer... Und fast alle englischen Tore des Turniers waren Elfmeter, Standards und/oder Zufallsprodukte! Interessant wird es erst, wenn England mal gegen einen echten Gegner spielt.
Grünstein 24.06.2018
5. Bei allem Respekt
Panama und Tunesien sind keine Gradmesser für die Qualität der Three Lions. Je einen Gegentreffer halte ich sogar für problematisch. Spätestens im HF ist Schluss.
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