Englands 6:1 über Panama "So langsam kriege ich Angst"

England hat gegen Panama für ein Highlight des Turniers gesorgt - schon wieder. Das Team beherrscht Standards meisterhaft, kaum jemand kommt öfter hinter die gegnerische Abwehr. Aber klappt das auch gegen Stärkere?

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Aus Nischni Nowgorod berichtet


Als die englischen Nationalspieler ihr 2:0 feierten, kam Gabriel Gómez eine Idee. Gab es da nicht diese Regel, die besagt, dass eine Mannschaft während des Jubelns auf dem Feld sein müsse und nicht daneben, wie nun die Engländer? Also schnappte sich Gabriel Gómez den Ball und begann zu rennen. Er winkte seine panamaischen Teamkollegen heran, platzierte den Ball am Anstoßpunkt und spielte los. Nur übersah er zweierlei: Erstens war Englands Torwart im Gegensatz zu seinen Mitspielern auf dem Rasen geblieben. Zweitens gibt es diese Regel nicht.

Erst als England zurück war, gab der Schiedsrichter den Ball frei. Zu elft gegen den englischen Torhüter anzutreten, wäre wohl die einzige Möglichkeit für die Panamaer gewesen, dieses Spiel nicht zu verlieren. Das lag am schwachen Außenseiter, aber eben auch an einem englischen Team, das sich streckenweise am eigenen Spiel berauschte.

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"Ich genieße den Fußball, den wir spielen", sagte Dreifachtorschütze Harry Kane anschließend in seiner gewohnt monotonen Art. Ins Schwärmen geriet dafür ausgerechnet der gegnerische Trainer, Hernan Gómez. Er benutzte Adjektive wie "beautiful" und "spectacular", als er zur englischen Mannschaft befragt wurde. In der Halbzeit, beim Stand von 0:5, sei er zu Englands Nationalcoach Gareth Southgate gegangen und habe ihm gesagt: "So langsam kriege ich Angst."

Unverkennbar ist, dass die Nationalmannschaft von den Einflüssen der Spitzentrainer profitiert, die in der Premier League arbeiten. Insgesamt standen fünf Profis in der englischen Startelf, die in der Premier League unter den Ballbesitztrainern Pep Guardiola (Manchester City) und Mauricio Pochettino (Tottenham Hotspur) arbeiten. Wäre Dele Alli nicht verletzungsbedingt ausgefallen, wären es sechs gewesen. Football made in the Premier League.

Southgate, seit Herbst 2016 im Amt, versucht aber nicht, den Spielstil eines bestimmten Teams zu kopieren. Seine Mannschaft maßt sich das Positionsspiel Citys nicht an, sie presst auch nicht so intensiv und durchgehend wie Jürgen Klopps Liverpool. Southgate hat sich die Rosinen herausgepickt und sich auf einige Aspekte konzentriert. Die beherrscht sein Team dafür meisterhaft.

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6:1: England träumt und Panama feiert

Die drei wichtigsten Verbesserungen unter Southgate:

  • Tiefenläufe: Sobald kein Gegnerdruck herrscht, geht der Blick sofort in die Tiefe. Die Idee: Wird der Spieler am Ball nicht gepresst, soll der Pass in den Rücken der gegnerischen Abwehr folgen. Drei Dinge sind dabei wichtig: Der Pass selbst (Timing und Technik müssen stimmen), der Tiefenlauf (rechtzeitiges Starten, hohes Tempo), und das Raumöffnen.

    Bei letzterem versuchten gegen Panama vor allem Raheem Sterling und Ruben Loftus-Cheek, die Aufmerksamkeit der Verteidiger auf sich zu lenken und diese dann ins Mittelfeld zu locken. Sobald der Abwehrspieler die Verfolgung aufnahm, konnte der Tiefensprint beginnen. Das gelang unter anderem vor dem 2:0, als der starke Jesse Lingard startete und gefoult wurde.
  • Die Organisation ohne den Ball: 2014 schied England auch deshalb bereits in der Vorrunde aus, weil nach Ballverlusten manche Spieler in Richtung Ball liefen, die meisten aber zurück in die eigene Feldhälfte. Was fehlte, war ein gemeinsamer Plan. Gegen Panama sicherte die Southgate-Mannschaft ihre Angriffe ab, indem bis zu fünf Spieler einen Sicherheitsring bildeten, der sich geschlossen bewegte. Auch im Pressing ist England unter Southgate besser geworden.
  • Standards: Nach dem Spiel liefen die panamaischen und englischen Fußballer durch die Mixed Zone, Panamas Profis sahen aus, wie Fußballer eben aussehen, die Engländer aber wirkten hünenhaft, kindliche Gesichter in Körpern von Modellathleten. Diesen Unterschied konnte man zuvor auch auf dem Platz beobachten, insbesondere bei Standards. Es war kein Zufall, dass vier der sechs Treffer nach ruhenden Bällen fielen, nimmt man die Partie gegen Tunesien hinzu, sind es sogar sechs von acht. "Wir arbeiten sehr hart daran", sagte Kane nach dem Spiel über die englischen Standards. Trainer Southgate nannte sie "eine echte Waffe".

    England profitiert aber nicht nur von athletischen Vorteilen, das Team hat gleich mehrere kluge Pläne: Bei Ecken werden Zielspieler freigeblockt, und die Variante des Freistoßes, der zum 4:0 führte, ist ein Kandidat für das schönste Tor des Turniers: Aus einer Position, aus der 99 von 100 Mannschaften entweder den Torschuss oder den hohen Ball in den Strafraum versuchen würden, startete England eine Kombination über vier Stationen, ehe John Stones ins Tor traf. Die Bewegungen mehrerer Spieler waren aufeinander abgestimmt. Ein Tor wie ein Kunstwerk.

Diese Stärken werden auch gegen bessere Gegner nicht völlig verschwinden. Nicht umsonst ist die englische Bilanz gegen Top-Teams eine ziemlich gute. Zugleich wird sich auch erst gegen Schwergewichte zeigen, wie die Mannschaft reagiert, wenn sie selbst gepresst wird, oder wie sie mit Rückschlägen umgeht. Letzteres gilt auch für Trainer Southgate.

Antworten könnte bereits der kommende Donnerstag liefern. Dann treffen England und Belgien im Gruppenfinale aufeinander (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Englands Torverhältnis beträgt 8:2, das der Belgier? 8:2. Es könnte das unterhaltsamste Spiel der WM werden.



insgesamt 15 Beiträge
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carinanavis 24.06.2018
1. spitzenleistungen
Gegen den 55. der FIFA-Rangliste einen Kantersieg zu landen ist ja ganz nett, aber auch nicht mehr als das 5:0 der Russen gegen Saudiarabien. Schon gegen Tunesien (FIFA 21.) tat man sich schwer, konnte erst in der 91. min das Siegtor erzielen. England war nicht schlecht, doch die Kommentatoren stellten eine gewisse Ideenlosigkeit fest. Der erste echte Prüfstein wird Belgien sein, dass gegen Tunesien deutlich stärker spielte.
Bueckstueck 24.06.2018
2. Abwarten
Vor vier Jahren haben sie sich auch schon als Mitfavorit gesehen nach einer fantastischen Quali gesehen. Die Gruppengegner waren aber stärker als die heurigen, abgesehen von Belgien. Da sehen wir dann ob ausser Standards noch mehr da ist. Und ob die Deckung so wackelig ist wie sie einige Male ausgesehen hat...
Oskaraus der Tonne 24.06.2018
3. Spitzentrainer
Warum wird Guardiola immer als Spitzentrainer bezeichnet? Er schafft es, mit immensen finanziellen Mitteln national erfolgreich zu sein - tolle Leistung. Und international? Kreisklasse!
borges 25.06.2018
4. Angst? Wovor?
Die Engländer haben gut gespielt gegen ein schwaches Panama. Im Spiel gegen ein nicht ganz so schwaches Tunesien sahen sie über Strecken überhaupt nicht gut aus. Es ist eine junge und weitgehend unerfahrene Mannschaft. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie Belgien schlagen werden und weit über das Achtelfinale hinauskommen. Es ist eine sehr sympathische Mannschaft und Southgate macht sicher einen guten Job. Die starken Mannschaften müssen die Engländer aber wahrscheinlich nicht groß fürchten.
leserschwert 25.06.2018
5. So so, ein Highlight.
Da gewinnt eine Mannschaft wie England gegen Panama erwartet hoch und dass ist dann ein Highlight? Mannschaften wie Panama haben bei der WM nichts zu suchen (sorry Panama). Dafür gibt es eine Qualifikation. England MUSS gegen Tunesien und Panama gewinnen. Schon ein Unentschieden gegen Tunesien wäre ein Debakel. Zwei sehr leichte Gruppengegner machen aber noch keinen Favoriten auf den Titel. Das gleiche gilt für Belgien. Das aufbohren der WM auf 32 Mannschaften liefern nur Kanonenfutter für die Mannschaften die ohnehin immer in die Finale einziehen (und natürlich Geld in der Kasse der FIFA).
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