Englands Sieg gegen Wales Erfolgreich, euphorisch, ausbaufähig

Beim 2:1 gegen Wales zeigte England phasenweise große Probleme. Trainer Roy Hogdson scheint die perfekte Startelf noch nicht gefunden zu haben - letztlich brachten seine Wechsel aber den Erfolg.

Daniel Sturridge
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Daniel Sturridge

Aus Lille berichtet


Was für betörende Emotionen jene 92. Minute zwischen England und Wales freisetzte, lässt sich wunderbar an den Sätzen illustrieren, die Daniel Sturridge nach dem Spiel in den Sinn kamen: "Wir werden jetzt nicht übermütig, wir haben immer noch Luft nach oben", verkündete der Siegtorschütze des zum "Battle of Britain" aufgebauschten Duells.

Das Urteilsvermögen von Sturridge war nach seinem großen Moment in der Nachspielzeit scheinbar ein wenig vernebelt. Sonst wäre er nicht auf die Idee gekommen, es gäbe irgendeinen Grund dafür, jetzt zu selbstsicher zu werden. Denn natürlich kommt nach diesem höchst mühsamen 2:1 (0:1)-Sieg der Engländer über das kleine Wales niemand ernsthaft auf die Idee, dass hier eine echte Spitzenmannschaft ihre Grenzen ausgereizt habe. Ganz im Gegenteil.

Zwar hatten die Engländer "das Spiel von der ersten bis zur letzten Minute unter Kontrolle", wie Trainer Roy Hodgson sagte - allerdings gegen einen Gegner, dessen individuelle Unterlegenheit nicht zu übersehen war. Und doch kann man die englische Euphorie etwas verstehen. Durch das Last-Minute-Tor sind sie nun Favorit auf den Gruppensieg, anstatt ernsthaft um die Achtelfinalteilnahme zu bangen. Und das auch noch gegen den großen britischen Rivalen, der so nah dran war an der Sensation. Natürlich war deshalb auch Hodgson begeistert. Er habe zwar gelitten unter der Geduldsprobe, sagte er, "aber dafür fühlt sich dieses Tor im letzten Moment umso schöner an."

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England vs. Wales: Ohne Vardy keine Party

Was nun wirklich von diesen Engländern zu halten ist, bleibt unklar. Die Mannschaft von der Insel gehört ja zum Kreis jener Teams, denen viele Experten eine Überraschung zutrauen. Viele Spieler sind jung, individuell stark, und mit Wayne Rooney gibt es einen gereiften Anführer, der mittlerweile eine Art englischer Bastian Schweinsteiger ist. Der Kapitän spielt im zentralen Mittelfeld, lässt sich gerne tief fallen, und sorgt mit seiner Erfahrung dafür, dass die Struktur erhalten bleibt. Die Mischung im Kader stimmt. Was in diesem Turnier bisher irgendwie fehlte, war ein junger Rooney in Bestform, ein Mann, dessen Ideenreichtum Lücken in dichten Abwehrreihen reißen kann.

Zwar spielen im Angriff hochbegabte Leute wie Raheem Sterling, Harry Kane und Adam Lallana, aber dieses Trio hatte enorme Probleme, Lösungen gegen die hingebungsvoll verteidigenden Waliser zu finden. In der Halbzeit nahm Hodgson sowohl Kane als auch Sterling aus dem Spiel, dafür schickte er den unkonventionellen Jamie Vardy und Sturridge in die Partie, die beiden späteren Torschützen. "Vielleicht war das die beste Doppelauswechslung meiner Karriere, aber in Wahrheit sind es immer die Spieler, die einen Wechsel mit Leben füllen", sagte der Trainer, der ganz grunsätzlich einen Mangel an "Durchschlagskraft" diagnostizierte.

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Gut, seine Mannschaft hat die Partie gewonnen, "wir hätten eigentlich sogar Siege in beiden Spielen verdient gehabt", glaubt Hodgson. Aber noch fehlen wichtige Elemente wie Zielstrebigkeit, Klarheit und Leichtigkeit. Diese Engländer werden ja oft mit den Deutschen der WM 2010 verglichen, als die Generation um Thomas Müller, Manuel Neuer, Sami Khedira und Jérôme Boateng zum ersten Mal aufblühte. Aber ein wirklich befreiendes Spiel wie das 4:0 der DFB-Elf damals gegen Australien haben die Engländer noch nicht gezeigt.

Immerhin zeigen die gelungenen Einwechslungen, "wie stark unser gesamter Kader ist, wir haben in unterschiedlichen Spielsituationen verschiedene Möglichkeiten", erklärte Lallana. Aber die Schwierigkeiten, die eigene Überlegenheit in Tore zu verwandeln, sind auch ein Indiz dafür, dass Hodgson in seiner Startelf bisher noch nicht die ideale Mischung, die der Kader eigentlich aufweist, gefunden hat.

Außerdem deutet sich an, dass die Mannschaft an ihrem klassischen Turnierproblem leiden könnte: Lange hofften die Engländer ja, dass Joe Hart von Manchester City eine langfristige Lösung für die chronischen Torwartprobleme ist, aber schon im Klub leistete er sich für einen wirklich ambitionierten Schlussmann ein paar Fehler zu viel. Und den Treffer der Waliser hätte er selbstverständlich verhindern müssen. Gareth Bale kann zwar hart und präzise schießen, doch sein Ball aus rund 30 Metern Entfernung war nicht einmal wirklich platziert.

Und die Tage der Elfmeterschießen kommen ja erst noch, die K.o.-Phase hat der Sieg gegen Wales praktisch bereits garantiert.



insgesamt 2 Beiträge
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Bueckstueck 17.06.2016
1. England reiht sich ein
Und zwar in die Reihe der (vor dem Turnier festgelegten) Favoriten. Kein einziges Team hat bisher restlos überzeugt. Und zwar bezeichnenderweise offensiv. Genau wie die Deutschen drücken Länder wie England, Frankreich und Spanien die Gegner in den Strafraum, kommen aber vergleichsweise zu wenigen Chancen und/oder zu wenigen Toren. Ist halt auch schwierig geworden, man sieht es am Club Fussball, weil immer mehr Trainer das Mitspielen aufgegeben und dafür das Defensivbollwerk mit gelegentlichen Offensivaktionen beinahe perfektioniert haben. Nur so hat man gegen Länder und Vereine die mit vielen fähigen Spielern gesegnet sind, eine zumindest kleine Chance. Und dann gibts da noch Belgien, dass als Team derzeit überschätzt aussieht und sich dringend rehabilitieren muss, sowie Italien, welches ohne ganz grosse Namen plötzlich wieder wie ein abgezocktes Gewinnerteam aussieht - man wird sehen ob die Eindrücke halten was das Spiel zwischen den beiden versprochen hat. Womöglich tauschen die beiden die Rolle als Mitfavoriten? Eine wahrlich erstaunliche EM Vorrunde.
fatfrank 17.06.2016
2. Vielleicht ist genau DAS der Grund
Zitat von BueckstueckUnd zwar in die Reihe der (vor dem Turnier festgelegten) Favoriten. Kein einziges Team hat bisher restlos überzeugt. Und zwar bezeichnenderweise offensiv. Genau wie die Deutschen drücken Länder wie England, Frankreich und Spanien die Gegner in den Strafraum, kommen aber vergleichsweise zu wenigen Chancen und/oder zu wenigen Toren. Ist halt auch schwierig geworden, man sieht es am Club Fussball, weil immer mehr Trainer das Mitspielen aufgegeben und dafür das Defensivbollwerk mit gelegentlichen Offensivaktionen beinahe perfektioniert haben. Nur so hat man gegen Länder und Vereine die mit vielen fähigen Spielern gesegnet sind, eine zumindest kleine Chance. Und dann gibts da noch Belgien, dass als Team derzeit überschätzt aussieht und sich dringend rehabilitieren muss, sowie Italien, welches ohne ganz grosse Namen plötzlich wieder wie ein abgezocktes Gewinnerteam aussieht - man wird sehen ob die Eindrücke halten was das Spiel zwischen den beiden versprochen hat. Womöglich tauschen die beiden die Rolle als Mitfavoriten? Eine wahrlich erstaunliche EM Vorrunde.
Hier würde ich kein "aber" setzen, sondern ein "genau deswegen". Starke Mannschaften machen sich das Leben (ungewollt) selbst schwer: Eben WEIL sie so stark sind, drücken sie den Gegner hinten rein, der natürlich jedes Recht hat, so defensiv zu spielen. Dadurch werden die Räume enger, die Pässe müssen genauer gespielt werden, werden aber gleichzeitig auch unter größerem Druck von Zweikämpfen gespielt (sind also folglich auch noch ungenauer). Das macht eine Torchance schlicht unwahrscheinlicher, als wenn man "offenes Feldspiel" oder gar eine Kontersituation in Überzahl hat. Es ist in etwa das gleiche Phänomen, weshalb sich 11 Spieler gegen 10 Spieler schwerer tun: Weil die 10 Spieler natürlich anders spielen (defensiver) als zuvor beim 11 gegen 11. Eine richtig starke Mannschaft unterscheidet von einer starken Mannschaft dann Folgendes: Dass sie trotz der engen Räume und wenigen Großchancen die Buden macht. Klingt einfach, ist aber irre schwer. Es ist letztlich eine Frage der Chancenverwertung, wenn der (gewollt oder ungewollt hinten reingedrückte) Gegner nicht viel zulässt. Da man ein Spiel ohnehin nicht über die vollen 90 Minuten kontrollieren kann (ein Wahnsinn, wenn Medienvertreter oder Zuschauer das erwarten), muss eine richtig starke Mannschaft ein taktisches Gespür für das Momentum entwickeln: Sind wir gerade in einer Drangphase? Stellen wir uns selbst die Räume zu? Überlassen wir dem Gegner mal den Spielaufbau, um evtl. über Konter zum Erfolg zu kommen? - Es gibt im Fußball nicht immer nur eine Art, ein Tor zu erzielen. Eine richtig starke Mannschaft ist in der Lage, aus verschiedenen Spielsituationen heraus, eine Chance zu kreieren. Das haben Teams wie Deutschland, Frankreich, Spanien und auch England bisher bewiesen. Belgien z.B. nicht.
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