Erstes Bundesliga-Tor: Konietzkas unvergänglicher Schnellschuss

24. August 1963, 17 Uhr. Der erste Spieltag der neu gegründeten Bundesliga wird angepfiffen, Dortmund gegen Bremen. Nach nur 35 Sekunden macht sich BVB-Stürmer Friedhelm "Timo" Konietzka unsterblich. Im Magazin "11 FREUNDE" erinnert er sich an seine legendäre Szene.

Auch in der Oberliga hatte ich schon eine tolle Zeit. Immerhin waren wir Dortmunder 1963 Deutscher Meister geworden. Aber in den internationalen Vergleichen mussten wir immer wieder feststellen, dass uns vor allem die Italiener meilenweit voraus waren, da sie damals schon unter professionellen Bedingungen spielten. Wir hingegen gingen noch einem Halbtagsjob nach und konnten nur am Nachmittag trainieren. Ich selbst putzte für die Stadtwerke Dortmund die Laternen.

Wir waren also froh, dass die Bundesliga eingeführt und damit auch hierzulande der Berufsfußball möglich gemacht wurde – auch wenn es noch bis in die siebziger Jahre hinein dauerte, dass die Strukturen sich herausbildeten und die großen internationalen Erfolge eintraten. 1963 lagen sie noch in weiter Ferne.

Vor dem ersten Bundesligaspiel gegen den SV Werder Bremen war ich sehr aufgeregt. Die Herausforderung war ja viel größer als sonst. Ein Jahr zuvor hätten wir vielleicht noch gegen Hamborn 07 gespielt. Das hätte keine großen Wellen geschlagen. Nun ging es gleich gegen diese starke Bremer Mannschaft. Ich war ein schmächtiges Kerlchen von 69 Kilogramm und stand dem Riesenapparat Max Lorenz gegenüber.

Zudem hatte ich auch noch eine Zerrung, die unser Einreiber – Physiotherapeuten gab es damals noch nicht – mehr schlecht als recht wegmassiert hatte. Unser bester Mann Jürgen "Charly" Schütz war vor der Saison nach Italien gegangen, und Abwehrchef Wolfgang Paul hatte sich den Fuß gebrochen. Werder war also ganz klar Favorit. Das wussten auch die Fotografen. Sie rannten mit ihren Kisten auf dem Rücken hinter unser Tor, weil sie dort die Bremer Angriffe erwarteten.

Dortmunder Konietzka (1998): Vergoldeter Schuh
DPA

Dortmunder Konietzka (1998): Vergoldeter Schuh

Doch erst einmal hatten wir Anstoß. Alfred "Aki" Schmidt spielte den Ball zu Franz Brungs, der spielte raus auf Linksaußen zu Lothar Emmerich, der lief zur Torlinie und flankte. Ich brauchte nur noch den Fuß hinzuhalten, und der Ball war drin – nur 35 Sekunden nach dem Anpfiff! Gut, es gibt schönere Tore. Ein Hammer aus 30 Metern wäre mir auch lieber gewesen. Aber drin ist drin, sage ich.

Lorenz verpasste mir dabei noch einen üblen Tritt in die Achillessehne, aber das war zu verschmerzen. Schlimmer war, dass wir das Spiel noch 2:3 verloren. Darüber waren wir natürlich sehr enttäuscht. Dass ich gerade in die Geschichte der Bundesliga eingegangen war, wurde mir erst viel später klar. Nach etwa zehn Jahren kamen die ersten Anrufe von Journalisten, und ich wurde "der Mann, der das erste Tor schoss".

Schade, dass es keinerlei Dokumente von diesem ersten Bundesligator gibt. Die Fotografen hatten ja alle auf der anderen Seite des Spielfelds gehockt. So sieht man auf den Bildern nur, wie Emmerich und ich jubeln und der Bremer Torwart auf dem Boden liegt. Mein einziges Erinnerungsstück ist der Schuh, mit dem ich das Tor geschossen habe. Er steht vergoldet hier bei mir auf dem Regal.

Um trotzdem ein Foto zu haben, haben wir vor ein paar Jahren den Spielzug noch einmal nachgestellt. Es dauerte sehr lange, bis wir das im Kasten hatten. Wir sind ja alle schon ziemlich alt, und auch ich treffe nicht mehr jeden Ball. Da musste ich mich schon konzentrieren.

Zu allem Überfluss meinte der Max Lorenz, er müsste auch beim Nachstellen noch ranklotzen, und trat mir wie bei diesem ersten Tor noch mal volle Pulle in die Achillessehne. Richtig zugelangt hat er, der Lorenz, der Apparat. Wie damals.

Protokoll: Dirk Gieselmann

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Forum - Bundesliga nur Mittelmaß?
insgesamt 10398 Beiträge
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1.
Tomislav 09.08.2006
Zitat von sysopAm Freitag startet die 44. Saison der Fußball-Bundesliga. Viele Stars wie Michael Ballack haben die Liga verlassen. Können die deutschen Vereine dennoch international mithalten?
Mit den französischen denke ich schon. Aber mit englischen und spanischen wird es schon etwas schwer. Die italienischen lasse ich mal außen vor. ;)
2.
Dino 09.08.2006
Zitat von sysopAm Freitag startet die 44. Saison der Fußball-Bundesliga. Viele Stars wie Michael Ballack haben die Liga verlassen. Können die deutschen Vereine dennoch international mithalten?
Leider ist außer den Bayern derzeit keine deutsche Mannschaft in der Lage international ganz oben mitzuspielen. Vielleicht schaffen die Bremer dieses Jahr den Anschluß? Eine sehr sympathische Truppe mit einem klugen Management und einem hervorragenden Trainer. Für den HSV sehe ich dieses Jahr einen Platz im oberen Mittelfeld. Gruß Dino
3.
Luers 09.08.2006
Zitat von sysopAm Freitag startet die 44. Saison der Fußball-Bundesliga. Viele Stars wie Michael Ballack haben die Liga verlassen. Können die deutschen Vereine dennoch international mithalten?
Natürlich ist immer mal wieder auch ein deutscher Sieg in Championsleague oder dem UEFA-Pokal möglich. Diese werden aber eher positive Ausrutscher bleiben. Auf breiter Front und auf lange Sicht kann die Bundesliga nämlich nicht mit den starken Ligen in Spanien und England mithalten. Es ist schon bezeichnend, dass kein Bundesligist sich beim Juve-Ausverkauf bedient hat und der einzige umworbene Top-Star van Nistelrooy dann doch die spanische Liga vorgezogen hat. Erst mal abwarten muss man, was aus der italienischen Serie A nach dem Skandal wird, aber auch da bleibt zu befürchten, dass sie weiter deutlich vor der Bundesliga rangiert. Wenn nicht mal Liga-Krösus FC Bayern international mehr richtig konkurrenzfähig ist, zeigt sich, dass die Bundesliga grundsätzliche Probleme hat, die vor allem in den hohen Nebenkosten der Spieler begründet liegen. Andere Länder locken die Top-Stars mit Steuernachlässen. Bundesligisten müssen deutlich mehr Geld ausgeben, damit die Spieler das gleiche Nettogehalt wie in anderen Ligen bekommen.
4.
Atos_67 09.08.2006
Wenn es in der Bundesliga guter Fussball gezeigt und es spannend bleibt, ist es mir egal ob die Vereine international erfolgreich sind.
5.
stawrogin 09.08.2006
Ich schaue mir lieber eine international zweitklassige Bundesliga an als eine jenseits aller sportlichen Grundsätze opererierende, mafiotische Serie A. Die Bundesliga hat fantastische Stadien, ausverkaufte Häuser und wird diese Saison auch mal wieder etwas spannender (wenigstens bleibt das zu hoffen). Insofern sollte man nicht bewundernd in die inzwischen wahrhaft langweilig gewordene Premier League oder nach Spanien gucken. Die dortigen Klubs sind mit ihren waghalsigen und mehr als fragilen Finanzierungsmodellen von einem mehr als skurrilen Mäzenatentum abhängig. Das sollte keine Schule machen.
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