Abstiegskampf der 2. Bundesliga Auer Stadtrat will Schiedsrichter anzeigen

Er übersah ein reguläres Tor, verwehrte Aue zudem zwei Elfmeter: Schiedsrichter Sören Storks erzürnte mit seinen Entscheidungen den FC Erzgebirge. Und nicht nur den.

Schiedsrichter Sören Storks
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Schiedsrichter Sören Storks


Nach den Fehlentscheidungen gegen Fußball-Zweitligist Erzgebirge Aue im Saisonfinale hat Aues Stadtrat Tobias Andrä gegen Schiedsrichter Sören Storks Strafanzeige gestellt.

"Heute ist ein entsprechendes Schreiben an die Staatsanwaltschaft Darmstadt rausgegangen. Für mich besteht zumindest der Anfangsverdacht des Betrugs, und die Vergangenheit im Sport hat gezeigt, dass man ein waches Auge auf solche Sachen haben sollte", sagte der parteilose Politiker.

Außerdem verschickte Andrä einen Brief an Lutz Michael Fröhlich, Schiedsrichter-Boss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), "mit der Aufforderung, disziplinarische Maßnahmen gegen Herrn Storks einzuleiten".

Was war passiert?

Sonntag, 15.30 Uhr, Darmstadt gegen Aue, für beide Mannschaften geht es um den Klassenerhalt in Liga zwei.

  • Die vierte Minute: Einen Schuss von Aues Calogero Rizzuto klärt Darmstadts Verteidiger Romain Brégerie rund 40 Zentimeter hinter der Torlinie. Aues Profis reißen die Arme zum Jubel in die Luft, Schiedsrichter Storks aber pfeift nicht. Nach einem Blick zu seinem Assistenten an der Seitenlinie deutet er stattdessen an: kein Tor. Eine klare Fehlentscheidung.
  • Die 31. Minute. Nach einem Eckball klärt Darmstadts Felix Platte den Ball im eigenen Strafraum mit dem Ellbogen. Der ist zwar angelegt, geht aber in einer eindeutigen Bewegung zum Ball. Ein Handspiel. Der fällige Strafstoßpfiff bleibt aber aus.
  • Die 63. Minute. 98-Stürmer Ji Dong-Won zerrt im Strafraum am Trikot von Sebastian Hertner, der zu Boden geht. Auch hier wäre ein Elfmeter vertretbar gewesen. Vom Ausmaß der vorigen Fehlentscheidungen ist der Unparteiische diesmal aber weit entfernt.

Das Spiel endete 0:1. Darmstadt ist dadurch gerettet, Aue muss gegen Drittligist Karlsruhe in die Relegation (Hinspiel am Freitag, 18.15 Uhr; TV: ZDF und Eurosport; Liveticker SPIEGEL ONLINE). Am Montag legte Aue beim DFB Widerspruch gegen die Spielwertung ein.

Unmittelbar nach dem Abpfiff hatte bereits Aues Klubboss Helge Leonhardt geschimpft. "Wir wurden verschaukelt, warum auch immer. Ich weiß nicht, ob es fahrlässig oder vorsätzlich war", sagte er: "Vielleicht sollte man mal die Konten der Schiedsrichter überprüfen, ob die was kriegen. Ich weiß es nicht, aber es riecht ja hier. So ein klares Tor in einem so wichtigen Spiel nicht zu geben, das ist schon eine bodenlose Frechheit." Der DFB teilte inzwischen mit, der Kontrollausschuss hat deswegen Ermittlungen gegen Leonhardt eingeleitet.

Stadtrat Andrä forderte harte Konsequenzen für Schiedsrichter Storks. Der 29-Jährige habe sich "als nicht würdig und fähig erwiesen, ein Profispiel zu leiten", so der Politiker: "Deswegen sollte er mindestens für die nächste Saison entsprechend sanktioniert werden. Er hat im Profifußball nichts mehr zu suchen." Mit seiner Strafanzeige hat Andrä allerdings keine großen Erfolgschancen.

Storks hat sich bislang noch nicht geäußert. Auf SPIEGEL-Anfrage wies der DFB einen möglichen Vorsatz des Schiedsrichters zurück. In einer Einschätzung von Schiedsrichter-Chef Fröhlich heißt es: "Das Spiel ist aus Schiedsrichtersicht nicht gut gelaufen. Aber Fehler können passieren, das ist menschlich. Verständlich ist der Ärger bei denen, die betroffen sind. Daraus aber den Vorwurf eines Vorsatzes abzuleiten, das ist entschieden zurückzuweisen."

"Den Herren in Frankfurt die Stirn bieten"

Andrä trat 2015 aus der SPD aus, wo er zuvor unter anderem stellvertretender Kreisvorsitzender gewesen war. Als Grund gab er unter anderem die Flüchtlingspolitik der Partei sowie die Vernachlässigung des ländlichen Raums an. "Hier geht es nicht um Homo-Ehe, sondern um Ärztemangel", wurde er damals zitiert.

"Es gibt auch für uns im Osten keinen Grund, immer mit Buckel und gesenktem Kopf durch die Welt zu marschieren und uns alles bieten zu lassen", sagte er nun: "Wir müssen endlich mal Kante zeigen und den hohen Herren in Frankfurt die Stirn bieten und klipp und klar sagen: Bis hierher und keinen Schritt weiter!"

Übrigens fühlten sich längst nicht alle Erzgebirge-Profis verschaukelt. Routinier Christian Tiffert fragte: "Wer hat schon Argumente, wenn man 0:1 verliert?" Torjäger Pascal Köpke äußerte sich angesichts der mangelnden Chancenverwertung selbstkritisch. "Wir können nicht alles auf den Schiedsrichter schieben", sagte er beim TV-Sender Sky.

mon/sid



insgesamt 62 Beiträge
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cmann 14.05.2018
1. Traurig aber war!
Aue ist massiv benachteiligt worden, das steht nach Ansicht der TV Ausschnitte fest. Aber wie schon seinerzeit beim "Phantomtor" von Kießling in Hoffenheim ist die Chance auf irgendwelche juristischen Konsequenzen sehr gering oder gleich Null. In diesem Falle kann man den Auern nur wünmschen das sie ungeschoren durch die Relegartion kommen. Sie hätten es verdient!
w.o. 14.05.2018
2.
Betrug ist eine Vermögensschädigung dadurch, dass beim Geschädigten ein Irrtum erregt wird und dieser auf Grund dieses Irrtums zugunsten des Täters oder eines Dritten über Vermögenswerte verfügt. Der Herr Stadtrat sollte es unterlassen, der Staatsanwaltschaft unnötige Arbeit zu verschaffen, die hat eh' genug zu tun. Man sollte wie beim Bundesverfassungsgericht eine Missbrauchsgebühr erheben können!
!!!Fovea!!! 14.05.2018
3. Ich bin
mir sicher, wenn Aue an der Stelle von Darmstadt wäre, wäre denen das vollkommen egal oder ist Aue so rein, dass sie freiwillig bei solchen Situationen 11 m hingenommen hätten? Das glaubt doch niemand.
Teigkonaut 14.05.2018
4. Bittere Fehlentscheidung
der Ball 40 cm hinter der Linie,... Was hat der Linienrichter gemacht? Dann die Sache mit dem Handspiel im Strafraum, das alles ist schon bitter. Kopf hoch Aue, die Relegation bietet trotz dem die Chance die Klasse zu erhalten. Die Strafanzeige des Stadtrats sollte man nicht so hoch hängen - auch wenn dieser in der Vergangenheit gegen die political correctness verstoßen hat.
loncaros 14.05.2018
5.
Zitat von w.o.Betrug ist eine Vermögensschädigung dadurch, dass beim Geschädigten ein Irrtum erregt wird und dieser auf Grund dieses Irrtums zugunsten des Täters oder eines Dritten über Vermögenswerte verfügt. Der Herr Stadtrat sollte es unterlassen, der Staatsanwaltschaft unnötige Arbeit zu verschaffen, die hat eh' genug zu tun. Man sollte wie beim Bundesverfassungsgericht eine Missbrauchsgebühr erheben können!
Die Überbelastung der Staatsanwaltschaft ist ein hausgemachtes Problem: https://www.lawblog.de/index.php/archives/2018/05/04/rundgefragt/
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