Erzürnte Weltmeister "Vitamin C, sonst nichts"

Dopingvorwürfe gegen die 54er-Wunderelf von Bern sorgen derzeit für Schlagzeilen. Das Team soll vor dem 3:2-Sieg gegen Ungarn illegal aufgeputscht worden sein. Die drei noch lebenden Spieler sind empört über die Anschuldigungen, Mediziner schütteln verwundert den Kopf. Zumal die Nachrichten darüber ein völlig alter Hut sind.


Deutsche Nationalmannschaft 1954: "Höchstens einen psychologischen Effekt"
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Deutsche Nationalmannschaft 1954: "Höchstens einen psychologischen Effekt"

München - Den Weltmeistern von 1954 wurden vor dem WM-Endspiel 1954 Vitamin-C-Spritzen verabreicht, von gezieltem Doping kann aber wohl keine Rede sein. "Das Vitamin C hat keine leistungssteigernde Wirkung und steht daher auch nicht auf der Dopingliste. Ich kann nicht erkennen, was da strafbar sein soll", sagte Tim Meyer, verantwortlicher Internist der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zu den Vorwürfen, das Wunder von Bern sei nur durch Medikamente zustande gekommen.

Auch der deutsche Olympia-Arzt Wilfried Kindermann, früher auch verantwortlich für die National-Kicker, kann die ganze Aufregung nicht verstehen. Die Verabreichung von Vitamin C mache nur Sinn, "wenn es Mangelerscheinungen gibt. Mit Sicherheit kann man nicht von Doping sprechen". Dass einige Spieler nach der WM 1954 an Gelbsucht erkrankten, sieht Kindermann nicht als Beweis für die Verabreichung anderer, illegaler Präparate: "Das ergab sich wohl aus der Problematik nicht ausreichend sterilisierter Spritzen."

Ein Bericht des ARD-Magazins "Report" am Montagabend hatte suggeriert, die deutschen Spieler könnten beim Triumph 1954 gegen Ungarn (3:2) gedopt gewesen sein. Der damalige Mannschaftsarzt Franz Loogen, 84, bestätigte in der Sendung, man sei "auf den Dreh gekommen, den Spielern ein Vitamin C zu geben". In der Mannschaft sei damals "heiß diskutiert" worden, dass Helmut Rahn nach einer Südamerika-Reise im Frühjahr 1954 berichtete, Brasiliens Spieler hätten vor Spielen Medikamente bekommen.

"Der Herberger hat nichts gesagt"

Albert Sing, 87, 1954 Assistent von Bundestrainer Sepp Herberger, bestätigt, dass einige Spieler auf Wunsch Spritzen mit flüssigem Traubenzucker bekamen. "Ich habe es unnötig gefunden, aber gut, der Herberger hat nichts gesagt." Loogen hatte zuvor von Tierversuchen gelesen, wonach die Ausdauer durch Vitamin C gefördert werde, die Spieler, sagt er, "haben so ein bisschen daran geglaubt". Vitamin-Spritzen, so Klaus Müller, Leiter des Dopinglabors in Kreischa, hätten jedoch "höchstens einen psychologischen Effekt", gezieltes Doping halte er für "eher unwahrscheinlich".

54-Weltmeister Ottmar Walter im Zweikampf mit seinem ungarischen Gegenspieler Zoltan Csibor: "Ich wusste nichts"
DPA

54-Weltmeister Ottmar Walter im Zweikampf mit seinem ungarischen Gegenspieler Zoltan Csibor: "Ich wusste nichts"

Ob neben dem Vitamin-C-Präparat auch andere Mittel verabreicht wurden, ist reine Spekulation. "Vitamin C, sonst nichts", hätten die Spieler bekommen, versichert WM-54-Arzt Loogen. "Er hat uns Aufbaupräparate gegeben. Es ist nicht gedopt worden", empörte sich Weltmeister Hans Schäfer, 76, am Mittwoch in der "Bild"-Zeitung. Sein Teamkollege Ottmar Walter, 80, gehörte offenbar zu jenen, die sich nichts spritzen ließen: "Ich wusste davon nichts." Horst Eckel, 72, bestätigte: "Ich habe Spitzen bekommen." Zugleich entrüstete er sich aber: "Wir kannten das Wort Doping überhaupt nicht."

Den Verdacht, die später ausgebrochene Gelbsucht könnte ein Hinweis auf heute illegale Stimulanzien oder Substanzen sein, glaubt auch der ehemalige DFB-Arzt Heinz Ließen entkräften zu können. "Zum damaligen Zeitpunkt konnten die Spritzen nicht in ausreichendem Maße sterilisiert werden", das Hepatitis-B-Virus, das Gelbsucht zur Folge hat, hätte bei einer mehrfachen Verwendung der Spritzen daher leicht übertragen werden können. Einwegspritzen gab es 1954 noch nicht.

Gelbsucht-Epidemie nach dem WM-Titel

Womöglich sind aber drei Spieler des WM-Kaders von 1954 an den Spätfolgen der Gelbsucht gestorben. Der Frankfurter Richard Herrmann erlag im Alter von 39 Jahren einer Leberzirrhose; wie DFB-Arzt Meyer erklärt, können Leberschädigungen auch durch Hepatitis hervorgerufen werden. Auch Abwehrspieler Werner Liebrich und Außenläufer Karl Mai sollen nach Recherchen der "Neuen Ruhr/Rhein-Zeitung" an den Spätfolgen ihrer Gelbsucht gestorben sein: Hinweise aus Medizinerkreisen nähren den Verdacht. Herrmanns hinterbliebene Söhne wurden später sogar im Testament von Herberger bedacht.

Dass die Doping-Vorwürfe gegen die Weltmeisterelf von 1954 dieser Tage durch die Medien geistern, liegt an dem kürzlich erschienenen Buch "Die Helden von Bern" von Jürgen Bertram. Doch die Anschuldigungen sind ein alter Hut. Der ungarische Kapitän Ferenc Puskas fragte sich 1957 in einem Interview mit "France Football" mit Blick auf die Gelbsucht-Epidemie, ob denn bei den Deutschen alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Puskas erhielt vom DFB daraufhin ein Stadion-Verbot, das erst 1964 wieder aufgehoben wurde, als sich der Ungar für seine Verdächtigungen entschuldigt hatte.



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