BVB-Pleite in der Europa League Aus Gelb wird Grau

Spiel verloren, das Stadion nicht voll: Im Europa-League-Duell mit Salzburg haperte es bei Borussia Dortmund mehrfach. Die Stimmung ist so trist wie lange nicht.

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Aus Dortmund berichtet


In den großen Jahren des Dortmunder Trainers Jürgen Klopp gab es einen Imagefilm, der als investigative Reportage getarnt war. Angeblich kamen seinerzeit nach jedem Wochenende Tausende aufgewühlte Patienten in ein medizinisches Zentrum, um den Stoff zu spenden, aus dem die BVB-Gefühle waren: Adrenalin. Verkauft wurde die neongelbe Droge dann nach Hoffenheim, Schalke, Hannover und sogar München.

Der Film wurde zum viralen Hit. Mittlerweile wirkt er wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit. Denn der BVB-Fußball ist aktuell so grau wie seit Jahren nicht mehr.

Wie in vielen Partien der vergangenen Wochen hätte Borussia Dortmund beim schwachen 1:2 (0:0) gegen Salzburg im Achtelfinal-Hinspiel der Europa League dringend eine kräftige Dosis ihres "Adrenalins" von einst gebraucht. Aus dem Überschuss an schwarz-gelber Fußball-Energie ist ein akuter Mangel geworden. Auf dem Platz, aber auch auf den Rängen. "Dass wir so etwas zu Hause zulassen, ist ein No-Go", sagte Kapitän Marcel Schmelzer.

Nur 53.700 Leute waren im Stadion, bei Europapokalspielen dürfen aber 65.800 hinein. Es besuchten also noch weniger Zuschauer das Stadion als beim Montagsspiel gegen Augsburg Ende Februar, als 54.300 Menschen gekommen waren. Und all jene, die Zuhause geblieben waren, hatten alles richtig gemacht. "Vom Aufwand her, von der Bewegung - vor allem im offensiven Bereich - war das sehr dürftig heute", sagte Trainer Peter Stöger. Es gibt zwar Ausnahmen wie die Partie in Leipzig am vergangenen Wochenende, doch im Alltag scheint eine seltsame Lethargie die Mannschaft zu lähmen.

Enttäuschung beim BVB: "Zu wenig? Das war fast nichts!"

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Das Team habe Teile der Partie "verschlafen", sagte Mittelfeldspieler Gonzalo Castro und wirkte fast gleichgültig. Man sehe der Mannschaft eben an, "dass sie viele Spiele in den Knochen" und außerdem "das Quäntchen Glück gefehlt" habe. Am Ende beider Halbzeiten wurden die Spieler ausgepfiffen, und wenn nicht alles täuscht, ist es weniger der Erfolg, den die Menschen vermissen, als das BVB-Gefühl, das jahrelang mit großer Zuverlässigkeit hier entstand.

Selbst 2015 in Klopps letzter, schwacher Hinrunde wurden die Spieler nach Niederlagen von den Fans gefeiert, einerseits aus Dankbarkeit für die großen Jahre zuvor, aber auch weil die Leute merkten, dass ihre Mannschaft sich mit großer Hingabe für den Erfolg einsetzte. Unter Klopps Nachfolger Thomas Tuchel, dem Getriebenen, der nach schwachen Leistungen mit fast schon verletzenden Worten mehr von seiner Mannschaft forderte, war der Energielevel ebenfalls immer wieder am Anschlag. Nun ist der BVB in einer Phase der Behäbigkeit angekommen, mitunter spiele die Mannschaft "wie Beamte" hatte Sportdirektor Michael Zorc neulich gesagt.

Dass gegen Salzburg, in einem K.-o.-Spiel im Europapokal, noch weniger Leute kamen, als zum Protestspiel gegen Augsburg am Montag vor einer Woche, hat sicher auch damit zu tun, dass die Leute keine Lust mehr auf die mäßigen Auftritte und die maue Stimmung haben. Vor zweieinhalb Jahren hatten noch 65.190 Menschen das viel weniger attraktive Europa-League-Qualifikationsspiel gegen den österreichischen Klub Wolfsberger AC besucht, obwohl der sportliche Reiz nach einem 1:0-Auswärtserfolg im Hinspiel überschaubar war.

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Naheliegend wäre nun, die Schuld für den Mangel an Attraktivität bei Trainer Stöger zu suchen, aber das ist ungerecht. Zwar hat sich der Österreicher beim 1. FC Köln nicht gerade als Vertreter rasanter Offensivkunst profiliert, er hat aber immer daran gearbeitet, die Qualität seines Kaders zu erhöhen, um dem Publikum mehr Tempo und Tore zu bieten. In Dortmund musste er zunächst die chaotische Abwehr stabilisieren, was ihm gelungen ist. In der Bundesliga ist der BVB unter dem Coach noch ungeschlagen - und das mit einer Mannschaft, die den Ruf hat, charakterlich nicht ganz einfach zu sein. Kritiker sagen ihr ein Mentalitätsproblem nach.

Die tatsächlichen Gründe für die fußballerische Dürre zu erkennen, dürfte sogar für die Klubführung um Sportdirektor Michael Zorc und Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke zur Herausforderung werden.

Handelt es sich immer noch um Spätfolgen der Verwerfungen, die im vergangenen Jahr unter Tuchel entstanden? Hat der Kader wirklich nicht die richtige Mentalität? Passt Stögers Fußballstil nicht zum BVB? Oder liegt es einfach an den Formschwankungen und Verletzungen bestimmter Leistungsträger? Am "Quäntchen Glück", wie Castro glaubt?

Die Gesamtlage ist komplex, und die Verantwortlichen brauchen verlässliche Antworten, um den Klub in eine Zukunft zu führen, in der er wieder jene Energie ausstrahlt, die ihn einst so faszinierend machte.

Borussia Dortmund - Red Bull Salzburg 1:2 (0:0)
0:1 Berisha (49., Foulelfmeter)
0:2 Berisha (56.)
1:2 Schürrle (62.)
Dortmund: Bürki - Castro, Sokratis, Toprak, Schmelzer - Dahoud, Weigl - Reus, Götze (61. Pulisic), Schürrle - Batshuayi (61. Philipp)
Salzburg: Walke - Lainer, Ramalho, Caleta-Car, Ulmer - Haidara, Samassekou - Schlager, Berisha - Hwang, Dabbur
Schiedsrichter: Vincic (Slowenien)
Gelbe Karten: Schürrle, Toprak, Weigl / Caleta-Car, Lainer, Minamino
Zuschauer: 53.700



insgesamt 43 Beiträge
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gnarze 09.03.2018
1. Mentalität
Wie schon mehrfach gesagt - der Mannschaft fehlt es an Häuptlingen, die auch auf dem Platz Leistung bringen, anstatt unliebsame Trainer wegzumobben. So Typen wie van Bommel, Effenberg und Co. Es reicht auch nicht, für die nächste Saison wieder für relativ kleines Geld ein zehnjähriges Jahrtausendtalent zu verpflichten - man sollte in der Führung überlegen, ob man momentan lieber sein Geld in Immobilien oder Füße anlegt.
StefanXX 09.03.2018
2. BVB mal wieder im Pech
Ich hab das Spiel gestern zwar nicht gesehen, aber wenn ein absolutes internationales Spitzenteam wie der BVB gegen Salzburg verliert, dann KANN daran eigentlich nur der Schiri Schuld gewesen sein, wahrscheinlich gepaart mit unglaublichem Pech – ganz im Gegensatz zu den Bayern übrigens, die seit 50 Jahren immer nur Glück haben. Wenn im Rückspiel der Unparteiische endlich mal seinem Namen gerecht wird, dann wird der BVB mit einem 3:0 in den nächste Runde einziehen und den Pott in den Pott holen! Heja heja BVB!
alfreddneumann 09.03.2018
3. Stöger
Bei dem Trainer ist das nicht verwunderlich. Stöger hält bekanntermaßen seine Spieler nicht fit. Mit höheren Aufgaben ist er vollkommen überfordert. Siehe Köln Europa Pokal. Und was das taktische Verständnis anbelangt sollte man den Mantel des Schweigens darüber legen.
hileute 09.03.2018
4. Ohne Worte
gegen Salzburg zu verlieren muss man erstmal schaffen, Respekt. Von einem (angeblichen) deutschen Topteam hätte ich gegen eine allenfalls durchschnittliche Mannschaft mehr erwartet
rp10490 09.03.2018
5. Parallelen
Der HSV hat mit der Entsorgung ihrer Führungselite solange gewartet, bis es zu spät war. Diesen Prozess hat der BVB noch vor sich.
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