BVB-Sieg gegen Atalanta Schätze im brüchigen Prachtbau

Es war ein wildes 3:2 gegen Atalanta Bergamo, der BVB zeigte die ganze Bandbreite der bisherigen Saison: Dilettantismus, Passivität, aber auch Willenskraft - und große individuelle Qualität.

Michy Batshuayi
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Michy Batshuayi

Aus Dortmund berichtet


Ganz am Ende des Abends erlaubte sich Peter Stöger einen dieser wienerischen Scherze, dessen ganze Tiefe sich erst bei genauerem Nachdenken erschließt.

Ein Journalist wollte wissen, ob die Balleroberung von Michy Batshuayi vor dem ersten Dortmunder Tor beim 3:2 gegen Atalanta Bergamo den Trainer ähnlich glücklich gemacht habe, wie die beiden Treffer, die dem Belgier später noch gelungen sind. Stöger dachte kurz nach, dann sagte er in Anspielung auf seinen Ruf: "Wenn ich jetzt sage, dass mir gefällt, wenn er einen Ball erobert, dann bin ich wieder der Defensivtrainer."

Das war eine Spitze gegen all jene Leute, die dazu neigen, die Fußballwelt in allzu schlichte Wahrheiten hineinzuzwingen. In die Kategorien "Offensivtrainer" und "Defensivtrainer" zum Beispiel. So wie dieser ganze Abend eine Spitze gegen diese Art der Vereinfacher gewesen ist. Der BVB der Gegenwart ist nämlich überhaupt nicht einfach, er ist ein komplexes Rätsel, unergründlich, mitunter brillant, aber auch so unfertig wie seit Jahren nicht.

Ruine eines früheren Prachtbaus

Ein bisschen wirkt der Klub wie die Ruine eines früheren Prachtbaus, der ziemlich lädiert aussieht, nach all den Widrigkeiten, Streitereien und sportlichen Zusammenbrüchen der vergangenen Monate. Wie ein Gebäude mit großem Sanierungsbedarf, dessen Keller aber immer noch voller wunderbarer Schätze ist, die man nur hervorholen und zum Strahlen bringen muss.

Eines dieser Schmuckstücke ist beispielsweise André Schürrle, der nach eineinhalb Jahren mit Verletzungen aufblüht und das 1:0 erzielte. Oder Mario Götze, der eingewechselt wurde, als die Dortmunder 1:2 zurück lagen und der dem Spiel eine neue Wendung gab.

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Dortmunds Sieg gegen Atalanta: Ein Auf und Ab

Und im Prinzip ist ja sogar Batshuayi ein Fundstück aus einer glorreichen Vergangenheit, schließlich wurde der Belgier mithilfe der Datenbanken des früheren Chefscouts Sven Mislintat aufgespürt. Nun hat die Leihgabe des FC Chelsea in drei Spielen tatsächlich schon fünf sehr wichtige Tore geschossen und seine Kollegen mit einem Siegtreffer in der Nachspielzeit beglückt.

Denn nach der Pause war die Mannschaft in einen Zustand hineingeraten, der an die finstere Spätphase der Bosz-Ära erinnerte: gehemmt und energielos, ohne Selbstvertrauen. "Wir wurden mutlos und haben aufgehört, Fußball zu spielen", sagte Julian Weigl. Plötzlich gab es die lächerliche Fehlerhaftigkeit und die merkwürdige Gehemmtheit zu bestaunen, die im Vorjahr zu schweren Enttäuschungen wie den beiden Unentschieden gegen Apoel Nikosia oder dem 4:4 gegen Schalke 04 geführt hatten.

Stöger: "Die Fehler nach der Halbzeit sind schwer zu erklären"

Jeremy Toljans Blindflug, beim Versuch das 1:1 der Gäste zu verteidigen, taugt wunderbar als Sinnbild für die Dortmunder Neigung zum skurrilen Anfängerfehler. Es folgte eine Phase der totalen Verunsicherung die im 1:2 gipfelte. "Die Fehler nach der Halbzeit sind schwer zu erklären", sagte Stöger, "aber es ist vielleicht gut, dass man so bestraft wird, es wird uns helfen in unserer Entwicklung."

Stöger weiß, dass diese Mannschaft fast immer auch Lichtblicke produziert. Schürrles starke erste Hälfte zum Beispiel, in der der Nationalspieler mehrfach gefährlich abschloss, kluge Wege in die Tiefe suchte, den Pfosten traf und das 1:0 erzielte. "Er kriegt Spielpraxis, Vertrauen und Möglichkeiten und zeigt mehr und mehr, was ihn auszeichnet", sagte Stöger.

Noch erstaunlicher war aber die Wirkung Götzes, dessen Einwechslung nach einer Stunde zum Schlüsselmoment wurde. 1:2 lagen die Dortmunder zurück, ehe Götze den eher blassen Marco Reus ersetzte, dem Spiel des BVB Struktur gab und mit zwei klugen Anspielen auf Batshuayi die beiden Tore des belgischen Stürmers ermöglichte.

Diese Auferstehung der Dortmunder sei "auch ein Verdienst von Mario", sagte Batshuayi. "Wir haben in den letzten Wochen gezeigt, dass es nicht so leicht ist, uns zu besiegen, das wird aber nötig sein für den Gegner", so Stöger, der offensichtlich gut mit der Unvollkommenheit und der Unberechenbarkeit seiner Mannschaft leben kann. Aber so lange regelmäßig Typen wie Götze, Schürrle, Reus oder Batshuayi aus der Versenkung auftauchen, ist das vielleicht gar nicht so schwer.

Borussia Dortmund - Atalanta Bergamo 3:2 (1:0)
1:0 Schürrle (30.)
1:1 Ilicic (51.)
1:2 Ilicic (56.)
2:2 Batshuayi (65.)
3:2 Batshuayi (90.+1)
Dortmund: Bürki - Piszczek, Toprak, Sokratis, Toljan - Castro, Weigl (81. Dahoud) - Pulisic (85. Isak), Reus (62. Mario Götze), Schürrle - Batshuayi
Bergamo: Berisha - Toloi, Caldara (85. Palomino), Masiello - Cristante, Freuler - Hateboer, de Roon, Spinazzola - Ilicic (89. Petagna), Gomez (76. Gosens)
Schiedsrichter: Daniel Stefanski
Zuschauer: 62.500
Gelbe Karten: Weigl, Piszczek, Schürrle, Batshuayi - Cristante (2), Hateboer (2)



insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
marcuhlig 16.02.2018
1.
das Leihgeschäft von Batshuayi ist ein Glücksgriff für Chelsea und den Spieler. ein wirklich guter Mann der nun Spielpraxis beim Ausbildungsverein bekommt um dann im Sommer in Topform zu seiner Manschaft zurückzukehren.
_hal_ 16.02.2018
2.
Zitat von marcuhligdas Leihgeschäft von Batshuayi ist ein Glücksgriff für Chelsea und den Spieler. ein wirklich guter Mann der nun Spielpraxis beim Ausbildungsverein bekommt um dann im Sommer in Topform zu seiner Manschaft zurückzukehren.
Der Beitrag sagt mehr über den Verfasser, als über den Spieler, dessen genaue Zukunft weder er selbst noch die Vereine zum aktuellen Zeitpunkt kennen ;-)
SchlandGottes 16.02.2018
3. Herrlich
Dieser Neid am Morgen.
aurichter 16.02.2018
4. War schon
sehr schmerzhaft dem Treiben der Dortmunder in der zweiten Hälfte zuzusehen. Was dort Abwehrmäßig gezeigt wurde, das zeigt überdeutlich, weshalb der BVB eben kein Topteam mehr ist, allenfalls etwas besserer Durchschnitt. Dieser Belgier ist wahrlich ein temporärer Glücksgriff und die Versicherung. Wichtiger aber ist die Abwehr, die im Moment himmelschreiende Leistungen abliefert, da sollte investiert werden. Keiner der vier Protagonisten zeigt eine Form, die einem Topteam würdig ist. Piszcek nach seiner Hüft-OP nicht mehr annähernd so stark wie vorher, Toprak und Toljan mitunter Totalausfälle und Sokratis zeichnet sich nur durch Überhärte aus, mit Verdacht auf rote Karte. So wird das im Rückspiel ein Debakel, viel Hoffnung auf ein Weiterkommen habe ich nicht. Wäre aber vllt ganz gut, da kann man sich auf BL konzentrieren, um somit die internationalen Plätze noch zu retten.
der_gärtner13 16.02.2018
5. Grottig !
Und wieder einmal zeigt sich : Das Problem der BuLi ist nicht das finanzielle Vermögen des FCB, sondern das sportliche Unvermögen der anderen ! Ein extrem glückliches 3:2 gegen eine italienischen Zwergverein, der sich in einer schwachen Seria A letztes Jahr mal auf den 4. Platz gespielt hat, ansonsten aber völlig bedeutunglos ist. Ein Verein, dessen Stadion so viele Plätze hat wie die Südtribüne beim BVB. Dem BVB, der für die Saison 17/18 ein Transferplus von fast 150 Millionen Euro hat - also genug, um die halbe Mannschaft inklusive Stadion des Konkurrenten zu kaufen. Geld scheint im Fußball allen zu helfen, außer der zweiten deutschen Garde! Wenigstens hat RB überzeugt und einen guten Auftritt hingelegt - ein echter Qualitätsbeweis. Der SSC ist wohl die stärkste Mannschaft im Wettbewerb.
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