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Basels Gastspiel in St. Etienne: Unerwünschte Gäste

Von Edgar Lopez

Fans des FC Basel: In St. Etienne unerwünscht Zur Großansicht
REUTERS

Fans des FC Basel: In St. Etienne unerwünscht

Wenn St. Etienne und Basel in der Europa League aufeinandertreffen, dürfen keine Gästefans vor Ort sein - aufgrund des Ausnahmezustands in Frankreich. Das ist aber nur die halbe Geschichte.

Die Fans des FC Basel dürfen am heutigen Europa-League-Spieltag weder das Stade "Geoffroy-Guichard", noch das Stadtgebiet von St. Etienne betreten. Reisen sie trotzdem an, und geben sich als Basler zu erkennen, drohen ihnen erhebliche Strafen. Dies geschieht auf Grundlage eines Beschlusses der Präfektur Loire. Seit den Terroranschlägen von Paris herrscht in Frankreich nicht nur der Ausnahmezustand, sondern auch eine erhöhte Repression gegenüber organisierten Fans.

Nach Uefa-Richtlinien hätten Basel rund 2000 Karten zur Verfügung gestanden. Ebenso hätten sie sich Tickets für die Heimbereiche kaufen können. Aus dem Umfeld des Vereins ist zu hören, dass das Verbot aufgrund der Entwicklungen in Frankreich nicht gänzlich überraschend kommt. Offiziell bedauert der FC Basel die Entscheidung, bittet seine Fans aber, sie zu akzeptieren.

Antoine Boutonnet leitet die Anti-Hooligan-Abteilung der französischen Polizei. Die Basler seien mehrfach gewalttätig aufgefallen. "Momentan haben wir einfach andere Prioritäten, als Fußballspiele in vollem Umfang abzusichern", begründet Boutonnet die Entscheidung. Die Beamten sollen stattdessen lieber die Sicherheit an sensiblen Punkten gewährleisten. Deswegen werde man oft präventiv tätig, um mögliche Konflikte bereits im Vorfeld zu vermeiden, so der Polizist weiter.

Gelebte Realität in Frankreich

Gästefans vom Spielbesuch auszuschließen ist nicht neu. "Französische Präfekten besitzen diese Möglichkeit mit dem Code du Sport bereits seit 2011" so Pierre Barthélemy, Anwalt des Nationalen Fanverbands ANS. Sie müssen nur beweisen, dass deren Präsenz die öffentliche Ordnung stören und sie deren Aufrechterhaltung nicht gewährleisten können, so der Anwalt weiter. Die Zahl der Ausschlüsse ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Von anfänglich drei Gästeverboten in der Saison 2011/12, auf durchschnittlich 30 in den vergangenen Spielzeiten. Betroffen sind vor allem Vereine mit starkem Fanaufkommen wie Marseille, St. Etienne, PSG, Lyon oder Bordeaux.

Für die französischen Behörden sind die Artikel 5 und 8 des Notstandsgesetzes ein Instrumentarium mit praktischen Begleiterscheinungen. Seit Inkrafttreten des Ausnahmezustands im vergangenen November wurden bereits über 180 Gästeverbote ausgesprochen - quer durch alle Ligen.

Der Fußball und seine Fans besitzen in Frankreich traditionell nicht den Stellenwert, wie beispielsweise in Deutschland. Der Soziologie Nicolas Hourcade sagt: "Fußballfans haben in der französischen Gesellschaft ein sehr schlechtes Image, auch wenn es historisch betrachtet im französischen Fußball, außer in Paris, kein großes Problem mit Hooliganismus gibt."

Hourcade geht noch weiter: "Diese Einstellung spiegelt sich auch bei der französischen Polizei wider, die vor allem Auswärtsfans als Problem ansieht und es einfacher fände, wenn es gar keine gäbe." Diese Einstellung nimmt derart kuriose Züge an, dass man zum Spiel Troyes gegen Rennes sogar den Heimfans verboten hatte, sich an einem zentralen Ort in ihrer eigenen Stadt zu treffen. Begründung: Man müsse dafür sorgen, dass der Ausverkauf in den zahlreichen Factory Outlets der Stadt reibungslos ablaufen kann.

Hinzu kommt die vermeintlich schlechte Ausbildung der Polizei im Umgang mit Gästefans. Am Wochenende hat in Reims ein Ultra vom SC Bastia nach einer Konfrontation mit der Polizei sein Augenlicht verloren. Während die Staatsanwaltschaft sagt, er sei gestolpert, erheben die Fans schwere Vorwürfe: Ein Flashball-Gummigeschoss der Polizei habe ihn getroffen. Einen weiteren Vorfall gab es im Spiel zwischen Paris Saint Germain gegen Chelsea, als ein Polizist nach dem Torjubel der Engländer sein Pfefferspray zog.

Neues Fangesetz liegt beim französischen Senat

Nach den Anschlägen hatte Präsident Hollande gesagt, dass sich die Leute vom Terror nicht einschüchtern lassen und weiter ins Stadion gehen sollen. Nun scheint gerade die sozialistische Regierung bevorzugt auf Repression zu setzen.

In der Nationalversammlung wurde ein neues Fangesetz zur Verabschiedung an den Senat weitergereicht. Es sieht unter anderem vor, dass Vereine eigenmächtig Fans mit Stadionverboten belegen können. Dies ist bis jetzt Privileg des Staates. Der einzige Verein, der dies dennoch praktiziert, ist PSG. Die Gesetzgebung wird nun geändert, um diese Praxis zu legalisieren, so Hourcade. Dabei ist PSG in den vergangenen Jahren aber nicht nur gegen Gewaltbereite, sondern auch gegen jene vorgegangen, die sich kritisch gegenüber dem Geldgeber aus Katar geäußert haben.

Anwalt Barthélemy sieht das Gesetz ebenfalls sehr kritisch. Der Vorschlag sei alt und ein Vorwand, um die Rechte der Polizei zu stärken. Gleichzeitig würde es aber PSG dienen. "Weder die Fans, noch die anderen Vereine der Liga wurden konsultiert", so Barthélemy weiter. Er bekräftigt, dass es kein Problem mit Hooliganismus, stattdessen aber eines mit zahlreichen Übergriffen der Polizei auf kritische Fans gäbe.

Im Sommer veranstaltet Frankreich die Euro 2016. Dann werden bis zu acht Millionen Besucher aus dem Ausland erwartet. Boutonnet ist überzeugt: "Die französische Polizei ist gut vorbereitet." Man dürfe auch nicht den Fehler begehen, Fans aus dem Ligabetrieb mit denen des Turniers gleichzusetzen. Das stimmt. Die Zahlen französischer Gästefans sind weitaus geringer. Ob man eine Europameisterschaft im Sommer reibungslos ausrichten kann, wenn bereits bei Ligaspielen derartige Probleme auftreten, bleibt abzuwarten.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Traurig
Denker16 18.02.2016
Sehr schade, dieses Vorgehen. Ich wünsche den französischen Fans alles Gute. Auswärtsfans gehören zum Fußball. Leider bröckelt diese Tatsache auch in Deutschland immer mehr...
2. nur mal so ein Szenario....
der_fünfte_reiter 18.02.2016
Gesetzt den Fall, PSG würde das Champions League Finale erreichen, und Italien würde wegen Terrorgefahr den französischen Fans verbieten, zum Spiel nach Mailand anzureisen -idealerweise inklusive M Hollande und seiner Bagage- wie groß wäre da wohl das Geschrei der Grande Nation? Wird halt mal wieder mit zweierlei Maß gemessen. Oder wir bösen Fans bleiben einfach mal geschlossen der EM im Sommer fern. Keine Spanier, keine Deutschen, keine Belgier, die die Tourismuskassen Frankreichs füllen....
3.
Stäffelesrutscher 18.02.2016
Könnten Sie bitte bei der Charakterisierung der französischen Regierung Anführungszeichen setzen, was die ideologische Ausrichtung betrifft? Monsieur Holland hat mit Sozialismus ungefähr genauso viel am Hut wie Herr Schröder und Herr Oettinger.
4.
milhouse_van_h. 18.02.2016
Na, viel Spaß bei der EM 2016 Warum sind eigentlich die Fußballfans immer die ersten, bei denen man glaubt Demokratie und Menschrechten über Bord werfen zu müssen? PSG (siehe Artikel), Hannover (siehe Ausführungen des Herrn Kind) und B. München (siehe "Südkurvenrede" U. Hoeneß) zeigen, dass echte Fans gar nicht mehr gewünscht sind in den Stadien. Lieber will man den Opern- und Theaterbesucher in den Arenen sehen. Die sind ja auch (erstmal) nicht so kritisch gegenüber z.B. Geldgebern aus Katar. Als normaler Frankfurter Fußballfan bekam man auch in Bordeaux erhebliche Probleme. Nicht mit den ansässigen Fans, nein, mit der ansässigen Polizei. Aber nicht weil man sich nicht vorschriftsmäßig verhielt, sonder nur weil man Auswärtsfan war.
5. Mich erstaunt
gandhiforever 18.02.2016
Mich erstaunt, dass die UEFA hierzu nicht Stellung bezogen hat. Aus Gruenden der Fairness waere es angebracht, die Fans von St. Etienne vom Rueckspiel auszuschliessen.
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Sieger Europa League der letzten 25 Jahre
Jahr Verein
2015 FC Sevilla
2014 FC Sevilla
2013 FC Chelsea
2012 Atlético Madrid
2011 FC Porto
2010 Atlético Madrid
2009 Schachtar Donezk
2008 Zenit Sankt Petersburg
2007 FC Sevilla
2006 FC Sevilla
2005 ZSKA Moskau
2004 FC Valencia
2003 FC Porto
2002 Feyenoord Rotterdam
2001 FC Liverpool
2000 Galatasaray Istanbul
1999 AC Parma
1998 Inter Mailand
1997 FC Schalke 04
1996 FC Bayern München
1995 AC Parma
1994 Inter Mailand
1993 Juventus Turin
1992 Ajax Amsterdam
1991 Inter Mailand
1990 Juventus Turin
1989 SSC Neapel
bis einschl. der Saison 2008/2009 "Uefa Cup"

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