Trainer Wenger und das Arsenal-Remis 22 Jahre, eingedampft auf 90 Minuten

Arsenal hat in der Europa League gegen Atlético den Sieg verspielt - und wohl auch die Chance, den langjährigen Trainer Arsène Wenger mit einem Titel zu verabschieden. Die Partie zeigt, warum er gehen muss.

Arsenal-Coach Arsène Wenger
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Arsenal-Coach Arsène Wenger

Aus London berichtet


Was lange Zeit aussah wie ein Triumphzug, ging ziemlich trist zu Ende. Die Zuschauer verließen das Stadion des FC Arsenal nach dem 1:1 im Halbfinal-Hinspiel der Europa League gegen Atlético Madrid schweigend. Die Profis in ihren roten Trikots saßen auf dem Rasen und ließen die Köpfe hängen.

Die Veranstaltung war über weite Strecken in Arsenals Sinne verlaufen. Atlético war schon nach nur zehn Minuten ausgedünnt und führungslos. Sime Vrsaljko sah die Gelb-Rote Karte nach zwei Fouls in kurzer Zeit. Trainer Diego Simeone wurde auf die Tribüne verbannt wegen seines wieder einmal sehr lebhaften Auftretens gegenüber dem Schiedsrichter und seinen Assistenten. Arsenal erspielte sich beste Chancen und ging nach einer Stunde verdient in Führung durch den Kopfball von Alexandre Lacazette, der im Europapokal seinen Stammplatz sicher hat, weil der Ex-Dortmunder Pierre-Emerick Aubameyang in dem Wettbewerb nicht gemeldet ist.

Die Mannschaft hatte so gute Aussichten wie lange nicht mehr, eines der Schwergewichte des internationalen Fußballs zu schlagen. Die Ausgangslage für das Rückspiel kommende Woche Donnerstag in Madrid hätte so prächtig sein können. Doch Arsenal verschleuderte den Sieg in der Schlussphase auf aberwitzige Weise.

Arsenal hat in diesem Jahr in der Liga jedes Auswärtsspiel verloren

Nach einem langen Ball rutschten erst Kapitän Laurent Koscielny und dann der deutsche Nationalspieler Shkodran Mustafi aus und servierten Antoine Griezmann den Treffer zum Ausgleich. "Der Abend schmeckt für uns bitter. Wir müssen in Führung bleiben. Dann wäre alles offen gewesen", gestand Arsène Wenger nach seinem letzten Europapokal-Heimspiel als Arsenal-Trainer.

Die fehlende Wettkampfhärte und die Tollpatschigkeit seines Teams haben ihm wohl die Chance geraubt, sich nach 22 Jahren mit seinem ersten internationalen Titel zu verabschieden. Atlètico ist dank des Auswärtstreffers im Vorteil vor dem Rückspiel. Außerdem verfügt die Mannschaft über eine beeindruckende Heimstärke. Sie kassierte kein einziges Tor in den vergangenen elf Spielen in der eigenen Arena. Arsenal dagegen ist auf fremdem Boden erschütternd harmlos.

Arsenals Alexandre Lacazette
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Arsenals Alexandre Lacazette

In der Liga hat das Team seit dem Jahreswechsel - das ist kein Witz! - jedes Auswärtsspiel verloren. Es gab Niederlagen unter anderem in Swansea, Brighton und Newcastle. Bei dieser Gemengelage wäre es eine große Überraschung, wenn Arsenal noch den Einzug ins Endspiel in Lyon Mitte Mai schaffen würde. "Der einzige Vorteil ist, dass wir jetzt genau wissen, was wir zu tun haben. Wir haben nichts zu verlieren", sagte Wenger.

Die Partie hat gezeigt, warum der Trainer am Ende der Saison geht, und das ganz offenkundig nicht so freiwillig und selbst bestimmt, wie es von den beteiligten Parteien kommuniziert wird. Seiner Mannschaft fehlten Reife und Abgeklärtheit, wie so oft in wichtigen Spielen in den vergangenen Jahren. Dazu kamen tragikomische Aussetzer in der Abwehr.

Eine Miniatur der 22-jährigen Amtszeit bei Arsenal

Auch das mussten die Fans in der jüngeren Geschichte immer und immer wieder erdulden. Es war typisch Arsenal, wie das Team am Ende schon unter dem leichtesten Anflug von Druck kapitulierte und die Zuschauer damit in einem Zustand der Gleichgültigkeit zurückließ nach einem ziemlich stimmungsvollen Abend. Wenger konnte seine Enttäuschung über die immer wiederkehrenden Motive nicht verstecken. "Wir haben das auch schon vorher erlebt", sagte er.

Im Grunde war das Spiel eine Miniatur seiner Amtszeit bei Arsenal. 22 Jahre eingedampft auf 90 Minuten sozusagen. Der erste Abschnitt seines Wirkens im Norden Londons war hoch erfolgreich mit drei Meisterschaften um die Jahrtausendwende und der Erfindung der Unbesiegbar-Mannschaft ("The Invincibles") der Saison 2003/2004. Die letzten Jahre waren geprägt durch einen konstanten Niedergang und eine sich ausbreitende Lethargie. So war auch das Spiel: Zuerst war Arsenal furios, mitreißend und unterhaltsam. Am Ende brach alles zusammen. Wenger will den Traum vom Finale trotzdem noch nicht aufgeben und hofft auf das Rückspiel. "Jetzt müssen wir wieder aufstehen und die Enttäuschung aus dem Weg schaffen", sagte er.

Wieder aufstehen, die Enttäuschung aus dem Weg schaffen - das sollen also seine Aufgaben sein auf den letzten Metern der Ära Wenger. Es waren auch in den vergangenen Jahren oft seine Aufgaben. Irgendwie stellt man sich den Abschied eines großen Trainers anders vor.



insgesamt 5 Beiträge
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rosabalou 27.04.2018
1. mitreißend...
na ja, vielleicht bis zum Strafraum, aber wer sich auch noch im Fünfer bis zur Torlinie durchfummeln will, der sollte sich über das Ergebnis nicht wundern. Als mitreißend empfand ich die 90 min. von Liverpool........
citi2010 27.04.2018
2.
Man konnte es fast über das ganze Spiel beobachten: Arsenal fehlt die gedankliche Schnelligkeit (vielleicht auch Technik und Intuition) blitzschnell die Räume und Öffnungen zu erkennen bevor sie sich wieder schliessen.
burgundy 27.04.2018
3.
Zitat von citi2010Man konnte es fast über das ganze Spiel beobachten: Arsenal fehlt die gedankliche Schnelligkeit (vielleicht auch Technik und Intuition) blitzschnell die Räume und Öffnungen zu erkennen bevor sie sich wieder schliessen.
Könnte man irgendwelche Parallelen zum Spiel des FC Bayern ziehen? Wenigstens hat Arsenal noch unentschieden gespielt...
burckha 27.04.2018
4. Noch alle offen
Arsenal mag eine gute Ausgangslage verspielt haben. Athletico mag nun favorisiert ins Rückspiel gehen. Aber was der Artikel suggeriert, nämlich das Arsenal schon so gut wie ausgeschieden ist, das sehe ich bei weitem nicht. Das Ergebnis ist ein 1:1. Bei einem 2:2 wäre also Arsenal weiter. Und was der Autor natürlich gerne unterschlägt, in der Europa League sieht Arsenal's Auswärtsschwäche bei weitem nicht so schlimm aus. In den letzten 3 Runden sind sie Auswärts ungeschlagen. Wir haben diese Saison schon Begegnungen gesehen, die nach dem Hinspiel wesentlich deutlicher aussahen und im Rückspiel gegen alle Wahrscheinlichkeiten gekippt wurden oder kurz davor standen. Man muss schon ziemlich phantasielos sein um Arsenal nach einem 1:1 im Hinspiel die Möglichkeit eines Einzugs ins Finale abzusprechen.
aurichter 27.04.2018
5. Arsenal hat
ebenso noch die Chance in's Finale einzuziehen, wie eben Atletico auch. Einen Treffer oder auch zwei traue ich den Gunners durchaus zu. Die Gelbrote Karte zeigt jedoch auch, wie Atletico die Spiele angeht. Da hätte durchaus der eine oder andere Spieler auch noch mehr als eine gelbe Karte verdient gehabt. Aber so kennt man das Team von Simeone, Überhart und fast an der Grenze zur Tätlichkeit und der Trainer "lebt" es zusätzlich vor an der Seitenlinie. Mir schleierhaft, warum der ehemalige argentinische Rüpel in Europa so begehrt ist als Trainer, dagegen war Klopp in seiner unrühmlichen Zeit sogar ein Waisenknabe. Ich hoffe, dass Arsenal dort in Madrid die nötigen Tore macht, um trotzdem in das Finale in Lyon einzuziehen. Drücke die Daumen ;-)
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