FC Red Bull Salzburg Der Selbstbedienungsladen

Der FC Red Bull Salzburg ist national immer noch sehr erfolgreich, im Europapokal wurden die großen Ziele nicht erreicht. Der Grund: Die besten Spieler wechseln stets konzernintern nach Leipzig.

Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz schaut lieber RB Leipzig zu
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Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz schaut lieber RB Leipzig zu

Von Christian Woop


Eigentlich muss dem FC Red Bull Salzburg von Anfang an klar gewesen sein, dass es so kommt. Dass sie vom aufstrebenden Klub zum "Selbstbedienungsladen" werden, wie die Fans sich mal beschwerten. Denn Dietrich Mateschitz ist bekannt dafür, sich nicht mit etwas zufrieden zu geben, wenn er mehr haben kann.

Das Vorgehen des Red-Bull-Chefs und der Ausbau seines Imperiums sind bekannt, Fun-Sportarten, Formel 1, Eishockey und Sprünge aus dem Weltraum machten die Bullen in aller Welt bekannt. Und im Fußball wurde aus SV Austria Salzburg 2005 nach der Übernahme der FC Red Bull Salzburg. Aber der österreichische Markt wurde schnell zu klein, deshalb dachte sich Mateschitz etwas Neues aus: Rasenballsport Leipzig. Und für Salzburg ging es bergab.

Der Verein ist seit Jahren zwar die beste Mannschaft Österreichs und spielt im Europa-League-Achtelfinale gegen Borussia Dortmund (19 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Europa League ist allerdings nicht das Niveau, das für Mateschitz interessant ist. Und in der Qualifikationsrunde für die Champions League ist Salzburg in dieser Saison zum zehnten Mal in Folge gescheitert. Das hängt mit einem anderen Problem zusammen: Die besten Spieler aus Salzburg werden nach Leipzig transferiert. Von der Europa League in die Champions League, vom kleinen Markt zum großen.

Ein Ausbildungsverein?

Im Spätsommer 2016 sorgten die Abgänge Richtung Deutschland erstmals für öffentlichen Ärger. "Wir sind ein Ausbildungsverein", sagte der damalige Trainer Oscar Garcia und beschwerte sich über das System. Ein Jahr später löste der Coach seinen Vertrag auf und ging zu Saint-Etienne nach Frankreich. Abwehrspieler Martin Hinteregger, der in der Jugend nach Salzburg kam und mittlerweile beim FC Augsburg spielt, sagte im September 2016 : "Die Art und Weise, wie Salzburg von Leipzig kaputt gemacht wird, finde ich schade. Im Endeffekt sind es zwei verschiedene Vereine, aber alles wird aus Salzburg wegdirigiert."

Die organisierten Salzburg-Fans schrieben wenige Tage später einen offenen Brief an Vereins- und Konzernführung zur gleichen Problematik: man habe kein Verständnis für die Vorgänge, Salzburg sei ein Selbstbedienungsladen. Die Verantwortlichen wehrten sich. "Salzburg hat zehn Titel gewonnen in den letzten Jahren, sechs davon in Serie in den letzten drei Jahren. Wenn dann der Eindruck entsteht, das gerade in Salzburg die Fußballwelt untergeht und sie nicht die Sporthauptstadt Österreichs sind, wer denn dann?", sagte Rangnick und verwies zudem auf hohe Ablösesummen, die die Salzburger für ihre Abgänge kassiert hatten.

Doch die Aussagen von Ex-Coach Garcia sowie dem früheren RB-Verteidiger Hinteregger lassen sich ganz einfach belegen. 20 Spieler trugen sowohl das Trikot von Leipzig als auch Salzburg, unter anderem Stars wie Naby Keita, Dayot Upamecano oder Marcel Sabitzer. Und stets ging es dabei nur in die eine Richtung: nach Leipzig (in der Fotostrecke sehen Sie alle Spieler, die für Salzburg und Leipzig spielten).

Fotostrecke

20  Bilder
Transfers von Salzburg nach Leipzig: Spieler wechsle dich!

Ein Mann war dabei entscheidend. Zwischen 2012 und 2015 arbeitete Ralf Rangnick als Sportdirektor für Leipzig und Salzburg. Er hat in dieser Zeit in acht Fällen mit sich selbst verhandelt. Auch danach - als Rangnick nur noch für Leipzig tätig war - kam man sich bei Deals entgegen. Rangnick bestätigte zum Beispiel, dass die Ablösesumme des Transfers von Bernardo nach Leipzig im Sommer 2016 erst im Anschluss an den Deal festgelegt worden ist. Inzwischen will der 59-Jährige dazu nichts mehr sagen, eine Interview-Anfrage von SPIEGEL ONLINE lehnte Rangnick ab.

Im Vorfeld der Achtelfinal-Auslosung hatten viele Fans auf ein Duell zwischen Leipzig und Salzburg gehofft - aber nicht, weil es sportlich so interessant gewesen wäre. Die Klubs haben fast identische Trikots, die Vereinswappen gleichen sich ebenfalls enorm. So sehr, dass Salzburg Andreas Ulmer im Champions-League-Qualifikationsspiel gegen FK Liepaja unbemerkt in einem Shirt von RB Leipzig auflaufen konnte.

Salzburgs Andreas Ulmer (r.) im Leipzig-Trikot
imago/ Eibner Europa

Salzburgs Andreas Ulmer (r.) im Leipzig-Trikot

Nach Außen wird mittlerweile eine Entflechtung der Klubs vom Unternehmen betont. Die handelnden Personen im Salzburg-Vorstand wie Franz Rauch oder Herbert Resch pflegen aber schon seit vielen Jahren Geschäftsbeziehungen zu Mateschitz und Red Bull.

Trotz der zahlreichen Transfers in die deutsche Bundesliga ist Red Bull Salzburg national weiter das Maß der Dinge. Vier Mal in Folge wurde der Klub Meister, auch in dieser Saison führt die Elf von Trainer Marco Rose die Tabelle mit zehn Punkten Vorsprung vor Sturm Graz an, hat das mit Abstand beste Torverhältnis und überstand die Gruppenphase der Europa-League mühelos.

Salzburg presst den Gegner auf dem Feld früh und aggressiv, spielt durchaus einen attraktiven Fußball, der auch den BVB am Abend vor Probleme stellen könnte. Rose war im November sogar als Nachfolger von Peter Stöger beim 1. FC Köln gehandelt worden. Trotzdem gingen die Zuschauerzahlen in Salzburg zuletzt drastisch zurück: von durchschnittlich über 16.000 in der Debütsaison nach der Neugründung 2005/2006 auf 6.700 in der aktuellen Spielzeit. Die grandiosen Spieler, die die Leute ins Stadion lockten, kicken nun in Leipzig.

Weniger Zuschauer als in der Regionalliga

Zum Pokalspiel gegen Austria Klagenfurt kamen in der vergangenen Woche nur 1536 Menschen ins 30.000 Zuschauer fassende EM-Stadion von 2008 - zur zweiten Mannschaft von Borussia Dortmund, die in der Regionalliga West spielt, kommen durchschnittlich 80 Zuschauer weniger. Red Bull Salzburg denkt daher sogar darüber nach, das Stadion zu verkleinern.

Doch auch in Sachsen sind die Zuschauerzahlen nicht mehr so hoch wie in der Vorsaison. Noch ist Leipzig das liebste Spielzeug von Red Bull: ein lukrativer Standort in einer finanziell gut aufgestellten Liga.

Was passiert jedoch, wenn der österreichische Brause-Produzent irgendwann noch einen besseren Standort finden sollte? In der Premier League zum Beispiel. Aktuell gebe es solche Pläne nicht, sagt Mateschitz. Aber auch Red Bull Salzburg hatte vor Jahren noch von großen internationalen Erfolgen geträumt und wurde dann zum Spieler-Lieferanten.

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
doppelnass 08.03.2018
1. Kaum
Kaum kann man nix negatives über die Bayern schreiben, ist wieder der andere böse Club dran. By the way: Andere BuLi Clubs parken ihre jungen Talente auch woanders, damit sie langsam entwickelt werden.
aurichter 08.03.2018
2. Irgendwie witzig
u.a. die Aussage, dass früher bei den Spielertypen mehr Zuschauer gekommen sind. Jetzt führt der Verein die Tabelle wieder mit 10 Punkten Vorsprung an, hat die Gruppenphase souverän überstanden in der EL und hat somit Erfolge vorzuweisen! Was wollen die Ösis denn? Spieler vom Schlage eines Messi oder Ronaldo, der dann noch mehr Buden macht und die Operettenliga noch eintöniger macht? So schlecht kann also der Kader nicht sein, wenn man dazu im Vorfeld auch schon versucht dem BVB ein Huuh entgegenzuschleudern. Aber so schnell langweilt sich der verwöhnte Salzburger, da muss jetzt auch schon der CL Titel her! Sie sind schon lustig die Ösis :-)
Ignorant00 08.03.2018
3. Und recht haben Sie!
Zitat von doppelnassKaum kann man nix negatives über die Bayern schreiben, ist wieder der andere böse Club dran. By the way: Andere BuLi Clubs parken ihre jungen Talente auch woanders, damit sie langsam entwickelt werden.
Was soll man denn auch positives über den Niedergang des Fußballs schreiben? Chinesen, Russen, Araber und Amis beherrschen die Premier League..... sind ja alles große Fußballnationen, denen es um den Sport geht ;-) Ich glaube der Fußball wird gerade vor die Wand gefahren. Vielleicht hat Rummenigge recht und es kommt nochmal ein riesengroßer Fernsehvertrag, aber das könnte dann auch der letzte gewesen sein. Ich habe mein Sky Abo schon reduziert auf nur noch Buli und nicht mehr international. Aber nächste Saison gebe ich es ganz dran. Bestelle mir nur noch den Sender meines Vereins (dann muss ich zwar zeitversetzt schauen, aber ist mir aktuell auch schnuppe).
_spiegelvorhalter 08.03.2018
4. Wettbewerbsverzerrung?
Gehört zum Gedanken eines freien Wettbewerber-Marktes nicht auch zwingend die Option, dass ein Marktteilnehmer „Nein!“ sagen kann? Das scheint bei 20:0 Transfers doch wohl nicht gegeben. Warum unternimmt niemand etwas gegen diese Wettbewerbsverzerrung? Ach so, wäre ja die UEFA, die was tun müsste...
Mittmett 08.03.2018
5.
Es ist doch alles andere als eine Überraschung, dass Salzburg zu einer Art Ausbildungsverein für Leipzig geworden ist. Es war doch schon vor Jahren, als RB noch in der dritten Liga kickte, die Rede davon, wie der Plan von Mateschitz aussieht: RB Leipzig soll das Flaggschiff sein, in der Champions League mitspielen und idealerweise sogar ein Kandidat für den Titel werden. Salzburg soll als Talentschmiede fungieren und dafür das ordentliche, aber europäisch sicher nicht hochklassige Niveau der österreichischen Liga nutzen - eine Art Premium-U23. Der Standort in New York soll langfristig vor allem ein Hafen für altgediente Stars werden, die nicht mehr das allerhöchste Niveau in der CL mitgehen können. Dazu gibt es in Brasilien und Ghana je ein Team, das zur regionalen Talentförderung dienen soll. Und in Österreich gibt es mit Liefering und Pasching zusätzlich noch zwei Clubs, die als Farmteams bzw. Kooperationspartner ebenfalls der Talentförderung für Salzburg dienen. Die Idealtypische Karriere eines RB-Spielers sieht quasi zwei Wege vor: Erster Ausgangspunkt sind Pasching, Liefering und die 2. Mannschaften von Salzburg und Leipzig, wo jeweils vor allem Talente gesichtet werden sollen. Wer sich als gut genug erweist, geht zu Salzburg um dort ins richtige Profigeschäft einzusteigen. Wer bei Salzburg herausstechen sollte, ist Kandidat für Leipzig, um das Ziel CL Titel zu erreichen. Wer dann seinen Zenit überschritten hat, geht nach New York um in der MLS die Karriere ausklingen zu lassen. Zweiter Ausgangspunkt sind die Teams in Brasilien und Ghana (und ggf. New York), wo große Talente nach Europa zu Salzburg oder direkt zu Leipzig transferiert werden. Danach ist der Weg bekannt. Es ist daher mitnichten so, dass RB ein Konstrukt aus zwei miteinander verflochtenen Vereinen ist, es sind vielmehr 7 Vereine (Leipzig, Salzburg, New York, Brasilien, Ghana, Liefering, Pasching), mit Leipzig im Zentrum.
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