Von Benjamin Knaack
Er sah elegant aus in seinem Maßanzug. Die schwarzen Haare ordentlich nach hinten gekämmt, zog Radamel Falcao die weinroten Kugeln aus dem Lostopf für die Gruppenphase der Europa League und hielt die Zettelchen mit den Teamnamen in die Kameras. Die Europa League - das ist seine Bühne. Zweimal hat er hier schon triumphiert, zweimal wurde er Torschützenkönig. Auch in diesem Jahr spielt er mit Atlético Madrid dort. Und die große Frage dabei lautet: Was macht dieser Mann noch in diesem Wettbewerb?
Radamel Falcao, 26 Jahre alt, 1,77 Meter groß, geboren in der kolumbianischen Stadt Santa Marta glänzt nicht nur als Losfee, sondern vor allem in Europas Strafräumen. Doch wenn in den Fußgängerzonen nach Top-Angreifern gefragt wird, dann fällt nicht sein Name, sondern der von Lionel Messi, Cristiano Ronaldo oder Zlatan Ibrahimovic. Falcao hat ein Problem: Die Bühne auf der er spielt, die Europa League, ist zu klein.
Am Donnerstagabend traf Atlético in der Gruppenphase auf Académica Coimbra. Und wie schon in den ersten drei Europa-League-Spielen der Saison fehlte der Stürmer im Aufgebot des spanischen Clubs. Er sei verletzt, hieß es diesmal. In dem international nur zweitklassigen Wettbewerb, in dem anstatt Manchester United oder Real Madrid nur Coimbra, Victoria Pilzen und Hapoel Tel Aviv vor Falcao zittern, fühlt sich der hochgelobte Profi offenbar nicht mehr wohl.
"Seine Tore sind unglaublich"
"Im Strafraum ist er der Beste der Welt", sagt der frühere Barcelona-Trainer Josep Guardiola. Und auch Fabio Capello, derzeit russischer Nationaltrainer, lobt: "Er ist ein phantastischer Stürmer, ohne Zweifel der beste überhaupt im Moment." Nur Messi habe ihn ähnlich beeindruckt. "Seine Tore sind unglaublich", jubelte sein früherer Coach bei Porto, André-Villas Boas.
Dessen Ex-Club, der FC Chelsea, soll bereits 2011 Interesse an Falcao gehabt haben. Schließlich verpflichtete Atlético Madrid den Kolumbianer für 40 Millionen Euro. Jetzt soll der komplette, bullige Stürmer wieder in den Fokus etlicher Top-Clubs gerückt sein. Weil er in dieser Saison noch nicht in der Europa League aufgelaufen ist, könnte er für einen zahlungskräftigen Champions-League-Teilnehmer schon im Winter hochinteressant werden. Bleibt er bis dahin ohne Einsatz, wäre Falcao nämlich in der K.o.-Runde der Königsklasse spielberechtigt.
Ein neuer Club bekäme einen Angreifer mit einem kraftvollen, körperlichen Spiel. Auch im technischen Bereich gibt es nicht viele, die besser sind. Traumtore sind bei Falcao keine Mangelware. 2011 gewann er mit dem FC Porto die Europa League und wurde mit 17 Treffern Torschützenkönig. Auch Madrid führte Falcao zum internationalen Titel. 3:0 gewann der Club das Finale gegen Athletic Bilbao. Die ersten beiden Tore des Spiels erzielte - natürlich - Falcao. Mit zwölf Toren sicherte er sich erneut die Torjägerkanone.
Wenn es wichtig wird, ist Falcao am Besten
Es war nicht das erste Mal, dass Falcao quasi im Alleingang ein Spiel entschied. Im Halbfinalrückspiel 2011 gegen den FC Villareal lag Porto zur Halbzeit 0:1 hinten, dann drehte der Kolumbianer auf: Innerhalb von nur 41 Minuten erzielte Falcao vier Tore, am Ende siegte sein Club 5:1. Beim Finalsieg mit Porto war er für den einzigen Treffer verantwortlich. Und dass er auch vor großen Clubs nicht halt macht, bekam der FC Chelsea im Supercup-Finale zu spüren: Mit einem Hattrick blamierte Falcao den Champions-League-Sieger. In wichtigen Partien ist er am Besten - gerade deshalb wäre er für die Champions League prädestiniert, denn dort sind Spieler gefragt, die riesengroßem Druck standhalten können.
In seiner Heimat wird Falcao der "Tiger" genannt und genießt hohes Ansehen, bei Porto taufte man ihn zur "blauen Rakete". In Interviews gibt Falcao gerne den demütigen Spieler: "Das ist mehr als ich mir jemals hätte erträumen können", sagte er nach dem Supercup-Sieg gegen Chelsea. Nach seinem zweiten EL-Triumph sagte er: "Ich bin dankbar für diesen Moment, den nur wenige Spieler erleben dürfen", um dann zu fragen: "Was will man mehr vom Leben?"
Vor der laufenden Saison galt es als sicher, dass Falcao den Club verlässt. "Wenn wir die Qualifikation für die Champions League nicht schaffen, werden wir ihn kaum halten können", hatte Club-Manager Miguel Ángel Gil Marín am Ende der vergangenen Spielzeit gesagt. Madrid verpasste den Einzug in die Königsklasse - und schon gingen die Spekulationen los. Barcelona, Manchester City, Real Madrid, vor allem aber Chelsea - alle waren an ihm interessiert. Doch Falcao blieb in Madrid. Und in der Europa League.
So sehr sich die Uefa auch bemüht, diesen Wettbewerb zu vermarkten - das Ansehen der Champions League ist einfach viel größer. Das lässt sich schon alleine an den Prämien ablesen: Während die Clubs in der Gruppenphase der Champions League 8,6 Millionen Euro bekommen, gibt es in der Europa League 1,6 Millionen Euro. Wenn Falcao in die erste Riege der europäischen Top-Stürmer vorstoßen will, muss er in die Königsklasse.
Vor kurzem wurde Barcelona-Profi Andrés Iniesta zum besten Fußballer Europas gekürt. Sein Vereinskollege Messi wurde Zweiter. Real-Star Ronaldo Dritter. In den Top Ten tummelten sich zudem Xavi (Barcelona), Iker Cassilas (Real Madrid), Petr Cech (Chelsea). Sie sind mit ihren Clubs Stammgäste in der Königsklasse. Falcao (noch) nicht.
Bei der Wahl landete der Kolumbianer auf dem achten Rang.
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