Torlinientechnik bei der Euro 2016 Premiere auf europäischer Bühne

Bei der EM in Frankreich wird erstmals die Torlinientechnik bei einem Uefa-Wettbewerb genutzt. Warum hat sich der Verband so lange dagegen gesträubt? Was passiert mit der Champions League? Und wie funktioniert die Technologie? Die Antworten.

Drin: Die Uhr zeigt dem Schiedsrichter an, wenn der Ball die Torlinie überquert hat
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Drin: Die Uhr zeigt dem Schiedsrichter an, wenn der Ball die Torlinie überquert hat

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Ist die Anwendung der Torlinientechnik eine Premiere?

In Wettbewerben der Uefa: ja. Beim Eröffnungsspiel der Europameisterschaft zwischen Frankreich und Rumänien in Paris (10. Juni, 21 Uhr) wird dem Schiedsrichterteam erstmals in der Uefa-Geschichte das technische Hilfsmittel bei der Entscheidung "Tor oder nicht?" zur Verfügung stehen. Bisher hatte sich die Uefa und vor allem ihr suspendierter Präsident Michel Platini gegen die Technik eingesetzt. Nun fand ein Umdenken statt: "Es wird uns helfen. Es ist Teil der Welt, in der wir leben", sagte Uefa-Generalsekretär Gianni Infantino über die Einführung.

In der Bundesliga wird die Technik seit der aktuellen Saison genutzt. Auch außerhalb Deutschlands findet die Technologie schon länger Anwendung: Die Premier League nutzt sie seit 2013. Die Fifagriff bei der Weltmeisterschaft 2014 auf die technische Hilfe zurück.

Wird die Technik auch im Europapokal eingesetzt?

Ja, aber die Champions League wird den Vortritt erhalten. In der "Königsklasse" soll ab der kommenden Saison die Torfrage im Zweifelsfall durch Torlinientechnologie beantwortet werden. "Wir haben uns einstimmig dafür entschieden", sagte Infantino: "Das wird jeden Zweifel über die Frage nach Tor oder Nicht-Tor beseitigen. Wir müssen in die Zukunft schauen." In der Europa League wird ein Einsatz noch geprüft, aber es heißt, dass die technische Hilfe auch dort ein Jahr später eingeführt werden soll.

Was sprach bisher gegen die Technik aus Uefa-Sicht?

Die Uefa hatte bisher Kostenfragen stets als Hemmnis für die Torlinientechnik angeführt. Gerade in den Europacupwettbewerben steht der Verband vor einer Herausforderung: Es müssten rund 80 Arenen mit der Technik ausgestattet werden. Aus diesem Grund wurde wohl die Einführung in der Europa League um mindestens eine Saison hinausgezögert.

Aber auch Platini galt als großer Gegner der elektronischen Hilfsmittel auf dem Fußballplatz. Stattdessen führte die Uefa zwei Torassistenten ein, die das Geschehen in den Strafräumen im Blick haben sollen. Diese soll es auch weiterhin geben.

Welche Technik soll eingesetzt werden?

Darüber will die Uefa in Kürze entscheiden, aktuell steht der Systemlieferant noch nicht fest. Es gibt mehrere Möglichkeiten: In der Bundesliga kommt seit der laufenden Saison das britische Kamerasystem "Hawk-Eye" zum Einsatz. Neben dem "Hawk-Eye" arbeitet auch das Modell "GoalControl" mit Kameras. Es stammt aus Deutschland und wurde unter anderem bei der WM 2014 verwendet.

Außerdem gibt es noch die ebenfalls in Deutschland entwickelten Technologien "GoalRef" und "Cairos", die beide mit elektromagnetischer Induktion arbeiten. Vereinfacht wurde dieser Ansatz als "Chip im Ball" bekannt. Spulen im Ball erzeugen dabei ein Magnetfeld, das beim Überqueren der Linie mit einem anderen, durch Spulen in den Torpfosten und der Latte hergestellten Feld interagiert.

Was kostet die Technik?

Das "Hawk-Eye"-System kostet in Deutschland jedem Verein rund 135.000 Euro pro Saison, das entspricht 8000 Euro pro Heimspiel. Noch ist nicht bekannt, in welcher Höhe sich die Uefa an den Kosten im Europapokalpokal beteiligen wird.

Wie funktioniert das Hawk-Eye in Deutschland?

In jedem Bundesligastadion sind 14 Hawk-Eye-Kameras installiert worden. In der Regel wurden diese am Stadiondach montiert. Für jedes der beiden Tore gibt es sechs Messkameras, die die Bewegung des Balls in Tornähe erfassen. Mittels Triangulation kann die Position des Balls mit einer Fehlertoleranz von fünf Millimetern in Echtzeit festgestellt werden.

Registriert das System, dass der Ball die Torlinie mit vollem Umfang überquert hat, wird der Schiedsrichter automatisch informiert - durch ein akustisches Signal, das an seinen Kopfhörer übertragen wird. Das soll innerhalb von einer Sekunde erfolgen. Zur Sicherheit vibriert auch noch die Armbanduhr des Unparteiischen und zeigt das Wort "Goal" auf dem Display an.

Zusätzlich zu den insgesamt zwölf Messkameras gibt es für jeden Strafraum auch noch eine Replay-Kamera. Sie ermöglicht es, für Stadionbesucher und Fernsehzuschauer einen kurzen Film zu zeigen, der dokumentiert, ob der Ball die Linie überschritten hat oder nicht.

Warum immer wieder Debatten über die Torlinientechnik?

In Deutschland hatte das zu Unrecht gegebene "Phantomtor" von Bayer Leverkusens Stefan Kießling im Jahr 2013 Diskussionen über die Einführung der Technik ausgelöst. Bereits zuvor gab es immer wieder Streitfälle über "Tor" oder "Nicht-Tor": Frank Lampards nicht gegebener Treffer gegen Deutschland bei der Weltmeisterschaft 2010 oder das verwehrte Tor von Mats Hummels im Pokalfinale 2014 gegen Bayern München. Auch die Rechtmäßigkeit des legendären Wembleytores von Geoff Hurst für England im WM-Finale 1966 gegen Deutschland ist bis heute nicht geklärt.

Ist das Thema Technik im Fußball damit abgeschlossen?

Mit der Uefa hat nun ein weiterer großer Verband nachgezogen und die Torlinientechnik eingeführt. Noch existiert allerdings keine akzeptierte Technologie, um etwa Abseitssituationen oder Zweikämpfe im Strafraum technisch zu erfassen. Hier wird es auch künftig Diskussionsbedarf geben.

Mit Material von dpa und sid

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
1940fischer 22.01.2016
1. muss das sein?
so eine komplizierte Technik! Die Ergebnisse sehen sehr unreal- um nicht zu sagen- nachbearbeitet aus. Und dann auch noch so unverhältnismäßig teuer!!! ich denke, eine einfache Linienkamera über dem Tor wurde völlig reichen.
joen 22.01.2016
2. Regelwerk: Umfang / Durchmesser
Hey, https://de.m.wikipedia.org/wiki/Kreis Bitte schauen sie sich den Unterschied zwischen Umfang und Durchmesser an. ;) Lg Joe
1940fischer 23.01.2016
3. Muss das sein?
so eine komplizierte Technik! Die Ergebnisse sehen sehr unreal- um nicht zu sagen- nachbearbeitet aus. Und dann auch noch so unverhältnismäßig teuer!!! Ich denke, eine einfache Linienkamera über dem Tor reicht völlig aus.
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