Aus Leipzig berichten Rafael Buschmann und Peter Ahrens
Der Satz gehört zu den Klassikern des "Kaisers", er ist längst ein Zitat der Fußballgeschichte. Nach dem WM-Titel 1990 prognostizierte Franz Beckenbauer dem deutschen Fußball Unschlagbarkeit über Jahre, weil "jetzt auch noch die Fußballer aus dem Osten dazukommen". Es ist nicht die einzige Aussage Beckenbauers, die sich anschließend als falsch erwies.
Seit nunmehr 16 Jahren wartet eine deutsche Nationalmannschaft auf einen großen Titel. Und sollte es 2012 tatsächlich wieder einmal so weit sein, dann wird es weitgehend ohne Fußballer aus dem Osten Deutschlands passieren.
Wenn die DFB-Elf am Abend zum letzten EM-Testspiel gegen Israel (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) in Leipzig in einer Stadt in Ostdeutschland antritt, tut sie dies mit lediglich zwei Spielern im Kader, die im Osten aufgewachsen sind: der Dortmunder Marcel Schmelzer und Bayern-Profi Toni Kroos.
Die Ost-Quote bei Europameisterschaftsturnieren ist damit so niedrig wie nie seit der Einheit. Noch bei der vergangenen EM vor vier Jahren standen immerhin vier in der DDR geborene Spieler im Aufgebot (René Adler, Michael Ballack, Clemens Fritz und Tim Borowski), im Jahr 2000 waren es sechs.
Schmelzer: "Rechtzeitig nach Dortmund gewechselt"
"Ich hab bei den DFB-Teams schon immer genau hingeschaut, wer aus dem Westen kam und wer aus dem Osten", sagte Schmelzer SPIEGEL ONLINE. Dass ihm als Ostdeutschen der Sprung in die Nationalmannschaft und in den EM-Kader gelungen sei, ist aus seiner Perspektive "vor allem Glück". Er sei "einfach rechtzeitig nach Dortmund gewechselt". Manch andere seiner alten Kumpels aus Ost-Zeiten hätten es dagegen höchstens in die zweite Liga geschafft, und selbst das sei schwer genug gewesen.
Die Nationalmannschaft hat die Integration der Migrantenkinder erfolgreich vollzogen, sie hat die Potentiale der Boatengs, der Özils und Khediras endlich erkannt und damit das nachgeholt, was andere DFB-Teams über Jahre und Jahrzehnte versäumt haben. Hier sind die gesellschaftlichen Realitäten irgendwann anerkannt worden. Dem deutschen Fußball und insbesondere der Nationalmannschaft hat dies extrem weitergeholfen.
Es scheint allerdings, dass die Integration des Ostfußballs derzeit hinterherhinkt. Die DFB-Elf von 2012 ist ein West-Team geworden. Dass Bundestrainer Joachim Löw aus einer Region stammt, die am denkbar weitesten vom Osten entfernt liegt, mag Zufall sein. Es ist ein beredter Zufall.
Schmelzer ist in Magdeburg aufgewachsen, Kroos in Mecklenburg-Vorpommern. Beide sind allerdings frühzeitig, in ihren Teenager-Jahren, zu Westclubs gewechselt. Hätten sie diesen Schritt nicht vorgenommen, da ist sich zumindest Schmelzer sicher, wäre die eigene Karriere anders verlaufen - mit Sicherheit weniger steil.
In den neunziger Jahren profitierte der DFB noch von den in der DDR ausgebildeten Spielern wie Matthias Sammer, Ulf Kirsten oder Thomas Doll, auch Michael Ballack gehörte später noch dazu. Danach brachen die DDR-geprägten Strukturen zusammen, erholt hat sich der Ostfußball letztlich bis heute nicht davon.
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