Zum Tod Eusébios Der Mann mit dem Hammerschlag

Eusébio gehörte zu den ganz Großen im Weltfußball, er stand auf einer Stufe mit Pelé und Franz Beckenbauer. Doch Freiheit und großes Geld blieben ihm in Portugal verwehrt - dort betrachtete man ihn als Volkseigentum. Ein Nachruf.

Von

Getty Images


Als die Bagger anrückten, weinte Eusébio. 2003 wurde das alte "Estádio da Luz" in Lissabon abgerissen. 50 Jahre nach der Grundsteinlegung verschwand das gigantische Stadion mit Platz für 120.000 Menschen. Benfica war hier zum europäischen Top-Club geworden - und Eusébio zur Legende. Nun weint die Fußballwelt um Eusébio, der im Alter von 71 Jahren an einem Herzstillstand starb.

"Immer ewig Eusébio", schrieb Portugals derzeitiger Starspieler Cristiano Ronaldo auf Twitter über den Mann, der einer der wenigen Ausnahmeathleten in der Geschichte seines Sports war, einer jener Spieler, die schon zu Lebzeiten als Idole verehrt wurden. Franz Beckenbauer gehört in diese Kategorie, Bobby Charlton, Pelé natürlich, und eben Eusébio. Der wuchtige Angreifer, torgefährlich wie kein zweiter europäischer Fußballer seiner Zeit, musste aber immer mit dem Makel leben, hinter Pelé nur als der zweitbeste Fußballer der Welt zu gelten.

Fotostrecke

11  Bilder
Stürmerstar Eusébio: Der Panther von Portugal
Geboren wurde Eusébio Ferreira da Silva als eines von neun Geschwistern am 25. Januar 1942 in Lourenço Marques, heute Maputo, Hauptstadt der damaligen portugiesischen Kolonie Mosambik. Dort spielte er für Sporting Lourenço Marques, einen Ausbildungsclub von Sporting Lissabon. Mit 18 ging er in die portugiesische Hauptstadt, allerdings zum Stadtrivalen Benfica. Um seinen Wechsel von Afrika nach Europa ranken sich bis heute Mythen.

"Der Junge ist Gold", soll Benfica-Trainer Bela Guttmann gesagt haben, als er Eusébio 1960 spielen sah. Zwar hatte Sporting ein Erstkaufsrecht, doch die Späher des Clubs hätten den Angreifer angeblich für nicht talentiert genug eingestuft, heißt es. Eine andere Geschichte erzählt davon, dass Eusébio von den Benfica-Verantwortlichen gekidnappt und so lange bearbeitet wurde, bis er einen Vertrag unterschrieb. Am wahrscheinlichsten ist es, dass Benfica schlicht schneller war als alle anderen Clubs, und Eusébios Mutter (der Vater starb, als Eusébio fünf Jahre alt war) schon einen Kontrakt unterzeichnet hatte, als Sporting in Lourenço Marques vorstellig wurde.

Elf Meistertitel, fünf Pokalsiege, Europacup

Von 1961 bis 1975 ging Eusébio für Benfica auf Torejagd. In dieser Zeit holte er mit dem Club elf Meistertitel, fünfmal den nationalen Pokal und als Krönung 1962 den Europapokal der Landesmeister. Beim Finalsieg über das Starensemble von Real Madrid erzielte Eusébio die 4:3-Führung seines Teams und traf später zum 5:3-Endstand.

In 365 Pflichtspielen für Benfica gelangen Eusébio 373 Treffer. "Eusébios Tore, das sind Explosionen, Hammerschläge. Wenn er einen Alleingang vollzieht, tänzelt er nicht wie Pelé. Bei Eusébio ist es, als zöge er einen Feuerstreif über das Spielfeld, vor dem all seine Gegner schreckensbleich zurückweichen", schrieb Karl-Heinz Huba in seinem Buch "Die Großen im Sturm".

Den Vergleich mit dem Brasilianer Pelé musste Eusébio während seiner Karriere häufig ertragen. Pelé führte sein Land zu drei WM-Titeln (1958, 1962 und 1970), Eusébios größter Erfolg mit der Nationalmannschaft war der dritte Platz bei der Weltmeisterschaft 1966 in England. Er war der überragende Spieler des Turniers, wurde mit neun Treffern Torschützenkönig. Unvergessen ist sein Auftritt im Viertelfinale, als Portugal gegen Nordkorea 0:3 hinten lag, Eusébio mit vier Toren das Spiel drehte und den Treffer zum 5:3-Endstand vorbereitete.

In Mosambik wurde Eusébio verehrt

"Pelé Europas" tauften ihn damals die Journalisten. Der Geadelte wehrte sich vehement und flehte: "Bitte nennt mich nicht so. Pelé ist Pelé. Mein Name ist Eusébio." Den Spitznamen wurde er bald los, ein anderer begleitete ihn seit seinen Anfängen bei Benfica: "Pantera Negra", schwarzer Panther, wurde Eusébio ob seiner Schnelligkeit und Explosivität, gepaart mit großer Schusskraft sowie außergewöhnlichen technischen Fähigkeiten genannt.

Doch bei allem sportlichen Erfolg war Eusébios Kampf nicht nur einer um Tore und Siege, sondern auch um Anerkennung und Geld. In Portugal wurde er geachtet, aber von der herrschenden weißen Klasse der portugiesischen Diktatur immer auch als Afrikaner betrachtet. In seinem Geburtsland wurde er hingegen als Held verehrt, der es durch den Fußball zu Wohlstand und Ruhm gebracht hatte.

Allerdings verdiente Eusébio nur einen Bruchteil dessen, was Pelé, Beckenbauer und Charlton einstrichen. Benfica bezahlte seinen Ausnahmefußballer nicht nur vergleichsweise schlecht, sondern verhinderte durch das Aufrufen irrwitziger Ablöseforderungen stets einen Wechsel Eusébios nach Spanien oder Italien, wo die Top-Clubs den Angreifer mit viel Geld lockten.

Dreimal sprach er bei Portugals Ministerpräsident António de Oliveira Salazar vor, um das Land verlassen zu dürfen. Doch der Diktator lehnte jedes Mal mit dem Hinweis ab, Eusébio gehöre dem portugiesischen Volk.

"Wenn ich zu Inter Mailand hätte wechseln dürfen, hätte ich mir den größten Platz von Lissabon kaufen können", sagte Eusébio nach seiner Karriere, an deren Ende er durch die USA und Kanada tingelte. Es ist einer von wenigen kritischen Sätzen des Idols. Groll auf Benfica äußerte er fast nie, zumindest nicht öffentlich. Dem Club blieb er auch nach seiner Karriere treu, arbeitete im Verein als Nachwuchs- und Co-Trainer sowie als Berater.

Eusébio, der seit 1965 verheiratet und Vater zweier Töchter war, wusste, was er dem Fußball zu verdanken hatte. In einem Interview mit der "Welt" sagte er einmal: "Wir Spieler sind sterblich, aber der Fußball nicht."

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ladozs 05.01.2014
1. unvergessen
An seine Auftritte bei der WM´66 kann ich mich noch entfernt erinnern; es geisterte auch ein legender Schuss auf´s Tor durch die damalige Medienlandschaft, bei dem die hölzerne Torlatte der Wucht nicht stand hielt und einfach zerbarst!
ginotico 05.01.2014
2. Lebende Legenden
Bei einer Aufzählung der lebenden Legenden auf Maradona zu verzichten, ist schon ein starkes Stück.
restauradores 05.01.2014
3. Ja, und was ist mit Zico und Sokrates?
Zitat von ginoticoBei einer Aufzählung der lebenden Legenden auf Maradona zu verzichten, ist schon ein starkes Stück.
Sergei Bubka, Rahn... Ach ja, die haben alle nicht bei einer WM mit der Hand ein Tor erzielt. Ok, es war nicht das entscheidende und das 2:0 von Maradona war sehr aussergewöhnlich. Aber wer weiss wie es verlaufen wäre, wenn... Weltmeister wurde Argentinien, 3:2 gegen Deutschland!
Christian O. 05.01.2014
4.
Zitat von ginoticoBei einer Aufzählung der lebenden Legenden auf Maradona zu verzichten, ist schon ein starkes Stück.
Maradona best player ever
mrs.cheekyhobson 05.01.2014
5.
DEP Eusébio !
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.