Frage: Welche Erinnerungen haben Sie eigentlich an das Meisterschaftsfernduell mit Bayer Leverkusen vor zehn Jahren?
Jancker: Wir führten schnell 3:0 gegen Bremen, ich habe selbst zwei Tore geschossen, musste dann aber wegen Rückenproblemen kurz vor der Pause ausgewechselt werden. In Unterhaching fiel bald das Tor für die Spielvereinigung und ich saß in der Kabine und habe gezittert vor Aufregung...
Frage: Moment mal, Sie saßen in der Kabine?
Jancker: Gerade als ich aus der Dusche kam, fiel das zweite Tor für Unterhaching durch Oberleitner. Da bin ich aus Aberglauben alleine in der Kabine geblieben und habe den Rest der zweiten Halbzeit im Fernseher gesehen.
Frage: Sie machen Witze...
Jancker: Das ist die volle Wahrheit. Als in Unterhaching Schluss war und bei uns das Stadion explodierte, bin ich wieder auf den Rasen gerannt, wo schon alle ganz besoffen vor Glück waren.
Frage: Auch ein Jahr später gewannen Sie die Meisterschaft erst am letzten Spieltag.
Jancker: Diese Saison war ja einfach nur verrückt. Am vorletzten Spieltag verlor Schalke, wir gewannen durch ein Tor kurz vor dem Abpfiff gegen Kaiserslautern und brauchten am letzten Spieltag gegen Hamburg nur ein 0:0, um Deutscher Meister zu werden. Als Barbarez vier Minuten vor dem Ende traf, war alles in mir wie tot. Der Olli Kahn schrie zwar immer wieder: "Noch vier Minuten, noch vier Minuten!", aber eigentlich war mir klar, dass wir die Meisterschaft verspielt hatten.
Frage: Und dann gelang Patrick Andersson der legendäre Treffer nach einem indirekten Freistoß...
Jancker: ...und plötzlich durchströmte mich diese unglaubliche Euphorie, die ich dann wieder irgendwie bremsen musste, weil vier Tage später das Champions-League-Finale gegen Valencia anstand.
Frage: Was Ihnen 2001 mit dem Gewinn der Champions League gelang, war zwei Jahre vorher noch dramatisch gescheitert. Hören Sie eigentlich immer noch das Geräusch, wie der Ball 1999 im Finale gegen Manchester United in Barcelona nach Ihrem Fallrückzieher gegen die Latte klatscht?
Jancker: Nicht mehr. Aber dieses Spiel hat mich noch monatelang verfolgt. Andere konnten damit besser umgehen. Ich nicht.
Frage: Man hat Ihnen wegen Ihres äußerlichen Erscheinungsbilds Zeit Ihrer Karriere vorgeworfen, Sympathien für Rechtsradikalismus und Neonazis zu hegen. Wenn Sie noch mal die Gelegenheit dazu hätten: Wie würden Sie heute auf diese Vorwürfe reagieren?
Jancker: Wahrscheinlich würde ich früher versuchen, mich in aller Deutlichkeit davon zu distanzieren. Eines würde ich allerdings nie wieder machen.
Frage: Was?
Jancker: Mir die Haare wachsen zu lassen, weil andere es wollen. Nie wieder.
Frage: Warum?
Jancker: Weil das meine persönliche Entscheidung ist und es jedem selbst überlassen sein sollte, wie er sich die Haare wachsen lässt.
Frage: Tatsächlich hat auch Ihr berühmter Torjubel, der Ring-Kuss, anfangs Aufsehen erregt...
Jancker: Allerdings ist die Geschichte immer falsch erzählt worden. Als ich mein allererstes Tor für den FC Bayern schoss, habe ich gejubelt, in dem ich zwei Finger nach oben streckte. Da wurde mir gleich vorgeworfen, das sei ein versteckter Hitler-Gruß. Das ist aber Quatsch.
Frage: Die Gelegenheit zum Jubeln hatten Sie bei Ihrem kurzen Aufenthalt in China allerdings nicht. Die Statistik weist elf Ligaspiele ohne Torerfolg aus. Wie kam der Wechsel zu Shanghai Shenhua überhaupt zustande?
Jancker: Das können Sie sich doch denken. Es gibt nicht viele Gründe, um nach China zu wechseln. In Kaiserslautern musste ich meine Koffer packen und aus China lag ein ziemlich gutes Angebot. Da fiel die Entscheidung ziemlich leicht.
Frage: Was wird jetzt aus Ihnen?
Jancker: Ich mache meinen A-Lizenz-Trainerschein, frische meine Englischkenntnisse auf und trainiere eine U-14-Auswahl bei uns im Ort.
Frage: Was ist denn Carsten Jancker für ein Trainer?
Jancker: Schwer zu sagen.
Frage: Warum?
Jancker: Ganz einfach: Ich habe erst zwei Übungseinheiten hinter mir.
Das Interview führte Alex Raack
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