Ex-Bundesligaprofi Fjørtoft "Uns fehlt das Talent, so einfach ist das"

Jan Åge Fjørtoft ist der wohl bekannteste Norweger, der in der Bundesliga gespielt hat. Vor dem Länderspiel gegen Deutschland verrät er im SPIEGEL-ONLINE-Interview, wieso sein Land trotz mieser Bilanz fußballverrückt ist, was die Engländer damit zu tun haben - und was er an Felix Magath mag.


SPIEGEL ONLINE: In der WM-Qualifikation rangiert Ihr Land hinter Island und Mazedonien, im vergangenen Jahr wurde nicht ein einziges Spiel gewonnen. Ist Norwegen denn wirklich so schlecht?

Fjørtoft: 2008 war schon sehr schwach. Jetzt hoffen wir auf unseren Interimstrainer Egil Olsen, unseren Talisman, der in den Neunzigern unser Erfolgstrainer war. Ihr habt doch da dieses Sprichwort: Die Hoffnung verschwindet ..., geht, ...

Ex-Frankfurter Fjørtoft (1998): "Die Hoffnung stirbt zuletzt"
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Ex-Frankfurter Fjørtoft (1998): "Die Hoffnung stirbt zuletzt"

SPIEGEL ONLINE: ... stirbt zuletzt?

Fjørtoft: Genau. Und jetzt schauen wir mal ein bisschen in die norwegische Geschichte, nur damit Sie nicht denken, dass wir fußballerisch traditionell so gut wie Brasilien sind. 1994 waren wir seit 38 Jahren erstmals für eine WM-Endrunde qualifiziert, 1998 waren wir dann wieder dabei. Das reicht schon, dass man noch heute von der goldenen Periode des norwegischen Fußballs spricht. Diese Generation - lassen Sie mich in aller Bescheidenheit sagen: meine Generation - hat dann irgendwann aufgehört.

SPIEGEL ONLINE: Und danach ging der Generationswechsel schief?

Fjørtoft: Dafür gibt es auch Gründe. Zu meiner Zeit spielten 20 bis 30 Norweger in der englischen Premier League. Wir Norweger galten als motiviert und fleißig, als Leute mit einer guten Einstellung. Und als billig. Ende der Neunziger, als in der Nationalmannschaft der Umbruch begann, waren dann aber nur noch vier oder fünf Norweger in England.

SPIEGEL ONLINE: Woran lag das?

Fjørtoft: Heute können die Engländer und die Deutschen von überallher billige Spieler kaufen. Und im Vergleich zu denen fehlt uns Norwegern oft das Talent. So einfach ist das.

SPIEGEL ONLINE: In einem Land wie Norwegen, das so auf den englischen Fußball konzentriert ist, muss es hart sein, dass dort kaum noch Landsleute auf dem Rasen stehen. Woher kommt denn das Faible für die Premier League?

Fjørtoft: Anfang der Neunziger gab es nur einen Kanal in Norwegen, und der hat englischen Fußball gezeigt. Seit 1969 wird in Norwegen um vier Uhr nachmittags das Spiel des Tages präsentiert - das englische wohlgemerkt, nicht das norwegische. Wahrscheinlich gilt es seither als Luxusartikel. In Norwegen wohnen vier Millionen Menschen -, Manchester oder Liverpool haben aber 30.000 bis 40.000 offiziell registrierte norwegische Fans. Ich war kürzlich mal an der Anfield Road, im Stadion waren sicher 3000 bis 4000 Landsleute.

SPIEGEL ONLINE: Deutsche Fußballtouristen berichten, dass selbst beinharte Fans von Rosenborg Trondheim oder Brann Bergen in Freundschaftsspielen gegen englische Mannschaften überlaufen und plötzlich Liverpool gegen ihr eigenes Team unterstützen. Stimmt das?

Fjørtoft: Leider. Und das ist nicht nur komisch, das ist fast pervers.

SPIEGEL ONLINE: Zumal es die Rahmenbedingungen für die heimische Liga nicht leichter macht, oder?

Fjørtoft: Wir sollten uns nicht beschweren. Norwegen ist eine fußballverrückte Nation, die Zeitung ist jeden Tag voll mit Fußballmeldungen. Wir haben es außerdem geschafft, dass viel Geld in diesem reichen Land in den Fußball fließt. Ohne dass ich jetzt die Hintergründe in München kennen würde - aber bei uns würde so ein Investment, wie es bei 1860 geplant war, immer durchgewunken. Wir haben so zehn bis zwölf neue Stadien bekommen, und die Zuschauerzahlen haben sich fast verdoppelt. Schade, dass wir im Europacup oder mit der Nationalmannschaft dadurch auch nicht besser werden.

SPIEGEL ONLINE: Es dürfte schwierig werden, zu Europas Spitze aufzuschließen, solange in Norwegen, wo die Saison von Mitte März bis Anfang November geht, über vier Monate lang kein Fußball gespielt wird

Fjørtoft: In Oslo sind gerade minus 15 Grad - wir hätten wirklich auch gerne besseres Wetter. Aber Sie haben Recht: Norwegische Teams müssen derzeit noch einen Monat, nachdem ihre Saison vorbei ist, in der Champions League spielen, das ist ein ziemlicher Nachteil. Paradoxerweise machen wir dann auch noch ausgerechnet im Sommer, wenn man gut spielen kann, eine kleine Pause. Aber ich will jetzt mal wieder was Positives sagen.

SPIEGEL ONLINE: Nur zu.

Fjørtoft: Ihr Deutschen habt doch diesen Spruch: "Die Straßenfußballer sterben aus." Da kann ich nur sagen: Bei uns nicht. Wir haben flächendeckend rund vierhundert kleine beheizte Kunstrasenplätze übers Land verteilt. Und die Jugendlichen spielen wie verrückt darauf. Als ich am Montag von Oslo nach Düsseldorf geflogen bin, habe ich nach dem Abheben aus dem Fenster geschaut: das ganze Land dick verschneit, und dazwischen immer wieder diese kleinen leuchtend grünen Rechtecke. Und auf denen wird überall gekickt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn all die Straßenfußballer groß sind, kommt es vielleicht zur zweiten goldenen Periode des norwegischen Fußballs.

Fjørtoft: Aber nur, wenn wir auch bereit sind, dazuzulernen. Es ist ja kein Zufall, dass wir schlechter sind. Insofern sind wir gut beraten, uns einiges bei den Ländern abzuschauen, die besser sind. Beim DFB scheint man da mittlerweile eine ähnliche Einstellung zu haben. In Deutschland hat man so lange Erfolg gehabt, dass man vor ein paar Jahren vielleicht ein bisschen eingeschlafen war.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem gilt die Bundesliga europaweit als zweitklassig.

Fjørtoft: In fünf, sechs Jahren könnte Deutschland Spitze sein. In England sind im Moment die Investoren aus Amerika drin, die müssen erst pleite gehen, dann die Araber, die gehen nie pleite, aber werden vielleicht auch bald genug vom Fußball haben. Möglich, dass die Top-Spieler, die heute nach Italien oder England gehen, dann in die Bundesliga kommen.

SPIEGEL ONLINE: Aus der Bundesliga sind in den vergangenen Jahren einige Spieler nach Norwegen gekommen. Den meisten von ihnen scheint es dort gut gefallen zu haben.

Fjørtoft: Kein Wunder, die werden bei uns ja auch in Ehren gehalten. Ich habe als Manager von Lilleström Claus Reitmaier nach Norwegen geholt, da ist er mit fast 105 Jahren noch Torwart des Jahres in Norwegen geworden (lacht). Die Deutschen gelten eben als bereit, sich zu quälen, als Leute, die hart trainieren.

SPIEGEL ONLINE: Kein Wunder, dass Sie dieses Deutschlandbild haben - Sie haben in Frankfurt unter Felix Magath trainiert.

Fjørtoft: Und lustigerweise habe ich als Sportdirektor viel von ihm mitgenommen. Was ich gut finde bei ihm, ist, dass er seinen eigenen Weg geht - ohne Pulsmesser und Laktattest. Er vertraut nur seinen Augen. Magath ist eben Schüler eines meiner großen Favoriten, Ernst Happel. Und in dessen Schule hat er gut aufgepasst.

Das Interview führte Christoph Ruf



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