Ex-Profi Gascoigne: Ein ungesundes Maß an Chaos

Von Matthias Paskowsky

Paul Gascoigne fand sich auf dem Fußballplatz immer zurecht, außerhalb des Feldes war er dagegen unsicher und hilflos. Das Magazin "11 FREUNDE" zeichnet "Gazzas" Weg nach und beschreibt im zweiten Teil, wie der Kicker an den Mechanismen des Profi-Fußballs zerbrach.

Das ist der zweite Teil der Serie über den Abstieg Paul Gascoignes. Wenn Sie den ersten Teil verpasst haben, klicken Sie einfach hier.

Paul Gascoignes einzig wahrer Freund war der Ball, sagen sie in "Gazzas" Heimatort Dunston. Er musste auf sich selbst aufpassen und ist in keiner Rolle erfolgloser gewesen. Gascoignes Jugendtrainer Terry Ritson hat eine Ahnung, woran das gelegen haben könnte.

"Wann immer Paul über die weiße Linie trat, war er weg von dieser Welt. Fußball war sein totaler Fokus, sein Lebenselixier. Es war ihm egal, wo er für wen und gegen wen spielte. Die Dinge des täglichen Lebens bedeuteten ihm nichts. Einmal kam er aus Italien geflogen, weil er unserem Club einen Minibus sponsern wollte. Er drückte mir seine goldene Kreditkarte in die Hand. 'Paul, was soll ich damit?', hab ich gefragt. Ich musste das Auto schließlich bar bezahlen. 'Okay, Terry, kein Problem, komm morgen einfach ins Hotel, da hab ich einen Koffer mit Lira.' Am Ende hat uns seine Mutter einen Scheck ausgestellt. Er hatte keine Ahnung mehr vom täglichen Leben."

Profi Gascoigne: "Fußball war sein Lebenselixier"
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Profi Gascoigne: "Fußball war sein Lebenselixier"

Die frühe Profikarriere hat Gascoigne jenen Lebensabschnitt gekostet, in dem andere Menschen an den ersten ernsten Konflikten wachsen. Probleme wurden für ihn gelöst, seit er mit knapp 17 Jahren erstmals in der A-Mannschaft von Newcastle spielte. Jahrelang schien es, als würde sich Gascoigne die Gleichgültigkeit für alle Belange jenseits des Fußballs leisten können. Nach der WM 1990 floss das Geld in Strömen, sein Berater Mel Stein musste die meisten Angebote ablehnen. Alle Sponsoren wollten Gascoigne, was vor allem den englischen Fußballverband FA vor Probleme stellte, weil jener immer einen Bock schoss und die Auftraggeber mit hundertprozentiger Sicherheit düpierte.

Gascoignes Gleichgültigkeit in Bezug auf Verträge und Finanzen ging so weit, dass andere begannen, für ihn die Entscheidungen zu treffen. Die Transfers von Newcastle zu Tottenham und später zu Lazio gelten für viele Beobachter als Schlüssel für seinen Niedergang und den Weg an die Flasche. Weder London noch Rom, so die Argumentation der Zweifler, seien sichere Horte für einen naiven Jungstar aus dem Norden gewesen. Warum nur hat er seine Zusage an Alex Ferguson nicht eingehalten?

Der Trainer von Manchester United wundert sich noch heute darüber und gab sich zuletzt in einem Interview überzeugt, dass er Gascoigne auf die richtige Spur gebracht hätte. Der Erfolgscoach propagiert eine Theorie, die sich vieler Anhänger erfreut. Doch sein Erinnerungsvermögen scheint etwas getrübt, war Manchester United Ende der 80er doch nicht das solide Kraftwerk von heute. "Win or lose - hit the booze", war damals das Motto. "Sieg oder Niederlage - hoch die Tassen!"

Ferguson hat hart gegen die Trinkkultur innerhalb des Clubs ankämpfen müssen und sich dabei nur eingeschränkt talentiert gezeigt. Seine Auseinandersetzungen mit feierfreudigen Arbeitnehmern wie Norman Whiteside und Paul McGrath sind legendär und endeten erfolglos im Verkauf jener Spieler. Letzterer beging nach dem finalen Krach mit Ferguson gar einen Selbstmordversuch, um nur wenig später bei Aston Villa - noch mit verbundenen Handgelenken - in ganz neuer Blüte aufzuspielen. Ferguson verweist gerne darauf, dass bei ihm andere prominente Geordies, also Leute aus dem Nordwesten Englands, unter Vertrag standen, die Gascoigne mehr Halt gegeben hätten. Aus den Rückblenden taucht sein ehemaliger Kapitän Bryan Robson auf und damit jener Mann, den Gascoigne in seiner Biografie im Kontext der WM 1990 mit den Worten "Kannst du nichts mehr vertragen, Geordie-Bastard?" zitiert.

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Paul Gascoigne: Genial am Ball, hilflos im Leben

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