Ex-St.-Pauli-Profi Biermann "Ich wollte nur noch gehen"

Spielsucht, Depressionen - Andreas Biermann hat die Schattenseiten des Fußballs kennengelernt. Der ehemalige Profi des FC St. Pauli hat sogar versucht, sich das Leben zu nehmen. In seiner Biografie erinnert sich der 30-Jährige an den Tag, der eigentlich sein letzter sein sollte.

Fußballprofi Biermann: "Der Tod würde mich frühzeitig erlösen"
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Fußballprofi Biermann: "Der Tod würde mich frühzeitig erlösen"

Von Rainer Schäfer


Nachdem er seine Schulteroperation überstanden hat, wird Andreas Biermann über Monate nicht in den Kader berufen. Er fühlt sich überflüssig. Als der FC St. Pauli am 16. Oktober 2009 bei Rot-Weiß Oberhausen antritt, steht Biermann im Kader. Die Mannschaft reist schon einen Tag vorher an und übernachtet im Hotel, Biermann teilt sich ein Doppelbett mit Rouwen Hennings.

Der Stürmer schläft, Biermann liegt mal wieder wach und spielt bis 5 Uhr morgens auf dem Laptop Fußballmanager. "Ich bin davon ausgegangen, dass ich nicht spiele. Da war es egal, ob ich die halbe Nacht am Laptop spiele. Schlafen konnte ich ohnehin kaum noch", sagt er. Biermann wird überraschend eingewechselt, um die Defensive zu stärken, St. Pauli gewinnt. Er ist sechs Minuten lang dabei. "Das habe ich völlig emotionslos erlebt", sagt er.

"Was im Stadion los war, war mir völlig egal." Er feiert mit und fühlt sich dabei wie eine Puppe. Er tanzt nur mit, um nicht aufzufallen. Wenn die anderen in die Höhe springen, springt auch er hoch. Wenn die anderen singen, stimmt er mit ein. Es kommt Biermann so vor, als ob er sich zuschauen könne wie einem Fremden. Damals weiß Biermann noch nicht, dass es sein letztes Spiel als Fußball-Profi gewesen ist. Heute sagt er: "Es ist traurig, dass ich mein letztes Spiel so teilnahmslos erlebt habe. Obwohl wir gewonnen haben, konnte ich mich selbst beim Fußball nicht mehr freuen."

Nach dem Spiel fängt Biermann an zu pokern, obwohl er deprimiert ist, er verliert und zockt weiter. In den nächsten Tagen will er sich sein Geld zurückholen, er ist wie besessen davon und verliert wieder. Als er aufhört, hat er 20.000 Euro verspielt, die Ankaufsumme für das Grundstück, auf dem er seiner Familie das Haus bauen möchte.

"Ich wusste genau, dass er jetzt durchdreht"

Biermanns Frau Juliane stellt ihn zur Rede, sie spürt, dass ihr Mann verzweifelt ist. Unter einem Vorwand geht er zum Auto, er möchte seiner Frau die Kontoauszüge zeigen, die im Auto liegen, um sie zu beruhigen. Vorher holt er den Schlauch aus dem Hobbyraum. Biermann verlässt sein Reihenhaus in Schenefeld bei Hamburg, es ist 22 Uhr, am 19. Oktober 2009.

Juliane Biermann wartet drei, vier Minuten im Obergeschoss der Wohnung auf ihren Mann. Dann stürzt sie nach unten, eine schreckliche Ahnung hat sie ergriffen. Biermann hat seinen Wohnungsschlüssel hängen lassen, den er immer bei sich trägt, wenn er das Haus verlässt. "Ich wusste in dem Moment, dass er sich jetzt umbringen würde. Ich wusste genau, dass er jetzt durchdreht. Ich wusste, dass ich hinterher muss."

Biermann hat sofort sein Handy ausgeschaltet, was er selten macht. Juliane Biermann sucht verzweifelt nach ihrem Autoschlüssel, sie durchsucht Jacken und Taschen, alles fliegt durcheinander. Aber Biermann hat den Autoschlüssel seiner Frau mitgenommen, er möchte nicht mehr gestört werden. "Ich konnte gar nichts mehr, ich wollte nur noch gehen", erzählt Biermann.

Er fährt ungefähr 20 Minuten stadtauswärts durch die Gegend. An einer Tankstelle hält Biermann, er holt ein paar Dosen Whiskey-Cola und fährt ziellos auf einen abgelegenen Parkplatz in Wedel, der nahe an der Elbe liegt. Biermann ist sich sicher, dass ihn hier niemand finden wird. Er legt die CD ein, Philipp Poisel, die ihm beim Sterben helfen soll. Biermann denkt an seine Kinder, Talea, die im Winter zwei wird, und Niklas, sieben Monate alt, er denkt an seine Frau Juliane. Er hat keine Angst vor dem Tod, "er würde mich frühzeitig erlösen, von dem Mist, in dem ich steckte".

Innerlich längst gestorben

Was Biermann quält, ist vor allem der Gedanke an seine Kinder. "Sie sollten gut versorgt sein, niemand sollte mir böse sein", erzählt er. Immer wieder lässt er den Kopf aufs Lenkrad sinken. Die letzten Jahre ziehen vorüber, elf Operationen, das Knie fühlt sich noch einmal heiß und dick an. Jetzt haben die Bakterien seinen Kopf erreicht, wo sie wüten und alle Gedanken befallen.

Biermann tippt einen Abschiedsbrief ins Handy: "Ich bin so krank und leer, vom Teufel besessen, ich kann's mir nicht anders erklären. Ich konnte schon lange, lange keine wirkliche Freude, Trauer oder irgendetwas fühlen, ich war innerlich längst gestorben, konnte es aber verbergen. Ich hab schon seit über einer Woche nicht mehr geschlafen, immer wieder Gedanken und Vorwürfe im Kopf, ich find keine Ruhe mehr."

Inzwischen hat Juliane Biermann ihren Mann bei der Polizei als vermisst gemeldet, das Auto wird zur Fahndung ausgeschrieben. Bei der Polizei heißt es, dass Männer öfter mal für zwei, drei Tage verschwinden. Juliane Biermann ist sich sicher, dass ihr Mann nicht weggefahren ist, um wiederzukommen. Auf dem Laptop ihres Mannes findet sie E-Mails an erfolgreiche Pokerspieler. Die bittet er um Unterstützung, weil er Geld verspielt habe und seine Familie bedroht werde.

Immer wieder wählt sie Biermanns Nummer, das Handy ist nicht in Betrieb. Die Nacht vergeht, an Schlaf ist nicht zu denken. Es sind quälende Stunden, gegen sechs Uhr am 20. Oktober, es wird gerade hell, lässt Andreas Biermann den Motor an. Aber die Abgase, die er mit einem Schlauch ins Wageninnere leitet, sind zu schwach, um ihn zu töten. Irgendwann steigt Biermann aus und kippt um.

An diesem Morgen fährt Juliane Biermann mit einer Freundin zum Trainingsplatz des FC St. Pauli. Sie hat nichts von ihrem Mann gehört, wenn er nicht zum Training erscheint, wäre das die Gewissheit, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Es ist 9 Uhr, unauffällig wartet Juliane Biermann am Straßenrand, ihr Mann erscheint nicht. Als Marius Ebbers am Trainingsplatz vorfährt, hält sie ihn an. Der Stürmer ist einer der wenigen im Team des FC St. Pauli, zu dem Biermann regelmäßig Kontakt hält. Ebbers ist geschockt, damit hatte er nicht gerechnet. Biermann war immer sehr ruhig, aber auch sehr kontrolliert gewesen.

Später ruft Trainer Holger Stanislawski bei Juliane Biermann an, will wissen, warum Biermann unentschuldigt beim Training gefehlt habe. Juliane Biermann bricht am Telefon in Tränen aus, erzählt Stanislawski, was passiert ist. Kurz darauf meldet sich die Polizei, Biermann liegt im Koma auf der Intensivstation des Altonaer Krankenhauses. Er befindet sich in Lebensgefahr.

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JacksonBlood 15.03.2011
1. ^^
muss man nicht kennen, wenn man sich für Fussball nicht interessiert.
olegonassis 15.03.2011
2. nicht d'accord
Ihr Beitrag hat mich veranlasst mich anzumelden, da ich Ihnen in aller Deutlichkeit widersprechen muss. Meiner Ansicht nach stellt diese - mit Verlaub - "laxe" Haltung zu der Person Biermann und dem damit verbundenen Thema Suizid ein Problem unserer Gesellschaft dar. Mir ist ebenfalls aufgefallen, dass Beckmann, Sportstudio und div. andere Medien kurzfristig zu dem Thema berichtet haben. Einen Gefallen hat sich der junge Mann im Hinblick auf seine weitere Karriere jedenfalls nicht getan. Genau das dürfte ihm auch bewusst gewesen sein. Ich sehe sein Anliegen vielmehr darin, auf die Problematik einer Krankheit wie Depression i.V.m. Spielsucht und Leistungsdruck aufmerksam zu machen. Auch wenn er vielleicht ein paar Scheine mit dem Buch machen wird, kann man hier vermutlich nur von einer Aufwandsentschädigung sprechen. Das die Probleme einer Leistungsgesellschaft angesprochen werden, ist nach wie vor wichtig! Biermann ist eine der wenigen Personen, die diesen unbequemen Weg gehen. Und wenn da alle 6 Monate was zu erscheint: so what - dann finde ich kann man das mit entsprechendem Respekt zur Kenntnis nehmen und sich
jobie09 15.03.2011
3. der Fußball ..
Zitat von sysopSpielsucht, Depressionen - Andreas Biermann hat die Schattenseiten des Fußballs kennengelernt. Der ehemalige Profi des FC St. Pauli hat sogar versucht, sich das Leben zu nehmen. In seiner Biografie erinnert sich der 30-Jährige*an den Tag, der eigentlich sein letzter sein sollte. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,748498,00.html
... kann nichts dazu, aber der Druck, die Erwartungen, der eigene Anspruch und die ständige Präsenz in den Medien, die können sicher einen entsprechend disponierten Menschen diese schrecklichen Gedanken umsetzen lassen. Wie viele gehen einen ähnlichen Weg, kommen durch Suizid ums Leben und kaum jemand nimmt Notiz, weil es eben nicht ein irgendwie bekannter oder berühmter Mensch ist ? Ich wünsche Andreas Biermann und seiner Familie alles Gute, möge er mit der Krankheit umgehen können, hoffentlich komplett gesund werden können, bestimmt seiner Familie immer ein verantwortungsvoller Vater sein können.
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