Ex-Torwart Jürgen Pahl: "Ich bin ein optimistischer Apokalyptiker"

Viele Profis bleiben dem Fußball auch nach dem Ende der Karriere treu. Jürgen Pahl, der einst für Eintracht Frankfurt Bälle hielt, vollzog den totalen Bruch und zog nach Paraguay. In einem Beitrag für die "taz" erklärt der DDR-Flüchtling, wieso er Deutschland verließ.

Vorbemerkung: Pahl lebt seit sieben Jahren in Paraquay. Wir schickten ihm eine Botschaft, um zu fragen, ob er bei der WM (9. Juni bis 9. Juli) für Deutschland oder Paraguay sei. Und ob er glücklich geworden sei und in Südamerika den Sinn des Lebens gefunden habe. Zwei Tage später quoll ein etwa fünf Meter langes Fax aus dem Gerät. In Handschrift hatte Pahl Folgendes geschrieben:

Liebe taz,

"Es ist Liebe" heißt Ihr Magazin – aber ist es wirklich Liebe? Wo ist die Liebe in dieser Welt? Sie reduziert sich auf die sexuelle "Liebe" und die Liebe zum Geld, besser gesagt: die Gier. Und die Liebe zum Fußball? Es werden doch nur noch Millionen hin und her geschoben, bis einige Taschen voll sind. Für Spielergehälter von zwei bis sechs Millionen Euro oder mehr müsste selbst im "wohlhabenden" Westen ein durchschnittlicher Angestellter über 100 Jahre arbeiten. In Paraguay würde es sogar über 1000 Jahre dauern. Der erste Wikinger, der paraguayischen Boden betrat, hätte demnach bis heute durchmalochen müssen. Wenn er überhaupt Arbeit hätte.

Und Sie? Wie lange müssten Sie arbeiten? Der Fußballprofi identifiziert sich längst nicht mehr mit seinem Verein, trotz dieser Gehälter. Läuft's, dann läuft's, und ich lasse mich feiern. Läuft's nicht, auch egal, dann wechsle ich halt den Verein. Das ist kein Klischee, das ist ein Problem. Warum, frage ich, sollte ich heute noch Liebe zum Fußball haben? Warum sollte ich mit diesem Brief einen kostenlosen Beitrag leisten zu einem Ereignis, bei dem sich auch nur wieder einige wenige die Taschen voll machen?

Awacs-Flugzeuge und Terrorangst sind das Resultat weltweiter ungerechter Entwicklungen. Globaler verheerender Klimawandel ist die Folge der Ausbeutung dieser Welt. Wir haben schreiende soziale Ungerechtigkeit weltweit, völkerrechtswidrige Kriege mit verheerenden Folgen für Mensch und Umwelt, und der nächste Krieg wird psychologisch in den Köpfen der Massen schon vorbereitet. Das sind die Rahmenbedingungen dieser WM, die als Ablenkung gelegen kommt.

Seit sieben Jahren überwiegend in Paraguay und Brasilien lebend, sehe ich diese Entwicklungen mit Distanz und aus der Ferne. Mit Abstand betrachtet, sieht man bekanntlich alles klarer und realistischer. Ich war bis zu meinem 33. Lebensjahr "nur" Berufsfußballer. Ohne Uni-Ausbildung, doch immer politisch denkend und zur Philosophie neigend. Was ich tat, tat ich stets mit Herz und Überzeugung. 1989 war ich Gründungsmitglied der Profifußballer-Gewerkschaft VdV. Meine Motivation war die Bauherren-Affäre Anfang der Achtziger, bei der Frankfurter Spieler um eine Menge Geld geprellt wurden (ich auch).

Immer wenn es galt, für Gerechtigkeit zu kämpfen, war ich Feuer und Flamme. Zum Beispiel 1987, als ich mich als Mannschaftssprecher für meine Kameraden engagierte. Die fanden das super. Mir brachte es die Kündigung. Ich wurde für zwei Jahre in den Osten der Türkei verbannt. Mein damaliges Verhalten war eindeutig noch Auswirkung meiner Erziehung in der DDR, die vom Idealismus geprägt war. "Haben Sie Lust auf ein Abenteuer?" - "Ja, immer." Das war mein erster Kontakt mit Turjut Yilmaz, dem Präsidenten von Rizespor.

Yilmaz ist eine beeindruckende Persönlichkeit, die meine Eigenschaften sofort anerkannte und sich sehr korrekt verhielt. Er war der Erste im Fußballgeschäft – abgesehen von dem damaligen Eintracht-Präsidenten Achaz von Thümen –, mit dem mich eine geistige Freundschaft verband. Von ihm lernte ich, was die Welt zusammenhält. Damals dachte ich, Yilmaz neige zu apokalyptischen Anschauungen, mittlerweile haben sie sich bewahrheitet. Durch ihn bin ich ein optimistischer Apokalyptiker geworden, ein freidenkender Dissident, der in Paraguay lebt. In einem dünn besiedelten Land, zutiefst katholisch geprägt, mit zehn Prozent Reichen und 90 Prozent Rest.

Doch zum Glück ist das Land dünn besiedelt, und so können viele von Selbstversorgung leben. Da ich immer mehr Sympathie für die Armen hatte als für die Reichen, fühle ich mich hier recht wohl. Auch der Fußball ist noch ursprünglich. Aber in jeder großen Stadt gibt es gut organisierte Fußballschulen. Ohne Sponsoren, unentgeltlich, mit großem Zulauf und von erstaunlicher Qualität. Ein Land, das gerade mal so viele Einwohner hat, wie der DFB Mitglieder (und dazu noch Frauenüberschuss), ist jetzt zum dritten Mal hintereinander bei einer WM dabei. Das ist schon sehr beachtlich. Und das ohne aufgeblähte Trainerstäbe, ohne Angestellte für jeden Pipifax, ohne Mentaltrainer, Pressesprecher und was weiß ich.

Die Spielergehälter in der ersten paraguayischen Liga liegen bei 200 bis 1000 US-Dollar monatlich. Einige wenige Profis vom Spitzenclub Olimpia bekommen vielleicht 5000 US-Dollar. Die aktuellen Nationalspieler spielen daher größtenteils im Ausland. In Italien, Spanien, Mexiko und mittlerweile auch in Deutschland. Nicht nur weil ich jetzt hier wohne, sondern aus meiner Logik und meinem Herzen heraus hoffe ich, dass Paraguay das Griechenland dieser WM wird. Sie mögen diesen satten Ländern mal zeigen, dass es doch anders geht.

Auch bei einem Aufeinandertreffen mit Deutschland bin ich für Paraguay. In Bezug auf Fußball und Gesellschaft haben Sie in Ihrer Anfrage das Wort "modern" benutzt. Alle sprechen das Wort mit der Betonung auf der zweiten Silbe aus. Aber es gibt im Deutschen dieses Wort auch mit Betonung auf der ersten Silbe. Das hört sich völlig anders an. Vielleicht ist dieser Vorgang schon weiter fortgeschritten, als die meisten Menschen glauben. Zum Glück gibt es die Ignoranz. Die bewusste Ignoranz bei denen, die viel zu verlieren haben (Wirtschaftsführer, Politiker, Fußballer u. a. andere Wohlhabende), und die unbewusste, trägheitsbedingte, verursacht durch täglichen Existenzkampf und dauernde Berieselung, auch durch Fußball.

Der Idealist zählt in unserer Gesellschaft nichts mehr, wie der Mensch als Mensch nichts mehr gilt. Ihr kommt ja auch bald in das Wegwerfalter. Entschuldigung. Der Macher und Materialist ist gefragt, schlau, skrupellos ohne Visionen, außer sein Konto betreffend. Mir fällt es schwer, in einer solchen Gesellschaft zu leben. Speziell nachdem ich 1993 noch Einblick in meine Stasi-Akte nehmen durfte und danach die Entwicklung sah. Vor allem sah ich, wie die früheren Berichterstatter der Staatssicherheit aalglatt längst wieder Positionen in Politik und Sport einnahmen. Das ödete mich an. So sagte ich mir: Was sollst du dich ärgern in dieser miefigen, verlogenen Gesellschaft? Lebe, lebe für dein Leben.

Ich war 1976 gemeinsam mit dem späteren Bayern-Profi Norbert Nachtweih aus der DDR geflohen, bei einem Turnier in der Türkei. Aber wir, die eigentlich prädestiniert waren, etwas im Ost-Fußball zu bewegen, wurden nach dem Fall der Mauer konsequent gemieden. So ging ich 1998 in das Land, das nirgends liegt (aber trotzdem viel größer als Deutschland ist) und das für nichts bekannt ist, außer für ein relativ unbeschwertes Leben, in dem man seine Persönlichkeit noch ungestört entwickeln kann.

Sie haben mich gefragt, ob ich in Paraquay den Sinn des Lebens gefunden haben. Nein: Der Sinn des Lebens liegt nicht in Paraguay. Genausowenig wie er in Deutschland liegt. Er liegt in jedem selbst. Innere Entwicklung zur höheren Reife unseres Geistes und unserer Seele sind der einzige Sinn. Alles Materielle sollte uns nur die Basis sein, um dieses Ziel zu erreichen. Wenn ich einst aus dieser Welt gehe, lächle und sage, jetzt freue ich mich auf das Neue, dann habe ich mein Ziel erreicht.

Herzlich, Ihr Jürgen Pahl

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