"Fair-Play"-Wertung bei der WM Das hat mit Fußball nichts zu tun

Punkte gleich, Tore gleich - nur weil Senegal zwei Gelbe Karten mehr kassierte, ist das Team raus bei der WM, Japan im Achtelfinale. "Fair-Play-Wertung" nennt das die Fifa, tatsächlich ist es das Gegenteil. Es gäbe eine viel bessere Lösung.

Salif Sané sieht im Spiel gegen Polen Gelb
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Salif Sané sieht im Spiel gegen Polen Gelb

Ein Kommentar von 


Jeweils vier Tore erzielt, vier Tore kassiert - und damit vier Punkte geholt. Mit dieser Bilanz beendeten sowohl Japan als auch Senegal ihre WM-Vorrundengruppe H. Das direkte Duell zwischen den beiden Teams endete mit einem 2:2, ebenfalls ohne Sieger. Und nun?

Laut Fifa-Reglement entscheidet über die Achtelfinal-Teilnahme in einem solchen Fall die Anzahl der Gelben und Roten Karten, die die Teams in den drei Spielen der Vorrunde gesammelt haben: Ein Team reist als Gruppendritter ab (Senegal), das andere steht im Achtelfinale (Japan).

Präziser: Für die Afrikaner ist das Turnier nur deshalb beendet, weil das Team zwei Verwarnungen mehr bekommen hat als die japanischen Spieler. Zwei Gelbe Karten! "Fair-Play-Wertung" nennt die Fifa dieses vorletzte ihrer Platzierungskriterien, das nur auf den ersten Blick befriedigender wirkt als der ultimative Losentscheid. Dabei ist diese Regelung in erster Linie nur bequem - aber eben nicht "fair".

Die Gelbe Karte ist eine individuelle Strafe. Eine Verwarnung signalisiert dem jeweiligen Spieler, dass sein ganz persönlicher Rahmen geschrumpft ist, in dem er sich für den Rest der Spielzeit bewegen darf, so er denn bis zum Schlusspfiff mitwirken möchte. Einzelne Gelbe Karten haben keine negativen Folgen für die Mannschaft. Übrigens: Auch der Einwand, in fast allen Wettbewerben werde doch nach einer bestimmten Zahl von Verwarnungen eine Spielsperre fällig, macht aus der Gelben Karte keine Kollektivstrafe. Die Mannschaft muss dann im nächsten Spiel ja trotzdem nicht in Unterzahl antreten.

Unterschiedliche Spielsituationen und Referees

Die Zahl der Gelben Karten als Trennlinie zwischen punkt- und torgleichen Mannschaften zu bemühen, ist ungerecht: Zu unterschiedlich sind die denkbaren Spielsituationen, in denen sich die Teams tatsächlich auf dem Platz gegenüberstehen. Hier eine hektische Schlussphase, dort nicht. Dazu kommen die höchst unterschiedlichen Linien der Schiedsrichter. Hier wird früh ein Zeichen gesetzt, dort eher großzügig geleitet. Beides im Rahmen der Regeln absolut okay.

Die einzig harte Währung im Fußball sind: Tore. Wer nach 90 (plus x) Minuten mehr davon erzielt hat, gewinnt das Spiel. Punkt. Die Strategie auf dem Weg dorthin sollte egal sein, das "Fair-Play"-Kriterium ist vollkommen willkürlich gewählt. Gleiches gilt für die Ideen, das Team mit der höheren Anzahl von Torschüssen oder Eckbällen zu belohnen, für offensives Spiel also. Auch der Blick auf die Fifa-Weltrangliste wird für diese seltenen Tabellensituationen richtigerweise nicht mehr herangezogen - wobei übrigens die Frage, ob dabei die besser- oder die schlechter platzierte Mannschaft den Vorzug erhalten sollte, ein ganzes Ethikseminar beschäftigen könnte.

Zwei gerechte Lösungen

Im Grunde gibt es nur zwei gerechte Lösungen für dieses Problem, die aus Gleichem nicht Ungleiches machen: Über das Weiterkommen entscheidet am Ende tatsächlich der brutale Zufall eines Losentscheids. Beide Teams kommen mit einer 50-Prozent-Chance in den Topf und sind damit absolut gleich in ihren Chancen auf das Achtelfinale. Wie sie nun einmal auch absolut gleich in der Vorrundentabelle waren. Obwohl - wirklich "fair" wird auch das am Ende wieder nur finden, wer dann auch tatsächlich gezogen wird.

Oder die punkt- und toridentischen Teams treffen sich noch einmal dort, wo im Fußball nun einmal die Wahrheit liegt: auf dem Platz. Entscheidungsspiel. Möge der Bessere gewinnen. Aber der enge Terminplan? Der lässt das doch gar nicht zu, oder? Ach, was! Dann muss der Veranstalter eben nach dem Ende der Gruppenphase drei oder vier Tage freihalten - für just solche Fälle.

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insgesamt 128 Beiträge
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Seite 1
harke 28.06.2018
1. Nein
Los ist unfairer. Eine Mannschaft, die unfair spielt, sollte nicht belohnt werden. Fair Play. Das ist schwer zu akzeptieren für Leute, die unbedingt Senegal weiter sehen wollten wie der Autor.
derivo 28.06.2018
2. Und wenn
Was, wenn drei oder vier mannschaften gleich abschneiden? Einfach die vorrunde nochmal spielen? Und nochmal...
Gmorker 28.06.2018
3. Kommentar
Gut das das ganze als Kommentar gekennzeichnet ist. "Es gäbe eine viel bessere Lösung." - ist nämlich eine an subjektivität kaum zu überbietende Aussage. Ein Losentscheid ist zwar vielleicht fair, aufgrund der exakt gleichen Bedingungen, aber von einer Fussballerischen Lösung weiter entfernt als die zurückgelegte Laufentfernung der Mannschaft pro Lebensjahr der Spieler (ein maximal unsinniger Wert, aber immer noch näher am Fussball als ein Losentscheid). Ein zusätzliches Spiel in den ohnehin engen Terminkalender zu quetschen ist einerseits kaum möglich und andererseits würde die weiterkommende Mannschaft automatisch dadurch benachteiligt, das sie eben 90 Minuten mehr Spielzeit in den Knochen hat, während der Gegner schon am regenerieren war. ... da die Fairplay-Wertung auch grade das erste mal zum Einsatz kommt, ist es insgesamt Unfug, daran rumändern zu wollen, die Regel wird einfach so selten benötigt, das es okay ist, eine vielleicht nicht optimale, aber wenigsten Fussball-bezogene Wertung zu nutzen. Und Fairplay ist sehr wohl eine Messlatte, an der sich eine Mannschaft insgesamt messen lassen kann und muss. Es gibt immerhin auch immer wieder Fairplay Pokale und es wird immer wieder ewig lang über mutmaßliche Fouls und gelbe oder rote Karten diskutiert... daher Fazit: wenn es nicht kaputt ist, repariers nicht.
tropfstein 28.06.2018
4. Beim Schach gibt es Feinwertung
Beim Schach, wo gleiche Punktzahlen oft vorkommen, gibt es ausgefeilte Systeme zur "Feinwertung". Nach dem System Sonneborn-Berger hätte z.B. Japan die Nase vorn, weil ihr Sieg über den Gruppenersten Kolumbien höher bewertet würde als Senegals Sieg über den Gruppenletzten Polen.
Neapel-Palermo 28.06.2018
5. Wie wäre es mit 11-Meter schießen
zwischen den beiden Teams? Das dauert höchstens eine halbe Stunde, hat einen hohen Unterhaltungswert und ist immer noch gerechter als ein Losverfahren.
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