Fall Amerell Ende des Versteckspiels

"Ich bin zufrieden mit dem Tag": Manfred Amerell wertet den Vergleich mit dem DFB in der Schiedsrichter-Affäre als Erfolg. Jetzt will er sich in einer Fernseh-Talkshow ausführlich zu seiner Beziehung mit Kollege Michael Kempter äußern - und ihn sowie drei andere Schiedsrichter verklagen.

Kläger Amerell: Einsicht in die Eidesstattlichen Versicherungen
dpa

Kläger Amerell: Einsicht in die Eidesstattlichen Versicherungen

Von Sebastian Winter und Clemens Gerlach


Der Sitzungssaal 270 im zweiten Stock des Münchner Justizpalastes hat eine lange Geschichte hinter sich. Hier wurden schon im "Dritten Reich" Prozesse geführt, hier wurden die Geschwister Sophie und Hans Scholl sowie Christoph Probst, Mitglieder der Widerstandsorganisation Weiße Rose, 1943 zum Tode verurteilt.

Die alten Stuckverzierungen sind längst entfernt worden aus dem Saal, die Holzstühle und -bänke durch gepolsterte Stühle ersetzt, anstelle der Hängeleuchten erhellen Deckenstrahler den Raum. Und natürlich liegt der Causa Amerell gegen den Deutschen Fußball-Bund (DFB), die am Donnerstag hier verhandelt wurde, nicht im Entferntesten diese Bedeutungsschwere zu Grunde. Es ging um angebliche sexuelle Übergriffe des früheren Schiedsrichters Manfred Amerell und seine Klage auf Unterlassung dieser vom DFB aufgestellten Vorwürfe.

Um ein Uhr warten rund 150 Journalisten, Kameramänner, Fotografen und ein paar neugierige Bürger im größte Sitzungssaal des Justizpalastes ungeduldig auf den Prozessbeginn. Allein: Kläger und Beklagter kommen nicht. Sie verhandeln, das wird später klar, seit 11.30 Uhr ein paar Türen weiter über einen Vergleich, damit es nicht vor Gericht zu einer öffentlichen Schlammschlacht kommt. Die Zeit verrinnt, der Medientross sitzt, redet, läuft hinaus, falscher Alarm, läuft wieder hinein. Die Gerichtssprecherin vertröstet die Schar ein Mal, dann ein zweites Mal. "Noch eine halbe Stunde, bitte."

Um 14.55 erst kommen die Protagonisten. Amerell betritt mit drei Anwälten den Raum. Neben Jürgen Langer sind es zwei Juristen der Kanzlei Paproth, Metzler & Partner. Amerell scheint das minutenlange Blitzlichtgewitter zu genießen, er steht bereitwillig noch einmal auf, als er von den Fotografen und Kameraleuten dazu gebeten wird.

Der 63-Jährige tauscht sich mit seinen Anwälten aus, lächelt. Und doch ist auch ihm, dem Kläger, die Anspannung anzusehen. Adern pulsieren an seiner Schläfe, er kaut Kaugummi. Die Anwälte des DFB, Chefjustiziar Jörg Englisch und Medienrechtler Christian Schertz, sitzen gegenüber der Klägerbank auf ihren Stühlen.

"Zivilprozess in jeder Hinsicht erfolgreich"

Richter Peter Lemmers eröffnet die nur fünfminütige Sitzung launig: Eigentlich hätten sich beide Seiten bereits am Mittwochabend einigen wollen, doch dann sei das Länderspiel dazwischengekommen. Danach kommt Lemmers schnell zur Sache. Ein Vergleich sei geschlossen worden in jenen dreieinhalb Stunden, die beide Parteien zusammengesessen waren.

Amerell dürfe die Originale der Eidesstattlichen Versicherungen lesen, in denen Schiedsrichter ihn belasten. Das war ihm vom DFB zuvor nicht erlaubt worden. Allerdings müsse er 25.000 Euro Strafe zahlen, falls er die Namen der bisher nicht in der Öffentlichkeit bekannten Schiedsrichter, die die Erklärungen verfasst haben, anderen Personen als seiner eigenen Ehefrau nennt. Auch nehme Amerell seinen Antrag auf Unterlassungsklage zurück. Dem DFB sei es somit weiterhin gestattet, die Vorwürfe zu verbreiten. Punkt.

"Die öffentliche Sitzung ist hiermit beendet."

Und geht in anderer Form an einem anderen Ort weiter. Amerells Anwalt verwies auf einen geplanten TV-Auftritt des ehemaligen Schiedsrichters am Donnerstagabend in der Sendung "Kerner" (Aufzeichnung beginnt um 22.15 Uhr, Sat.1). "Mein Mandant wird sich zum weiteren Vorgehen äußern", sagte Langer, "bitte haben Sie Verständnis, dass ich jetzt keine Details nennen kann". Schon vorab wurde bekannt, dass Amerell in der Sendung erklärt hatte, dass "alle vier demnächst vom Staatsanwalt hören werden".

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wird Amerell bei seinem Auftritt im Fernsehen außerdem ausführlich über sein Verhältnis zu Kempter reden. Wie zu erfahren war, plant der 62-Jährige, "klare Aussagen" über die Art der Beziehung zu tätigen, die über einen "langen Zeitraum" bestanden habe. Tenor: Er, Amerell, habe Kempter keinesfalls zwingen müssen, gemeinsam Zeit zu verbringen.

Mit dem Ausgang des Verfahrens war Langer sehr zufrieden. "Für uns ist es bestmöglich gelaufen", sagte er SPIEGEL ONLINE. "Wir haben unser Hauptziel erreicht und erhalten nun Einblick in die Unterlagen. So kennen wir Ross und Reiter und können zum Inhalt der Vorwürfe endlich Stellung beziehen." Auch Amerell sah sein Ziel erreicht: "Ich bin zufrieden mit dem Tag. Der Sinn der Sache war, dass wir die Namen kriegen", sagte er und war froh über das Ende des "Versteckspiels": "Ich weiß jetzt, wer das ist - und das ist gut so."

"Information, dass ich am Sonntag pfeifen soll"

Wann die Durchsicht der DFB-Unterlagen abgeschlossen sei, konnte Langer nicht sagen. Auch zu möglichen Strafanzeigen gegen die drei anderen Schiedsrichter, die wie Kempter Amerell belastet hatten, wollte sich Langer nicht äußern.

Derweil berichtet Sat.1 unter Berufung auf DFB-Kreise, dass Kempter offenbar am Wochenende noch nicht auf den Platz zurückkehren wird. Kempter sagte dazu: "Bislang habe ich die Information, dass ich am Sonntag pfeifen soll." Der für die Ansetzungen zuständige Schiedsrichterausschuss-Vorsitzende Volker Roth erklärte am Abend: "Das steht noch nicht fest." Ursprünglich war angedacht, dass der 27-Jährige am Sonntag ein Zweitliga-Spiel leiten soll. Im Gespräch war die Partie zwischen Union Berlin und dem MSV Duisburg. Kempter war zuletzt von Einsätzen freigestellt worden.

Mit Material von dpa und sid

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Seite 1
zzipfel 04.03.2010
1. Kabale und Liebe
frei nach Fr. Schiller... aber muss denn diese Art Wäsche unbedingt in aller Öffentlichkeit gewaschen werden? Wie ungeschickt. Die Herren sollten sich ein Beispiel an der diskreten Behandlung von Affairen in der katholischen Kirche nehmen. Irgendwie persönlich traurig für die Beteiligten, allerdings - gäbe es die vielen Fussballfans wenn diese erotische Komponente nicht das Allerwichtigste des Fussballsports wäre? Dieses Anspringen "fescher Mannsbilder" nach nem Torfall, das Posieren mit entblößten Oberkörpern vor den erregten überwiegend männlichen Fans? Es gibt doch sicher keinen anderen Grund, weshalb soviele erwachsene Männer sich diesen Quatsch jeden Samstag ganz verzückt stundenlang ansehen? Schon lustig - irgendwie - alles Porno.
heinobern 04.03.2010
2. Einigung über weiteren Streit
Das ist die Lachnummer - DFB und Amerell einigen sich darauf, dass weiter gestritten werden darf. Der DFB darf Amerell weiter beschießen und der bekommt jetzt vom Gegner noch die Munition, um zurückschießen zu können. Im Prinzip befindet sich der DFB-Präsident in einer ähnlichen Situation wie weiland Ulli Hoeneß nach dem Koks-Vorwurf gegenüber Christoph Daum. Mit dem Unterschied, dass diesmal keine Haarprobe für Klarheit sorgen kann. Gut möglich, dass Herr Zwanziger diesmal ein so gewaltiges Eigentor schießt, dass in Frankfurt nicht nur das Gebälk zittert, sondern auch das Netz zerreißt.
UfSi 04.03.2010
3. Ihre Sicht...
Zitat von zzipfelfrei nach Fr. Schiller... aber muss denn diese Art Wäsche unbedingt in aller Öffentlichkeit gewaschen werden? Wie ungeschickt. Die Herren sollten sich ein Beispiel an der diskreten Behandlung von Affairen in der katholischen Kirche nehmen. Irgendwie persönlich traurig für die Beteiligten, allerdings - gäbe es die vielen Fussballfans wenn diese erotische Komponente nicht das Allerwichtigste des Fussballsports wäre? Dieses Anspringen "fescher Mannsbilder" nach nem Torfall, das Posieren mit entblößten Oberkörpern vor den erregten überwiegend männlichen Fans? Es gibt doch sicher keinen anderen Grund, weshalb soviele erwachsene Männer sich diesen Quatsch jeden Samstag ganz verzückt stundenlang ansehen? Schon lustig - irgendwie - alles Porno.
ekelt mich an, weil: 1. ich mal Schwerarbeiter, gut ausgeprägt war... 2. Ich, nackt schlafend auf einem sehr einsamen Felsen (Teneriffa) von einer Schwuchtel bedatscht wurde (als ich ihm gewahr wurde, hätte ich den fast umgebracht). Durchtrainierte Männer lieben sich eher selbst und danach Frauen, in ca 95 % aller Fälle. - Aber, klar, sexuell orientierte Minderheiten haben ihre eigene Biometrie.
zzipfel 04.03.2010
4. Fussballfans
Zitat von UfSiekelt mich an, weil: 1. ich mal Schwerarbeiter, gut ausgeprägt war... 2. Ich, nackt schlafend auf einem sehr einsamen Felsen (Teneriffa) von einer Schwuchtel bedatscht wurde (als ich ihm gewahr wurde, hätte ich den fast umgebracht). Durchtrainierte Männer lieben sich eher selbst und danach Frauen, in ca 95 % aller Fälle. - Aber, klar, sexuell orientierte Minderheiten haben ihre eigene Biometrie.
Den Zusammenhang sollten Sie mir mal erläutern: war das einer dieser Fussballfans der Sie betatscht hat? War der Ihnen nicht "trainiert" genug? (Ich versteh diese Leute ja auch nicht, die sich nicht genug am Treiben auf dem Rasen ergötzen können.) Durchtrainierte Männer lieben in ca 95% durchtrainierte Männer und danach ihre Frauen? Klingt irgendwie auch ganz lustig. Und erklärt vieles.
Achim 04.03.2010
5. Falscher Felsen
Zitat von UfSiekelt mich an, weil: 1. ich mal Schwerarbeiter, gut ausgeprägt war... 2. Ich, nackt schlafend auf einem sehr einsamen Felsen (Teneriffa) von einer Schwuchtel bedatscht wurde (als ich ihm gewahr wurde, hätte ich den fast umgebracht). Durchtrainierte Männer lieben sich eher selbst und danach Frauen, in ca 95 % aller Fälle. - Aber, klar, sexuell orientierte Minderheiten haben ihre eigene Biometrie.
Vielleicht war's der falsche Strand oder der falsche Felsen. Ich bin mal in Andalusien an einem wunderschönen, aber sehr frauenarmen Strand gelandet. Einer kam an, fragte »Eres gay?«, ich sagte »no«, und er zog von dannen. Er wusste, woran er war, und ich wusste daraufhin, wo ich war. Also alles kein Problem. Man muss nicht gleich zuschlagen ;-)
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