Fall Amerell Zwanziger spricht von mehr als vier Betroffenen

Laut DFB-Chef Theo Zwanziger gibt es in der Affäre um den ehemaligen Schiedsrichter und DFB-Funktionär Manfred Amerell mehr Betroffene als bisher angenommen. In anonymen Briefen seien Hinweise eingegangen, denen nun nachgegangen werde. Amerell will in dem Fall vor Gericht ziehen.

DFB-Präsident Zwanziger: "Mehr als vier Betroffene"
dpa

DFB-Präsident Zwanziger: "Mehr als vier Betroffene"


Hamburg - Der Fall Amarell weitet sich aus. "Die kolportierte Zahl von vier Betroffenen ist falsch. Es sind mehr", sagte Zwanziger der "Welt" und dem "Hamburger Abendblatt". Außerdem seien teilweise anonyme Briefe mit Hinweisen eingegangen, die nun verfolgt würden. Amerell soll mindestens einen Schiedsrichter sexuell belästigt haben. Er bestreitet alle Vorwürfe. Seine Verbandsämter hat Amerell niedergelegt.

Zwanziger sagte, dass es bei den Vorwürfen gegen Amerell "im Kern um den Missbrauch eines Amtes" gehe. "Das Problem ist doch, wenn ein Abhängigkeitsverhältnis entsteht, dass zu Vor- oder Nachteilen für junge Schiedsrichter führt. Das ist für ein objektives Beurteilungsverfahren nicht akzeptabel", sagte der DFB-Boss weiter.

Amerell will DFB-Vorwürfe vor Gericht überprüfen lassen

Nach dem Ende der internen DFB-Ermittlungen wird möglicherweise eine Gerichtsverhandlung mehr Licht in den Fall bringen. Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" wird das Landgericht München I eine mündliche Verhandlung anberaumen. Anlass ist dem Blatt zufolge, dass dem Gericht ein Antrag auf Erlass einer Einstweiligen Verfügung auf Unterlassung vorliege. Laut der Münchner Anwaltskanzlei Paproth, Metzler und Partner, die Amerell vertritt, solle dieser Termin bereits Anfang März stattfinden.

Amerells Rechtsanwalt Jürgen Langer habe den Antrag am 18. Februar gestellt, zwei Tage, nachdem DFB in einer Presseerklärung schwere Vorwürfe gegen Amerell erhoben hatte, berichtete die Zeitung weiter. "Im Wesentlichen wird es um die Prüfung der Frage gehen, ob Herr Amerell, wie vom DFB behauptet, in der Vergangenheit mehrere Personen bedrängt und/oder belästigt hat und ob es zu den behaupteten Übergriffen gekommen ist", sagte Amerells Anwalt Jürgen Langer dem Blatt.

Der Schritt vor Gericht könnte neue Brisanz in den Fall bringen, denn Inhalte der verbandsinternen Anhörungen könnten öffentlich verhandelt werden. Da es um die Glaubhaftmachung der Vorwürfe gehe, so die Zeitung, könnte dies auch Zeugeneinvernahmen erfordern. Langer sagte der Zeitung zufolge, er habe bis zuletzt vergeblich auf Akteneinsicht beim DFB gedrängt. Laut "SZ" hat Langer erklärt, dass DFB-Präsident Theo Zwanziger auf die Möglichkeit des Klagewegs verwiesen habe.

Kempter-Comeback im März

Schiedsrichter Michael Kempter hatte die Affäre ins Rollen gebracht, als er sich an Schiedsrichter-Boss Volker Roth wandte. Der Referee, der derzeit nicht eingesetzt wird, soll nach dem Willen von Zwanziger nun auch so schnell wie möglich wieder in den Spielbetrieb eingegliedert werden. "Er hat sich nicht als homosexuell bezeichnet und es spielt auch keine Rolle. Die Fans können zeigen, ob sie so sind, wie sie beim Tod von Robert Enke waren, oder doch ganz anders."

Kempter soll im März erstmals wieder pfeifen. Dies kündigte der Vorsitzende des DFB-Schiedsrichter-Ausschusses, Volker Roth, an. Roth sagte, er plane die Rückkehr von Kempter bis Mitte des kommenden Monats. Der 27-Jährige solle zunächst in der Zweiten Bundesliga ein Spiel erhalten. Schon am Mittwoch hatte sich Zwanziger für ein schnelles Comeback von Kempter ausgesprochen.

Wie Zwanziger forderte auch Roth von den Fans einen fairen und respektvollen Umgang mit Kempter, dessen Aussagen die Angelegenheit um Amerell ins Rollen gebracht hatten. Kempter, der derzeit im Urlaub ist, hatte signalisiert, dass er noch in dieser Saison wieder im Einsatz sein will. "Wenn ich ein halbes Jahr Pause machen müsste, könnte ich gleich aufhören", sagte Kempter dem "Kicker".

Zwanziger: Amerell sollte die Wahrheit einräumen

Zwanziger sagte, er mache sich aber auch um Amerell selbst Gedanken, weil dieser bereits Suizidgedanken geäußert habe. "Darüber mache ich mir Sorgen", sagte er. Die Affäre müsse jedoch restlos aufgeklärt werden: "Es kann nicht jeder, der Suizidgedanken äußert, plötzlich als Opfer gelten, und wir stellen dann unsere Ermittlungen ein. Für ihn wären jetzt gute Freunde wichtig, die ihn richtig beraten und ihn zur Einsicht und zur Bereitschaft bringen, die Wahrheit einzuräumen."

Zwanziger hatte am Mittwoch gesagt, dass aus Gesprächen mit den Betroffenen und "weiteren im Schiedsrichterwesen tätigen Personen" die Erkenntnis stehe, dass Amerell sich pflichtwidrig verhalten habe. Er habe den Eindruck gewonnen, "dass es zwischen Manfred Amerell und Michael Kempter eine Beziehung gegeben haben muss." Amerell hatte dem DSF gesagt: "Ich schließe das aus, Kempter bedrängt oder belästigt zu haben."

Der Fall Amerell hatte auch zu einer Diskussion um die Organisationsstrukturen des Schiedsrichterwesens geführt. Der ehemalige Referee Herbert Fandel soll dem scheidenden Schiedsrichter-Boss Roth im Herbst nachfolgen und entsprechende Neuerungen einleiten. Von der angedachten Ausgliederung der Unparteiischen zum Beispiel unter die Obhut der Deutschen Fußball Liga (DFL) hält Zwanziger hingegen nichts: "Wer gibt mir denn die Garantie, dass alles besser läuft, nur weil jetzt die DFL zuständig sein sollte?"

ulz/dpa

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