Fall Babak Rafati Viele Fragen, kaum Antworten

Seit drei Tagen rätselt Fußball-Deutschland: Was hat Schiedsrichter Babak Rafati dazu veranlasst, sich das Leben nehmen zu wollen? Verlässliche Informationen gibt es wenige, dafür viele Spekulationen. Spitzenfunktionäre des DFB geben bei dem Fall kein gutes Bild ab.

Schiedsrichter Rafati: Nach Suizidversuch in stationärer Behandlung
dapd

Schiedsrichter Rafati: Nach Suizidversuch in stationärer Behandlung

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Wo befindet sich Babak Rafati? Warum wollte er sich das Leben nehmen? Depressionen? Waren es private Probleme, die ihn in den Suizidversuch trieben? Oder ist es doch der große Druck, dem Bundesliga-Schiedsrichter ausgesetzt sind? Es gibt viele Fragen und noch mehr Spekulationen um Babak Rafati, aber kaum Antworten.

Drei Tage ist es nun her, dass der 41-Jährige von seinen Schiedsrichterkollegen in einem Kölner Hotel gefunden wurde. Seitdem wird in der Öffentlichkeit über die Beweggründe des Selbsttötungsversuchs spekuliert. Fest steht bislang nur: Rafati leidet unter einer der Öffentlichkeit nicht bekannten Krankheit, wegen der er sich mittlerweile in stationärer Behandlung befindet. Alles andere sind Spekulationen. Ausgelöst von einem Mann, der wohl besser geschwiegen hätte: Theo Zwanziger.

Als der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) am Samstagnachmittag den Presseraum des Kölner Stadions betrat, war es mal wieder Zeit für eine dieser Betroffenheits-Pressekonferenzen, wie sie Zwanziger gerne abhält, wenn es um menschliche Schicksale und Dramen geht. Doch im Gegensatz zum Fall Robert Enke, als der DFB-Boss die angemessenen Worte zum Suizid des Torwarts von Hannover 96 fand, waren es dieses Mal die falschen.

Zwanziger tritt die Welle der Spekulationen los

Zwanziger machte am Samstag in Köln zwei Fehler. Erst bat er die anwesenden Journalisten darum, "mir Einzelheiten zu ersparen", sagte im direkt folgenden Satz aber: "Richtig ist, dass er (Rafati, Anm.d.Red.) in der Badewanne lag und es natürlich auch viel Blut zu sehen gab." Dieses Detail zu nennen, war unklug, aber der kleinere Fehler. Schlimmer war, was Zwanziger sagte, als er auf die Gründe für den Suizidversuch zu sprechen kam: "Ich weiß da auch kaum noch eine Antwort drauf. Ich kann es mir nur so erklären, dass der Druck auf unsere Schiedsrichter aus den unterschiedlichsten Gründen ungeheuer hoch ist." Es war ein Satz, mit dem Zwanziger die Welle der Spekulationen lostrat.

Was den DFB-Boss zu seinen Aussagen trieb, ist nicht bekannt. Retten konnte Zwanziger aber nichts mehr. Auch nicht, als er seinen Sprecher Stephan Brause am Dienstag nach vorne schickte und zu möglichen Konsequenzen im Fall Rafati vermelden ließ: "Wir werden uns dazu nicht äußern, bis die Gründe klar sind."

"Bild"-Zeitung stellt den Fall Rafati in eine Reihe mit Enke

Die Einsicht kam zu spät. Denn der Grund für den Suizidversuch schien zu diesem Zeitpunkt längst gefunden: das unmenschliche Schiedsrichterwesen. Die Folge waren Spekulationen, ob Rafati unter der Kritik an seinen teils schwachen Leistungen in der Bundesliga litt. Oder unter dem Verlust seines Status als Fifa-Referee. Oder ob ihm eine mögliche Verwicklung in den aktuellen Steuerskandal um DFB-Schiedsrichter nachgewiesen werden könnte. Alles ist möglich, nichts bestätigt.

Die "Bild"-Zeitung etwa fragte in großen Lettern "Wie krank macht die Bundesliga?" und betrachtete dabei alle Fälle der vergangenen zwei Jahre. Enke, Markus Miller, Ralf Rangnick, Breno, Martin Fenin - alle krank. Natürlich sind oder waren sie das. Aber ein Erschöpfungssyndrom (Rangnick) mit einem Suizid infolge von Depressionen (Enke) indirekt gleichzusetzen, ist gefährlich.

Eine öffentlich bekannte Diagnose oder zumindest Gründe für den drastischen Schritt gibt es im Fall Rafati (noch) nicht. Während SPIEGEL ONLINE in diesem Zusammenhang die Belastung der Schiedsrichter thematisierte, vermeldete die "Kölnische Rundschau", der Suizidversuch sei auf private Gründe zurückzuführen. Nach der Auswertung eines zerknüllten und von Rafati unter Alkoholeinfluss bekritzelten Stück Papiers kam ein Ermittler zu dem Schluss: "Es geht nicht um Überforderung im Fußball." Der Vater von Rafatis Freundin sagte hingegen der "Bild"-Zeitung, im Privaten sei alles in Ordnung gewesen.

Nun dienten diese Art der Berichterstattung, diese ganzen Spekulationen keinem Selbstzweck. Die Medien bedienen damit in erster Linie das große Interesse an der Person Babak Rafati. Das Leid anderer Menschen ist immer ein Thema, zumal wenn sie öffentliche Personen sind. Und Rafati ist eine Person des öffentlichen Lebens.

Nahrung erhalten die vielen Berichte auch durch die Spekulationen derjenigen, die Lehren aus dem Fall Rafati ziehen wollen, aber die Hintergründe nicht kennen. So wie Zwanziger es am Samstag in Köln getan hat. Den gleichen Fehler hat Herbert Fandel, Vorsitzender der DFB-Schiedsrichter-Kommission, gemacht, als er in der "Bild"-Zeitung forderte, mit der Jagd auf die Unparteiischen "muss endlich Schluss sein". Also doch zu viel Druck für Rafati? Dazu Fandel: "Babaks Beweggründe kenne ich noch nicht." Genauso wenig wie alle anderen - bis auf Rafati selbst.

insgesamt 55 Beiträge
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paulibahn 23.11.2011
1. nachahmung
warum müssen die medien in diesem fall überhaupt spekulieren? jede medial verwertung eines suizids bzw suizidversuchs ruft bekanntermaßen leider nachahmer auf den plan. von daher wäre es besser, die berichterstattung über herrn rafati einzustellen und ihm einfach nur zu wünschen, dass es ihm bald besser geht.
Mitten in Bayern, 23.11.2011
2. Treffend
Zitat von sysopSeit drei Tagen rätselt Fußball-Deutschland: Was hat Schiedsrichter Babak Rafati dazu veranlasst, sich das Leben nehmen zu wollen? Verlässliche Informationen gibt es wenige, dafür viele Spekulationen. Spitzenfunktionäre des DFB geben bei dem Fall kein gutes Bild ab. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,799203,00.html
Ein treffender Kommentar. Herr Zwanziger betreibt dieses Spiel sehr gerne. In seiner Pietätlosigkeit versuchte er noch am Samstag, das ganze in eine bestimmte Richtung zu instrumentalisieren, nur um von den gemachten Fehlern im Verband abzulenken. Und Fandel stellt mit seinen Ausführungen jeden, der Schiedsrichter benotet oder kritisiert als jemand hin, der Schuld an solchen Vorfällen ist. Gesinnungsterrorismus aus Frankfurt von der infamsten Sorte.
Bakterie, 23.11.2011
3. Warum Fragen?
Das ist eine private Sache die niemanden, wirklich niemanden etwas angeht. Nur weil Babak Rafati in der BuLi als Schiri fungiert, heißt das noch lange nicht, dass Journalisten oder irgendjemand anderes das Recht auf "Antworten" haben. Dies muss Babak Rafati mit sich und vllt seiner Familie ausmachen.
djchrisi, 23.11.2011
4.
Vielleicht gehen uns die Motive von Schiedsrichter Rafati auch einfach nichts an. Ich möchte auch Zwanziger in Schutz nehmen. Man ist in einer solchen Situation doch geschockt und durch den Wind. Das man dann nicht alles richtig sagt, sollte man ihm nicht vorwerfen.
frubi 23.11.2011
5. Fall Babak Rafati: Viele Fragen, kaum Antworten ....
Zitat von sysopSeit drei Tagen rätselt Fußball-Deutschland: Was hat Schiedsrichter Babak Rafati dazu veranlasst, sich das Leben nehmen zu wollen? Verlässliche Informationen gibt es wenige, dafür viele Spekulationen. Spitzenfunktionäre des DFB geben bei dem Fall kein gutes Bild ab. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,799203,00.html
und das ist auch gut so. Was haben uns die Gründe zu interessieren? Das ist Privatsache. Vor allem dann, wenn bis vor kurzem nur Fußball-Begeisterte diesen Namen überhaupt kannten. Ich will weder wissen, wo Rafatti gefunden wurde, noch will ich wissen, was die Gründe für diesen Selbstmordversuch waren. Sollte sich grob abzeichnen, dass es was mit seiner Tätigkeit als Schiedsrichter zu tun hat, wäre das eine Aufgabe für den DFB und seine Schiedsrichter Abteilung aber kein Vorgang von öffentlichem Interesse.
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