Fan-Angriff in Hamburger Kreisliga "Haben auf so was überhaupt keinen Bock!"

Die Angreifer waren vermummt, hatten Zaunlatten und Schlagstöcke dabei: Anhänger des FC St. Pauli haben Gästefans attackiert - bei einem Spiel in der Kreisliga. Hintergrund könnte die Rivalität zum Hamburger SV sein.

Kunstrasenplätze des FC St. Pauli neben dem Millerntorstadion
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Kunstrasenplätze des FC St. Pauli neben dem Millerntorstadion

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Der FC St. Pauli ist stolz auf seinen Ruf als etwas anderer Fußball-Verein, und es gibt viele Gründe dafür, dass der Klub diesen Ruf zu Recht hat: die Stimmung bei den Heimspielen, der Einsatz gegen Rassismus, das Engagement für Flüchtlinge - und ganz grundsätzlich die Haltung, dass Gewinnmaximierung auf und neben dem Platz nicht alles ist. Jetzt wird allerdings ein Zwischenfall debattiert, der nicht ins Idealbild des Klubs passt.

Rund 50 Fans des FC St. Pauli haben am Sonntag gegnerische Anhänger angegriffen. Und zwar nicht bei einem Spiel der Profis, sondern vor der Partie der vierten Mannschaft gegen den HFC Falke (1:5), in der Kreisliga 2.

Die Angreifer lauerten den Gästefans auf dem Weg zur Sportanlage hinter dem Millerntorstadion auf, dunkel gekleidet und vermummt. Mit Zaunlatten und Schlagstöcken gingen sie auf die Falke-Anhänger los. Die angegriffenen Fans waren nicht auf der Suche nach Gewalt.

Die Auseinandersetzung dauerte nur wenige Minuten; als die Polizei eintraf, waren die Angreifer verschwunden. Beim Spiel war später niemand von ihnen zu sehen. Festnahmen gab es keine.

Mindestens drei Menschen wurden leicht verletzt. Die Rede ist von Schürfwunden, Blessuren und ein paar blauen Augen. Diese Version ergibt sich aus den Angaben der Polizei und von verschiedenen Augenzeugen.

Der FC St. Pauli bemüht sich um Distanzierung. "Wir haben auf so was überhaupt keinen Bock!", schrieb die vierte Mannschaft bei Twitter und gab an, keine eigene Ultra-Gruppe zu haben oder enge Kontakte in die Ultra-Szene des Klubs zu pflegen. "Wir haben damit also absolut nichts zu tun", meldete das Team. St. Paulis Präsident Oke Göttlich bat Falkes Präsidentin Tamara Dwenger um Entschuldigung. Sie nahm an.

Falke wurde von ehemaligen HSV-Fans gegründet

Um die Hintergründe des Angriffs auszuleuchten, ist ein Blick auf den HFC Falke wichtig. Der Klub hängt eng mit St. Paulis Stadtrivalen zusammen, dem Hamburger SV. Falke wurde im Sommer 2014 von langjährigen HSV-Fans gegründet. Von Leuten, die immer dabei waren, zu Hause und auswärts. Als der Verein seine Bundesliga-Abteilung in eine AG ausgliederte, wandten sie sich ab. Aus Protest gegen die Kommerzialisierung im Profifußball - und weil sie das Gefühl hatten, keine Heimat mehr beim HSV zu haben. Sie schufen sich eine neue Heimat, den HFC Falke. Der Klub gilt als Gegenentwurf zum HSV. Doch einige Falke-Fans gehen immer noch ins Volksparkstadion.

Der Verein vermutet, dass der Angriff im Zusammenhang mit anderen Vorfällen steht, die es in den vergangenen Wochen zwischen Fans von St. Pauli und HSV gab. Anfang des Monats attackierten vermummte HSV-Anhänger einen Kleinbus mit Fans des FC St. Pauli, eine Frau wurde schwer verletzt. Es rumort zwischen den Fans der beiden Klubs. Zumindest zwischen denen, für die Gewalt eine Form ist, Rivalität auszuleben.

Und möglicherweise greift dieses Rumoren jetzt auf Falke über. "Wir hätten nicht gedacht, in diesen Hamburger Ultra-Streit hineingezogen werden. Das wollen wir nicht", sagt Präsidentin Dwenger.

Das Hinspiel zwischen Falke und St. Paulis vierter Mannschaft im Oktober war harmonisch verlaufen, deshalb rechneten beide Seiten für das Rückspiel nicht mit Störungen. Besondere Sicherheitsmaßnahmen gab es nicht. Zum Ärger von Nils Kuntze-Braack, Falkes Fußball-Obmann: "Die Sicherheit hier ist nicht gewährleistet. Man hätte dieses Spiel nie anpfeifen dürfen", sagte er dem "Hamburger Abendblatt", noch während der Partie.

Am Tag danach äußert sich der Verein zurückhaltender, ist um Deeskalation bemüht. "Wir haben doch auch keine Lust, dass bei unseren Spielen fünf, sechs Polizeiwagen stehen. Wir reden über die achte Liga", sagt Präsidentin Dwenger.



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